Newsroom Zeitgeist

Wie und wieso wir über den SUV-Streit in Düsseldorf berichteten – und was wir zur Kritik daran sagen

25. September 2019

Wie und wieso wir über den SUV-Streit in Düsseldorf berichteten – und was wir zur Kritik daran sagen

Nachdem wir über eine SUV-Fahrerin berichtet haben, die sich auf Twitter über einen Vorfall in der Düsseldorfer Altstadt beschwert hatte, gab es im Netz viele Diskussionen über unseren Artikel. RP-Redakteurin Helene Pawlitzki nimmt Stellung zu der Kritik.

Ein Tweet der Düsseldorfer Unternehmerin Jessica Brück vom Sonntag hat im Netz heftige Reaktionen hervorgerufen. Sie hatte geschrieben, dass 15 Personen sie in ihrem SUV „beschimpft und offen bedroht“ hätten. Hunderte Nutzer verbreiteten den Tweet weiter oder kommentierten das Geschehen. Die Meinungen gingen stark auseinander: Manche Kommentatoren standen auf Seiten von Brück, andere auf Seiten von SUV-Hassern. Eine gemäßigte Position vertraten nur wenige.

Am Montag veröffentlichten wir einen Artikel über den Tweet und den Vorfall in der Altstadt. Er rückte relativ bald ebenfalls ins Zentrum einer heftig ausgetragenen Debatte auf Twitter. Hier beantworten wir einige Fragen, die dort aufkamen, und nehmen zu Kritik an unserer Recherche Stellung.

