Debatte Zeitgeist

Der Todesflug und wir Medien

30. März 2015

Der Todesflug und wir Medien

Sigmund Freud nannte es die Schicksalsfrage der Menschheit, ob wir es schaffen, den menschlichen Aggressionstrieb Herr zu werden. Der Zorn und die Verachtung, die den Medien wegen ihrer Berichterstattung zum Flug 4U9525 vor allem im Internet entgegenschlagen,  dürfte Freuds These stützen. Nur Stunden nach der Tragödie in den Alpen schlug die Trauer in Hass um. Ohnmacht und Wut sind Zwillinge.
Lassen wir die Trolle tröten und machen weiter wie bisher? Nein. Wir Medien schaffen nicht nur Öffentlichkeit. Wir müssen unsere eigene Rolle auch vor ihr rechtfertigen. Das Sofort-Feedback der Massen im Netz tut weh, aber oft auch gut. Selbstkritik gehörte lange nicht zu unserem Rollenverständnis. Das Glaskinn dafür schon. Also, hinterfragen wir uns!
Wie berichtet man angemessen über eine solches Ereignis? Zunächst: Das muss jedes Medium für sich entscheiden. Wir maßen uns nicht an, die Diskussionen bei der „Tagesschau“, dem „Spiegel“ oder der „Bild“ zu bewerten. Wir können nur für uns sprechen und sagen: Berichten, was ist. Tod, Leid, Trauer, der wahrscheinliche Massen- und Selbstmord – das ist die Handlung dieser Tragödie. Und damit Kern unserer Berichte. Was wir gewährleisten sollten, ist Sorgfalt und Respekt. Glaubwürdigkeit bleibt gerade im Dauerfeuer der elektronischen Eilmeldungen unser höchstes Gut. Deshalb diskutieren wir bei jedem Foto, bei jeder neuen Nachricht, bei jeder Information. Kann das stimmen? Trägt das Bild zum Verständnis des Unfassbaren bei oder bedient nur voyeuristischen Interessen?  Wir wägen ab, wir ringen mit uns. Eine Herkulesaufgabe. Sie gelingt sicher nicht immer.
Zwischen den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen, ihrem Wunsch nach Ruhe, und dem Informationsauftrag der Medien liegt eine trübe Grauzone. Ja, wir zeigen Fotos von Trauernden am Flughafen, weil sie die Dimension der nationalen Betroffenheit widerspiegeln. Diese Bilder sind Chronistenpflicht. Aber wir verschleiern die Identität der Menschen. Ja, wir erzählen die Geschichten der Opfer aus der Region, weil gerade sie uns berühren, weil sie das Abstrakte fassbar machen. Weil Nähe zur Betroffenheit führt. Deshalb sind uns die Menschenleben, die ein Terroranschlag in Pakistan fordert, nicht weniger wert.
Und ja, als die französischen Ermittler erklärten, dass der Copilot den Sinkflug des Airbus absichtlich eingeleitet hat, gehörte auch die Motivforschung zu einem vermeintlichen Massenmörder zu unserem Auftrag. Wir haben uns bis heute allerdings gegen die Identifizierung des Copiloten entschieden, weil seine Alleinschuld noch nicht abschließend geklärt ist und Menschen, die denselben Namen tragen wie L. diesen Schutz verlangen können. Dabei ist es egal, ob andere Medien seinen Namen nennen oder er Tausendfach im Internet zu lesen ist. Wie gesagt, wir haben nur Einfluss auf unser Handeln.
Was am vergangenen Dienstag passierte, ist einmalig in der Geschichte der deutschen Luftfahrt. Einmalig in der Dimension. Einmalig in der Grausamkeit. Einmalig aber auch für uns, die  Berichterstatter. Fehler sind deshalb wahrscheinlich. Wir werden versuchen, sie zu vermeiden.