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Tanit Koch: „Es gibt so viel Heldentum im Kleinen“

27. August 2019

Tanit Koch: „Es gibt so viel Heldentum im Kleinen“

Die ehemalige „Bild“-Chefredakteurin und neue n-tv-Chefin über Führungsqualitäten, Nachwuchssorgen und Karneval.

Schon Anfang des Jahres war klar, dass diese Personalie 2019 eine der spannendsten in der Medienszene sein würde: Tanit Koch, früher Chefredakteurin der „Bild“, leitet jetzt den Nachrichtensender n-tv und verantwortet auch das journalistische Zentrum der RTL-Nachrichtenredaktion. Wir wollten sie vor ihrem Auftritt beim Campfire etwas besser kennenlernen und haben ihr zwölf Fragen zu ihrem Blick auf die Medienwelt gestellt.

Ihre erste Nachrichtenquelle morgens?

Tanit Koch Mein Twitter-Feed. Danach folgen, teils parallel: n-tv App, Morgenlage RTL per E-Mail, Deutschlandfunk, n-tv on air. Bild, FAZ und Times flöhe ich als E-Paper nachts.

Ihre Lieblingsnachrichtenquelle?

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Koch Meine Schwester.

Lesen Sie noch oder gucken Sie inzwischen lieber?

Koch Geguckt und gelesen hab ich schon als Kind gleichermaßen gern. Hören gibt’s übrigens auch noch, Stichwort Audio Now (Audio-Plattform von RTL, Anm. d. Red.).

Welche drei Eigenschaften braucht eine Top-Managerin in den Medien dringend?

Koch Dieselben, die jede Führungskraft dringend braucht: zuhören können, zügig entscheiden und klar kommunizieren. Viertens: sich selber bei alldem nicht so ernst nehmen.

Worauf können Sie im Büro nicht verzichten?

Koch Auf meine Kollegen und Mitarbeiter.

Worauf kommt es Ihnen bei Ihren Mitarbeitern an?

Koch Dass sie die Freiheit besitzen und verspüren, Ideen, Meinungen und Kritik offen äußern zu können. Dass sie diese Freiheit auch nutzen. Und dass sie Lust darauf haben – das gilt für uns alle –, dazuzulernen.

Der Journalismus hat Nachwuchssorgen, woran liegt es: Schlechtes Image oder schlechte Bezahlung?

Koch Fast alle Branchen haben Nachwuchssorgen. Unserer hilft gewiss nicht, ständig irgendwelchen Untergangsszenarien nachzuhängen. Menschen wollen mehr denn je gut informiert und gut unterhalten werden – die Nachfrage ist da, und die Möglichkeiten, die der Beruf bietet, sind einzigartig. Die Zukunft des Journalismus ist eine aufregende Suche nach neuen Formaten in einer sich rasant verändernden Welt.

Was muss für den Nachwuchs getan werden, damit wir auch in zehn Jahren noch seriöse, spannende und verständliche Berichterstattung haben?

Koch Sie brauchen eine hervorragende Ausbildung wie die RTL-Journalistenschule und andere sie bieten. Doch die Frage ist auch: Wen brauchen wir? Ich selber brauche Vielfalt in einer Redaktion. Damit meine ich übrigens nicht nur Migrationserfahrung, sondern auch Herkunft aus dem ländlichen Raum, Kollegen, die zum Beispiel bei der freiwilligen Feuerwehr sind. Oder, völlig verwegen: die sich in der Kirche engagieren. Die kein Abi haben, aber eine Lehre. Die aus Nichtakademiker-Haushalten stammen. Oder ungewöhnliche Studienfächer haben. Ich erfülle übrigens keine dieser Voraussetzungen. Umso wichtiger ist mir, sie bei anderen zu finden, damit wir Meinungs-Vielfalt im Newsroom haben. Und ich befürchte: An manche Talente kommen wir gar nicht erst ran. Die nämlich, die sich kein unbezahltes Orientierungs-Praktikum leisten können. Das zu ändern, daran müssen wir arbeiten.

Wie ist Ihnen der Umzug von Berlin ins Rheinland bekommen?

Koch Das war echt hart: Als Bonnerin am Karnevalsfreitag ein Büro am Rhein zu beziehen, mit Domblick… Draußen zog sich gerade ein Zebra aus, ein Tiger schaute zu. Aber ganz im Ernst: Ich nutze das beste aus beiden Welten, also so viel Köln wie möglich und so oft Berlin wie nötig. Wobei der Schwerpunkt meiner Arbeit für RTL und n-tv aktuell ganz klar die redaktionelle Transformation in der Kölner Zentrale ist.

Gibt es nach so vielen Jahren Erfahrung im Sturm der Nachrichten noch Meldungen, die Sie persönlich erschüttern oder berühren?

Koch Mich erschüttern menschliches Leid, Gewalt, die Ohnmacht von Opfern und Angehörigen – immer wieder aufs Neue und umso mehr, wenn es hätte verhindert werden können. Viele Fälle lassen einen nicht los. Der Tod der kleinen Chantal ist einer davon. Ein elfjähriges Kind, das vom Jugendamt zu drogensüchtigen Pflegeeltern gegeben wird und dort an einer Methadonvergiftung stirbt. „Milieunahe Unterbringung“ war die Entschuldigung dafür, nicht genau hingesehen zu haben. Und am Ende ist ein Kind tot. Es stimmt allerdings nicht, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind. Es gibt soviel Heldentum im Kleinen, oder Underdogs, die es gegen alle Widerstände schaffen – so etwas berührt mich. Und da wir bald 30 Jahre Mauerfall feiern: Bei den Bildern dieser Nacht heule ich vor Glück sofort los.

Worüber können Sie sich im Alltag aufregen?

Koch Seit es Uber gibt jedenfalls nicht mehr über kreditkartenfeindliche Taxifahrer in Berlin. Die wollten mich immer zum Geldautomaten fahren, auf meine Kosten natürlich. Fluchen hören Sie mich, wenn ich mich nicht mal 50 Meter vom Fleck bewegen kann, ohne dass der Empfang abrupt abreißt. Wir sollten nicht mehr vom Mobiltelefon sprechen, oft genug ist es ein Immobiltelefon, Festnetz an der Milchkanne sozusagen. Was ärgert mich noch? Wenn die A1 mich auf die Landstraße abschiebt, weil in der Eifel seit Jahrzehnten eine 24-Kilometer-Autobahn-Lücke klafft. Und das liegt nicht nur am Haselhuhn-Potentialgebiet. Klingt lustig, aber es macht mich wütend, dass unsere Hochtechnologie-Republik die eigene Infrastruktur verkümmern lässt.

Worüber können Sie lachen?

Koch Die Dichterin Mascha Kaléko hat den Zustand mal „grundlos vergnügt“ genannt. Das passt ganz gut, von Ausnahmen (s. oben) abgesehen. Zum Lachen bringt mich eine Menge: clevere memes in den sozialen Netzwerken, wenn Menschen lustvoll über eigene Missgeschicke berichten, John Olivers TV-Show, Jan Fleischhauers Kolumnen, das Dschungel-Camp … Man muss sich schon anstrengen, um missgelaunt zu sein – es gibt so viel gute Unterhaltung da draußen.

Eva Quadbeck stellte die Fragen an Tanit Koch.

Erfahren Sie mehr zum Thema auf dem Campfire 2019: Sonntag, 01.09.2019, 14 Uhr, RP-Zelt, „Am Steuer des Nachrichten-Supertankers: Was Tanit Koch über RTL und n-tv erzählt“

(Foto: Megan Bentley)

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