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Audio ist der Text der mobilen Generation

18. Januar 2018

Audio ist der Text der mobilen Generation

Es ist die neue Geste in der mobilen Welt. Menschen halten ihr Smartphone leicht schräg vor das Gesicht und sprechen eifrig in das Gerät hinein, dazu Kopfhörer im Ohr. Man sieht es an der Bushaltestelle, in der Bahn, auf dem Bürgersteig. Sprechen statt tippen. Egal ob Facebook-Post, E-Mail oder Chat-Nachricht. Jeder zweite Smartphone-Besitzer bedient laut einer aktuellen Bitkom-Studie sein Gerät per Stimme. Bei den Unter-30-Jährigen sind es 60 Prozent. Tendenz: rasant steigend. Reden ist die einfachste Verständigungsform. Sprache das schnellste Kommunikationsmedium. Bequemer lassen sich Nachrichten nicht verschicken. Nur: Was hat das alles mit Journalismus zu tun? Eine ganze Menge. Wenn sich die Art, wie die Smartphone-Generation Informationen aufnimmt und weitergibt, verändert, müssen sich die Medien, die Informationen anbieten, auch verändern. Siehe Bewegtbild. Audio ist der nächste Trend sein.

Wenn Nutzer sprechen, um Texte zu verschicken, dann wollen sie vielleicht lieber hören als lesen? Radio überlebte alle Medienbrüche, Podcasts gibt es seit 10 Jahren. Doch die neuen Technologien und die Allgegenwart des Smartphones machen Audio-Content noch einfacher konsumierbar und dadurch massentauglich. Laut Umfrage von ARD/ZDF hörten 2015 schon 1,4 Millionen Deutsche regelmäßig Podcasts im Netz, doppelt so viele wie im Vorjahr. In den USA, Pionier bei vielen medialen Entwicklungen, sind es bereits 60 Millionen. Eine eigene Mediengattung. Experten rechnen mit weiteren zehn Millionen bis Ende des Jahres.  Audio ist das Medium für die mobile Generation, die ständig unterwegs ist und Multitasking liebt. Wer hört, kann noch andere Dinge tun. Auto fahren oder Joggen oder Kochen. Und Podcasts sind Radio ohne feste Sendezeit. Stets abrufbar, zielgruppengerecht. Printmarken können mit ihrer lokalen Kompetenz eine Nische füllen. Zwei Entwicklungen sprechen dafür, dass der Boom sich fortsetzt.

1. Die technologische Entwicklung, der Treiber für digitale Veränderungen.

Professionelle Audio-Formate brauchen keine üppige Technik. Zugleich wird der Nutzerzugang durch Sprachsoftware erleichtert. „Wir haben in den letzten 30 Monaten bei der Spracherkennung mehr Fortschritte gesehen, als in den letzten 30 Jahren“, sagt Shawn DuBravac, Chef- Ökonom der US-Elektronikmesse CES. 1995 lag die Fehlerrate bei der Spracherkennung noch bei 43 Prozent. Heute sind es 6,3 Prozent, etwa das Niveau der menschlichen Fehlerrate. Tausende Forscher bei Apple, Google, Microsoft und Amazon perfektionieren gerade ihre Sprachassistenten Siri, Now, Cortana und Echo.

2. Das Publikum will es so. Einfach, maßgeschneidert, überall.

Eine Heimatzeitung muss da sein, wo die Menschen Heimatnachrichten empfangen wollen. Wie oft hören wir von unseren Abonnenten die Klage, dass ihnen der Familienstress morgens und der Feierabendstress abends nicht mehr den Blick in die Zeitung erlaubt. Aber im Stau, beim Laufen oder in der S-Bahn, da würden sie gerne unsere Nachrichten verfolgen, sagen viele. Gut gemachte Podcasts sind ein Weg, dieses Interesse zu befriedigen. Während der Autofahrt ist es sogar der einzige Weg, denn dort ist das Lesen auf dem Smartphone verboten. Warum sollten wir also staugeplagten Nordrhein-Westfalen ihre Nachrichten nicht direkt ins Auto liefern, wenn sie dort viele Stunden pro Woche verbringen? Oder in ihr Wohnzimmer? Seit Mitte Juni 2017 sind wir Teil der Welt des Amazon-Assistenten „Alexa“. Sie müssen nur laut genug „Hey Alexa, was gibt es Neues?“ sagen, dann hören Sie die überregionalen Top-Meldungen der Rheinischen Post und anschließend den „Aufwacher“-Podcast. Im nächsten Schritt wollen wir diese Nachrichten lokalisieren. Per Sprachbefehl „Düsseldorf“ geht es dann zu Meldungen aus der Lokalredaktion. Ein Aha-Erlebnis hatten wir vor zwei Jahren, als wir einen WhatsApp-Nachrichtenkanal starteten und Meldungen texteten. Mehrere Nutzer fragten irritiert zurück: „Warum nicht als Sprachnachricht?“ Demnächst erscheinen unsere Podcasts auch bei Spotify.

Heute produzieren wir vier Podcast-Formate pro Woche. Das erfolgreichste Format ist der morgendliche Nachrichtenüberblick um 7 Uhr, mit dem wir Pendler erreichen. Der „Aufwacher“ ist ein fünf- bis zehnminütiges „Best-of“ aus der Zeitung, moderiert von Redakteuren, die einst für das Radio arbeiteten. Kurzweilig, professionell, schnell. Direkt aus dem Newsroom, live auf Facebook, im Dialog mit den Nutzern, etwa bei Wetterupdates. Dazu O-Töne von Experten und Gästen sowie Erläuterungen von Redakteuren. Dienstags und mittwochs veröffentlichen wir themenspezifische Podcasts, das Gesundheits- und Ernährungs-Format „ Gut leben“, den Medien-Talk „Was mit Medien“ von Daniel Fiene oder den Borussia-Mönchengladbach-Kanal „Fohlenfutter“. Freitags gibt es eine Plauderstunde über die Themen der Woche mit Daniel Fiene und mir.  Unsere Zwischenbilanz ist gut. Mehr als 260.000 Zugriffe pro Monat und ein kleines, aber wachsendes neues Vermarktungsformat. Ein netter Nebeneffekt: viele Kollegen aus der Redaktion sind neugierig geworden, wollen mitmachen und denken sich eigene Formate aus. Journalisten, das ist eben Teil unserer DNA, reden gerne. Podcasts sind dafür eine gute Spielwiese.

Zuerst erschienen im April 2017 im Fachblatt „Medium Magazin“.

Lesen Sie weiter: Hier stellen wir Ihnen vier Wege vor, wir Sie die Rheinische Post auch hören können.