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Aufstieg der AfD: „Die Mitte muss auf die Barrikaden gehen“

1. September 2018

Aufstieg der AfD: „Die Mitte muss auf die Barrikaden gehen“

Die jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz haben Deutschland erschüttert. Doch bereits seit mehreren Jahren dominiert das Thema Migration die öffentliche Debatte. Rechter Hass verbreitet sich im Netz. Beim Campfire-Festival in Düsseldorf diskutierte die Publizistin Liane Bednarz mit Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, und Correctiv-Geschäftsführer David Schraven über das Thema „Rückkehr zum Vertrauen: Verantwortung der Medien für den Aufstieg der AfD“.

Was hat zum Erfolg der AfD geführt?

  1. Medien: „Die Medien haben Fehler gemacht“, sagte Michael Bröcker. „Wir rufen auf zu Maß und Mitte, haben es aber bei der Berichterstattung wahrscheinlich selbst nicht durchgehalten.“ Schließlich habe die Flüchtlingskrise etwa im TV-Duell vor der Bundestagswahl 2017 dominiert, obwohl es viele andere wichtige Themen gegeben habe. „Deshalb ist Kritik berechtigt“, sagte er. „Manche Journalisten hatten auch ein schlechtes Gewissen, weil sie anfangs sehr wohlwollend über die Flüchtlinge berichtet haben. Deshalb schrieben sie später umso mehr pro AfD“, meinte Bröcker. „Ich warne allerdings vor Missionierungsjournalismus. Man sollte seine Leser nicht bitten, die eigene Meinung zu übernehmen.“ Laut Liane Bednarz haben auch rechte Medien Schuld am Aufstieg der AfD: Zeitungen wie die „Junge Freiheit“ hätten über Jahre konservative und rechte Themen vermischt. „Sie haben die AfD gepusht“, sagte sie.
  2. Politik: „Es gibt ziemlich viele Ex-Konservative, die rechts werden und dann die AfD wählen“, sagte Liane Bednarz. Die CDU habe „konservative Kühe geschlachtet“ und sei nach links in die politische Mitte gerückt. „Viele haben sich dann mit der AfD radikalisiert.“ Michael Bröcker wendete jedoch ein, dass nicht alle AfD-Wähler „diskursunfähig“ sein könnten. Daher müsse man in der Lage sein zu differenzieren. „Es geht um Sprache und um bewusstes Abgrenzen von Rechten“, sagte er.
  3. Soziale Medien: „In den sozialen Medien holen sich viele Rechte Selbstbestätigung durch Likes“, sagte David Schraven. „Wenn sie 500 Likes bekommen, halten sie es für einen guten Spruch. Beim nächsten Mal gehen sie dann einen Schritt weiter.“

Welche Maßnahmen helfen gegen rechten Hass?

„Es ist wichtig, dass sich die klare Mitte der Gesellschaft – und nicht das linke Lager – dem entgegen stellt“, sagte Michael Bröcker. „Die Mitte muss auf die Barrikaden gehen, ohne sich in eines der beiden Lager einordnen zu lassen.“ Medien müssten über die Themen berichten, die Bürger bewegen, und nicht Themen, die von Politikern und Prominenten angestoßen wurden oder die aus einem medialen Hype stammen.

„Es kann nicht sein, dass jeder AfD-Wähler auf einmal rechtsextrem geworden ist“, sagte Michael Bröcker. Aus diesem Grund müsse in der Debatte differenziert werden. „2015 war die AfD eine tote Partei. Seitdem ist sie wieder erstarkt, doch sie hat kein anderes Thema als Angst vor muslimischer Zuwanderung.“ Wenn dieses Thema intensiv angegangen werde, könne die CDU womöglich frühere Wähler zurückgewinnen. „Wir müssen wahrscheinlich trotzdem mit einem rechten Bodensatz in der Gesellschaft leben“, sagte er.

Auch Liane Bednarz plädierte dafür, eine offene und transparente Diskussion zu führen: „Das Verschweigen von Fakten bringt gar nichts.“ David Schraven appellierte zudem daran, sich der inhaltlichen Auseinandersetzung zu stellen und Hysterie zu vermeiden.

Wo liegen die Ursprünge für den AfD-Erfolg?

„Ich sehe mit großer Sorge, was derzeit in Deutschland passiert“, sagte Liane Bednarz. „Ich denke, die Ausschreitungen in Chemnitz sind der Gipfel einer jahrelangen Entwicklung, die mit Thilo Sarrazins erstem Buch angefangen hat.“ So sei Sarrazin eine Art „Türöffner“ gewesen, um rechtes Gedankengut in die bürgerliche Mitte zu transportieren. „Es ist ein Klima entstanden, in dem sich Rechtsextremisten trauen, durch Chemnitz zu ziehen – und sogenannte besorgte Bürger marschieren mit“, sagte sie. Chemnitz könne überall in Deutschland passieren: „Auch im Westen gab und gibt es rechtsextremes Gedankengut“, sagte Michael Bröcker. „Neu ist allerdings die Öffentlichkeit, die Menschen dafür bekommen. Außerdem haben sie zunehmenden Einfluss in der Politik.“

Kennen Journalisten noch die Sorgen der Bürger?

Michael Bröcker hält es für ein „Dilemma“, wenn Redaktionen Stadtteile aus den Augen verlieren. „Wir wollen deshalb unseren Redakteuren die Chance geben, dahin zu gehen, wo sie nie zuvor waren. Wir wollen überall sein, wo man guten Journalismus braucht.“ Auch David Schraven sieht darin ein Problem: „Wenn du aus dem sozialen Umfeld raus bist, bekommst du ganz viel in deiner Stadt nicht mehr mit.“

Hier gibt es das Panel zum Nachschauen:

#campfire2018

Live aus dem RP-Zelt: Rückkehr zum Vertrauen / Verantwortung der Medien für den Aufstieg der AfDSpeakers: Liane Bednarz, Michael Bröcker und David Schraven

Gepostet von Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft am Samstag, 1. September 2018