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Tiktok: Eine App wie ein Rummelplatz

27. August 2019

Tiktok: Eine App wie ein Rummelplatz

Die Social-Media-App „Tiktok“ erobert weltweit die Smartphones junger Menschen. Was hat Tiktok, was Instagram und Facebook nicht haben?

Alles ist bunt, laut und blinkt – die Video-App Tiktok ist der neueste Trend unter den sozialen Medien, angesprochen wird vor allem die ganz junge Generation. Die Idee ist simpel: Nutzer können eigene Kurzvideo-Aufnahmen hochladen und mit Effekten und Musik versehen. Was aussieht wie eine abgespeckte, foto-freie Version von Instagram, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als soziales Netzwerk mit durchdachter Vermarktungsstrategie. Und als Teil eines Megaunternehmens.

Tiktok gehört dem 2012 vom chinesischen Softwareingenieur Yiming Zhang gegründeten Technologie-Riesen Bytedance. Längst ist der Konzern, das laut „Bloomberg“ 2020 einen Umsatz von 29 Milliarden US-Dollar erwartet, auch bei Investoren beliebt: Im Oktober 2018 sammelte Bytedance laut „OMR“ rund drei Milliarden Euro ein. Mit einem Marktwert von rund 75 Milliarden US-Dollar (67 Milliarden Euro) wurde der Konzern Ende 2018 damit zum wertvollsten Jungunternehmen am Markt – noch vor dem US-Fahrdienstvermittler Uber (72 Milliarden Dollar im Dezember 2018).

Tiktoks Nutzer stecken allerdings – wie die App selbst – oftmals noch in den Kinderschuhen. Tiktok ist für Jugendliche ab 13 Jahren das, was Instagram und Facebook vor Jahren mal waren: Ein Raum, in dem weitestgehend – so der Eindruck – spontan und ungefiltert gepostet wird. Das Ergebnis sind Videoclips, entweder 15 oder 60 Sekunden lang, für die es unzählige Bearbeitungsmöglichkeiten gibt. Singen, Tanzen, Do-It-Yourself-Videos, Schmink-Tutorials und Comedy – alles ist möglich. Und im Gegensatz zu Instagram, wo es mittlerweile sehr aufwendig ist, ohne einen gewissen Bekanntheitsgrad eine hohe Zahl an Followern zu generieren, spielt Tiktok mit dem Traum vieler Teenager, über Nacht berühmt zu werden. Der hauseigene Kanal „Howtotiktok“ leitet in Videos sogar an, wie Nutzer zu „Beauty-“ oder „Food-Vloggern“ werden können.

Auch die Art, wie welche Inhalte angezeigt werden, ist anders. Man kann nicht nur gezielt nach Nutzern und Videos suchen, sondern bekommt auch die beliebtesten Hashtags mit dazugehörigen Videos vorgeschlagen: „dorfkindchallenge“, „2000ernostalgie“, „HitTheWoah“ – wer sein Video einem bestimmten Thema widmet, erhöht die Chancen, einen viralen Hit zu landen. Inspiration gibt es also genug, um die Plattform immer weiter mit Inhalt zu füllen – was ein soziales Netzwerk braucht, um lebendig zu bleiben.

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Mit Musical.ly, die US-Vorgängerversion von Tiktok, hat alles angefangen. Und mit Lisa und Lena, deren 30-Millionen-Follower-Rekord bislang ungebrochen ist. Die Zwillinge aus Stuttgart wurden auf Musical.ly berühmt und auch im Tiktok-Universum schnell zu Superstars. Seit sich die beiden 17-Jährigen aber Anfang des Jahres von Tiktok verabschiedet haben, ist Falco Punch mit 6,6 Millionen Followern die Nummer eins – zumindest in Deutschland. Der 23-Jährige kommt aus Schleswig-Holstein und produziert Videos seit er 14 Jahre alt ist, zunächst auf Youtube. Doch der Produktionsaufwand sei dort enorm hoch, sagt Punch. Anders auf Tiktok: Dort erstellt er sogenannte „Transition-Videos“ mit denen scheinbar schnittfreie Ortswechsel dargestellt werden. „Du kannst deine Kreativität bis zum Gehtnichtmehr abdecken. Die Filter sind so weit ausgereift, dass sie Snapchat überbieten können“, sagt Punch, der seit seinen Karrierebeginn vor drei Jahren von der Berliner Agentur Bitstream Media Lab gemanagt wird. Er sieht den Erfolg der App in den unzähligen Möglichkeiten, die sie den Nutzern bietet: „Ich denke, das ist die Craziness (Anm. d. Red. „Verrücktheit“) auf der Plattform“, sagt der Video-Creator. Die Nutzer „können gefühlt alles machen, und jeder feiert es in irgendeiner Weise.“ Noch ein Vorteil laut Punch: Weniger Hass. „Auf so vielen Plattformen gibt es Shitstorms – auf Tiktok nie.“

Einen guten Umgangston möchte Tiktok auch zu seinen erfolgreichsten Kreatoren – den Zugpferden – pflegen. Auch Falco Punch wird von mehreren sogenannten Community-Managern betreut – sie sammeln Rückfragen, Tipps, Feedback. Falco Punch darf teilweise auch noch nicht veröffentlichte neue Filter und Funktionen testen.