  • Wieso griff RP ONLINE das Thema auf? Ein Tweet, der von tausenden Menschen gesehen wird, erreicht automatisch eine gewisse Relevanz. Der Tweet von Jessica Brück griff Themen auf, die aktuell gesellschaftlich viel diskutiert werden: den Konflikt zwischen Klimaschutz und Autoverkehr, die Forderung vieler junger Menschen nach weniger Konsum und das schlechte Image von großen Autos wie SUVs. Unser Ziel bei der Berichterstattung: die Hintergründe zu dem Tweet erfahren und veröffentlichen, damit eine informierte Diskussion möglich ist. Ein weiterer wichtiger Faktor für uns ist geografische Nähe. Brück erzählt von einem Vorgang, der sich mitten in der Düsseldorfer Altstadt abgespielt haben soll. In keiner deutschen Großstadt gibt es so viele SUVs wie in Düsseldorf. Sollte es tatsächlich zu offenen Konflikten zwischen SUV-Fahrern und SUV-Hassern kommen, ist das für die Lokalredaktion natürlich ein Thema.
  • Wie lief die Recherche ab? Ich habe Jessica Brück kontaktiert und um ein Gespräch gebeten. Am Nachmittag schilderte sie mir am Telefon den Vorfall, über den sie getwittert hatte, aus ihrer Sicht. Ihr Mann, der ebenfalls im Auto gewesen war, bestätigte ihre Darstellung. Unsere Fotografin lichtete Jessica Brück vor ihrem Auto ab. Eine Anzeige bei der Polizei hatte Brück nicht erstattet, so dass ich den Vorfall nicht auf diesem Wege verifizieren konnte. Die Identität der 15 Personen, von denen Brück angegangen worden sein will, ist bisher nicht bekannt, so dass wir die „Gegenseite“ nicht befragen konnten, wie wir das normalerweise täten.
  • Warum hat RP ONLINE trotzdem berichtet? In ihrem Tweet hatte Jessica Brück von einem „Mob“ gesprochen, der sie „beschimpft und offen bedroht“ habe, auch von „Drohgebärden“hatte sie berichtet. Im Gespräch dagegen sprach sie von einer 15-köpfigen Gruppe relativ gut angezogener, nicht alkoholisierter Menschen um die 50. Nach ihrer Darstellung fielen Begriffe wie „Stadtpanzer“ und „fette Karre“, es wurde gesagt, sie habe in der Altstadt nichts verloren. Eine Beschimpfung oder Bedrohung konnten wir darin nicht erkennen. Daher fanden wir, der Artikel sei eine wichtige Ergänzung der öffentlichen Diskussion, denn er trägt aus unserer Sicht dazu bei, sich als Außenstehender ein besseres Bild von dem Vorfall zu machen, als der Tweet allein es erlaubt. Da es keine unabhängige zweite Quelle für den Vorfall in der Altstadt gibt, schilderte ich den Vorfall weitgehend im Konjunktiv, um zu verdeutlichen, dass es sich zunächst nicht um bestätigte Tatsachen, sondern um die Darstellung Brücks handelt. Ich schrieb außerdem einen Kommentar zum Thema.
  • Was waren die Kritikpunkte der Nutzer? Per E-Mail, Twitter und Kommentar auf unserer Seite erreichte uns Kritik aus unterschiedlichsten Perspektiven. Die einen warfen uns vor, SUV-Fahrer zu verteidigen. Die anderen warfen uns vor, SUV-Fahrer zu kritisieren. Da man sich als Journalist ja bekanntermaßen mit keiner Sache gemein machen soll, auch nicht mit einer guten, vermuten wir, dass wir irgendetwas richtig gemacht haben.
  • Woher kommen die Gerüchte, es handele sich bei der Geschichte um einen Fake? In Jessica Brücks Twitter-Profil steht, sie sei aktives Mitglied der FDP. (Das stand auch in unserem Artikel.) Am Freitag hatte Brück einen Tweet von Christian Lindner weiterverbreitet, in dem er mit den Worten „Wir brauchen keinen Kulturkampf gegen das Auto (…)“ auf seinen Gastbeitrag zum Thema Mobilität hinwies. Nachdem sie über den Altstadt-Vorfall getwittert hatte, tauchten relativ schnell Screenshots von Tweets auf, die einen ähnlichen Wortlaut hatten. Einer dieser Tweets von @tweety30stm war zeitlich vor dem Tweet von Jessica Brücks Profil abgesetzt worden. (Der Tweet ist gelöscht, das Profil inzwischen deaktiviert.) So entstand die Theorie, es handele sich um einen erfundenen Vorfall und eine konzertierte Aktion, möglicherweise aus den Reihen der FDP.
  • Was ist dran an den Gerüchten? Nach unseren Recherchen handelt es sich bei der Geschichte nicht um einen Fake. Ich habe Jessica Brück auf die Unstimmigkeiten angesprochen. Das Ergebnis: RP ONLINE liegt eine schlüssige Erklärung dafür vor, wer hinter @tweety30stm steckt und warum es den früheren Tweet von diesem Profil gibt. Gegen eine Veröffentlichung der Details haben wir uns aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen entschieden (so wie übrigens auch der WDR, der ebenfalls recherchiert und berichtet hatte). Ein anderer Twitter-User, der einen identischen Tweet verbreitete, hat eingeräumt, den Text kopiert zu haben. Da Jessica Brück mit ihrem Klarnamen hinter der Geschichte steht (anders als sämtliche anderen Profile, über die sie verbreitet wurde) und Details über ihre Person – wie ihr Beruf und ihr Engagement in der FDP – durch eine einfache Google-Recherche verifizierbar sind, halten wir sie für glaubwürdig. Es ist wenig plausibel, dass die Geschichte frei erfunden ist. Wir stehen daher weiter hinter unserer ursprünglichen Berichterstattung.
  • Was hat RP ONLINE aus der Sache gelernt? Dass wir in einem gesellschaftlichen Klima leben, in der ein Vorfall, wie er sich so ähnlich vermutlich täglich mehrmals in Düsseldorf ereignet (nämlich, dass ein Autofahrer in der Ratinger Straße rüde angesprochen wird), wilde Diskussionen im Netz auslöst. Dass in solchen wilden Diskussionen rationale Argumente nicht immer helfen. Dass wir viel transparenter machen müssen, wie wir arbeiten und warum wir tun, was wir tun. – So viel zu den Erkenntnissen der letzten 24 Stunden. Wir denken natürlich weiter über unsere Arbeit nach. Und freuen uns immer über Feedback – besonders über konstruktives in mehr als 280 Zeichen.

(Foto: Andreas Endermann)