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Vom Nachbarn zum Gruppen-Chef: Der Siegeszug lokaler Facebook-Gruppen

27. August 2019

Vom Nachbarn zum Gruppen-Chef: Der Siegeszug lokaler Facebook-Gruppen

Lokale Facebook-Gruppen werden rege genutzt. Aber der Tonfall ist oft unfreundlich.

Zwei Klicks, und Philipp Daub hatte ein soziales Netzwerk auf Facebook erstellt. Es war eine dieser Gruppen, von denen es Millionen gibt. Wo Freunde Geburtstage planen und Fremde über ihre Jobs reden. In Daubs Gruppe sollte es netter zugehen als sonst im Internet. Also nannte er sie „Nett-Werk Köln“. Das war 2009. Heute hat sie mehr als 200.000 Mitglieder und bringt etwas Dorf-Atmosphäre in eine Stadt, in der viele nicht einmal mehr ihre direkten Nachbarn kennen.

Das Leben dort sieht etwa so aus: Karolina stellt ein Foto ein. Sie schreibt: „Da ich keine Pad-Maschine mehr habe, würde ich gerne ca. 65 Pads verschenken oder gegen 2 Flaschen Radler tauschen.“ Lale staunt, dass Karolina nur Radler möchte. Selcuk und Thomas schreiben „Geil“ und „Ich“. Irgendwann ist der Kaffee weg. So läuft es oft. Jemand will unliebsamen Kram verkaufen, die Leute fragen nach dem besten Orthopäden oder wie viele Stangen Zigaretten man von Ibiza nach Deutschland mitnehmen darf – oder sie suchen Fliesenleger, Frisöre, neue Freunde und Nachmieter für ihre Wohnung.

Die meisten leiten ein mit „Hallo liebe Nettis“, der Ton ist freundlich, aber nicht immer. Wenn ein Nutzer hart angegangen wird oder Hassbotschaften geteilt werden, greifen die Administratoren ein. Aus dem Nett-Werk wurde schnell mehr. Daub hat den Namen schützen lassen und ein ganzes Universum aufgebaut. Nett-Werk-Gruppen gibt es in Düsseldorf, Essen, Kiel, Bonn oder München. So sind Communities gewachsen, die abseits von Tipps („Welche Serie könnt ihr empfehlen“ – „Schau Stranger Things“) auch die Anonymität der Stadt brechen. Heute gibt es auch andere Gruppen, etwa „Du bist Mönchengladbacher, wenn …“.

Journalisten nutzen diese Gruppen auch zur Recherche. Immer wieder werden Geschichten hier entdeckt. So der Post einer Frau im Nett-Werk Düsseldorf, die von einem Angriff in einer Bar berichtet. Vieles macht zuerst in Nett-Werken und anderen Gruppen die Runde – meist ungeprüft. Manchmal nimmt das Überhand. 2017 hatten die Nett-Werk-Nutzer in Düsseldorf Namen und Bilder eines Fahrzeughalters gepostet, der mit seinem Transporter von der Polizei überprüft wurde. Die Beamten fahndeten zu der Zeit nach einem Pädophilen. Der Mann war aber unschuldig. Online ist es eben genau wie in einer echten Nachbarschaft. Es sind nicht alle nett.

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Erfahren Sie mehr zum Thema auf dem Campfire 2019: Sonntag, 01.09.2019, 16 Uhr, RP-Zelt, „Du bist Facebook-Gruppenadmin, wenn …“

(Foto: Matt Rourke/AP)

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