Der Tiktok-Abschied von Lisa und Lena Anfang des Jahres trotz ihres Senkrecht-Starts ist bis heute Thema, denn sie begründeten ihren Ausstieg nicht nur mit ihrer Schauspielkarrieren, die sie weiter verfolgen wollten, sondern sie verwiesen auch auf Sicherheitsbedenken und mangelnden Datenschutz. „Das konnte niemand so richtig verstehen. Aber das hatte eigentlich keine Auswirkungen auf die Beliebtheit des Netzwerks“, bewertet Falcos Manager Andre „Brix“ Buchmann die Entscheidung. Trotzdem wird seitdem über den Datenschutz bei Tiktok diskutiert. In Indien und Indonesien hat es bereits Gerichtsprozesse wegen pornografischer Inhalte oder Cyber-Mobbing von Minderjährigen auf Tiktok gegeben; in Großbritannien prüfen die Behörden derzeit, ob die Plattform mit dem Datenschutz vereinbar ist. Und in den USA musste Tiktok Anfang des Jahres eine Strafe von fast sechs Millionen Dollar zahlen, weil es bei minderjährigen Nutzern nicht die Einverständniserklärung der Eltern einholte.

Tiktok reagierte: Mittlerweile existieren Meldefunktionen, Inhalte werden überprüft und Konten gegebenenfalls geschlossen. Doch wo die Nutzerdaten landen und wer Einsicht hat, bleibt weiter unklar. In der Datenschutzerklärung von Tiktok heißt es, personenbezogene Daten würden auf Servern in den USA, Japan und China gespeichert. Man bemühe sich zwar, die Daten zu schützen – die Sicherheit könne man aber nicht vollständig gewährleisten. Eine Nutzung erfolge letztlich auf „eigenes Risiko“.

Ein Hinweis auf den Umgang mit personenbezogenen Daten in China? Mit dem Datenschutz läuft es dort nämlich gänzlich anders ab als in Europa, erklärt Tobias Jacquemain, wissenschaftlicher Referent der Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit (GDD). „Rein technisch hat Tiktok zwar die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) eingehalten, aber die Daten wandern laut Datenschutzerklärung unter anderem an ein Datenzentrum von Bytedance in Peking. Dadurch kann der gesamte Inhalt von Tiktok in die Hände des chinesischen Staatsapparats fallen“, sagt Jacquemain. Was der Zugriff Chinas für Folgen haben kann, ist jedoch auch für Jacquemain schwer einzuschätzen. „Ein fiktives Drohszenario wäre, dass man in das geplante soziale Wertungssystem (Sozialkreditsystem, Anm. d. Red.) in China aufgenommen würde. So könnte man zum Beispiel die Einreise verweigert bekommen.“

Doch Datenschutz interessiert Tiktoks zumeist sehr junge Nutzer eher weniger. Auch Falco Punch macht sich da keine Gedanken: Das Netzwerk habe in der Hinsicht bereits viel an sich gearbeitet, sagt Punch. „Tiktok ist weiter als manch andere am Markt.“ Sein Manager Brix gewinnt der Verortung in China vor allem Positives ab: „Ich glaube 100-prozentig, dass es die Chance hat, noch größer zu werden. Das Besondere ist, dass Tiktok – im Gegensatz zu Facebook – auch in China weit verbreitet ist. Das birgt großes Potenzial“, sagt Brix. Ein Beispiel ist sein Schützling Falco: Ein großer Anteil seiner Follower kommt aus China, Indien und den USA.

Die Reichweite des jungen Netzwerks zieht aber nicht nur Unternehmen an – auch Fußballclubs nutzen das Medium, sogar Krankenhäuser wie das Klinikum Dortmund (30.000 Follower) versuchen, einen Platz auf der Tiktok-Bühne für sich zu beanspruchen. Medienschaffende sind allerdings noch zögerlich. Facebook, Instagram, Twitter und Youtube werden von Verlagen, Medienschaffenden und Radiosendern bereits gezielt bespielt. Was Tiktok betrifft, scheint die Branche noch verunsichert, ob und welche Inhalte sich eignen: Der britische Sender BBC 1 zeigt Mitschnitte aus Radiokonzerten, 1Live vom WDR bespielt seinen Tiktok-Kanal mit einer Mischung aus Videoaufnahmen aus Comedyshows und Interviewformaten – alles Inhalte, die nicht eigens für Tiktok produziert werden.

Den wohl aktivsten Account einer Zeitung hat die „Washington Post”. Seit Mai postet Redakteur Dave Jorgenson dort Videos: selbstironisch und über die Arbeit der Journalisten. „Wir glauben, da ist großes Potenzial“, sagt Jorgensen. Vor allem könne man so die „jüngste“ Generation erreichen. Die Resonanz entspreche den Erwartungen. „Wir sind aber noch nicht am Ende. Ich hoffe, dass wir unser Profil zu einer legitimen Nachrichtenquelle machen können.“

Falco Punch glaubt dagegen nicht daran, dass Nachrichten auf Tiktok eine Chance haben. „Ich denke, die Kids interessiert es wenig, denen ist es nur wichtig, Spaß zu haben.“ Eine Chance könnten Medienhäuser nur haben, wenn die Inhalte visuell gut verpackt seien. Bunt, laut und blinkend – genau das, was Jugendliche auf Tiktok sehen wollen.

Die Fakten zu Tiktok
Geschichte Tiktok kam 2016 auf den Markt, allerdings als chinesische Version „Douyin“, die auch bis heute nur für Nutzer in China existiert. Im November 2017 übernahm der Mutterkonzern Bytedance den US-Konkurrenten „Musical.ly“, auf dem bereits Millionen von Nutzern Kurzvideos veröffentlichten. 2018 wurden Musical.ly und Tiktok eins.
Nutzer 500 Millionen aktive Nutzer hat das Netzwerk monatlich (Stand Juni 2018), Anfang 2018 war Tiktok zwischenzeitlich die am meisten heruntergeladene Handy-App.

Erfahren Sie mehr zum Thema auf dem Campfire 2019: Samstag, 31.08.2019, 14 Uhr, RP-Zelt, „Deine Mudder wächst schneller als Facebook: Wie Tiktok Deutschland und die Welt erobert“

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