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Migranten in den Medien: „Als ob wir zu nichts anderem etwas sagen könnten als Integration“

31. August 2019

Migranten in den Medien: „Als ob wir zu nichts anderem etwas sagen könnten als Integration“

Zu wenige Mitarbeiter mit Migrationshintergrund in den Redaktionen, zu viele Sensationsberichte über Migranten und eine verzerrte Realität durch zu wenig Beachtung für Themen, die Einwandererfamilien betreffen: Die Talk-Runde der Session „Medium mit Migrationshintergrund“ auf dem Campfire sieht Nachholbedarf in der deutschen Medienlandschaft. Fünf Thesen.

RP-Redakteurin Alev Doğan sprach auf dem Campfire im RP-Zirkuszelt mit Sheila Mysorekar, Vorsitzende der „Neuen deutschen Medienmacher“, Christine Horz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ruhr-Universität Bochum, die zu Medien und Migration lehrt und forscht, sowie mit Ahmet Külahçı, Kolumnist der Europa-Ausgabe der türkischen Tageszeitung „Hürriyet“.

Berichte über Menschen mit Migrationshintergrund sind immer noch überwiegend negativ
Seit Start der „Hürriyet“ 1969 habe sich die Berichterstattung über Migranten in der deutschen Medienlandschaft kaum verändert, sagt Ahmet Külahci. „Jeder zweite Bericht über Türken ist ein Sensationsbericht. Das bedeutet: Er ist negativ behaftet. Es geht zum Beispiel um Schlägereien oder andere kriminelle Aktivitäten.“

Ein Großteil deutscher Medien bemüht sich nicht, mehr Diversität in ihre Redaktionen zu bringen
„Studien zeigen, dass es einen Großteil der Chefredaktionen nicht interessiert und sie der Ansicht sind, sie bräuchten das nicht“, sagt Christine Horz. „Wenn ich Daten auswerte, merke ich: Es sind wirklich ganz wenige Medien, die sich um Diversität in ihren Redaktionen bemühen. Leider ist es ein Bild wie vor 20 Jahren.“ Sheila Mysorekar stimmt nur zum Teil zu. Gerade Öffentlich-Rechtliche würden sich bemühen. „Etwa mit Pinar Atalay oder Ingo Zamperoni gibt es mehr Personen vor der Kamera. Doch auch dahinter, in Redaktionen, in Positionen, die Entscheidungen treffen, sollte man die Chance sehen, Menschen mit Migrationshintergrund nicht nur als Sicherheitsrisiko auftauchen zu lassen.“

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Je diverser die Redaktion, desto größer der Zugang zu verschiedenen Geschichten
„Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen den Zutritt zu ganz anderen Communities“, sagt Sheila Mysorekar. „Letztendlich ist es unsere Chance, viel besseren Journalismus zu machen.“

Migranten können auch etwas zu Steuern und Kindergartenplätzen in Deutschland sagen
Sheila Mysorekar ist genervt: „Als ob wir zu nichts anderem etwas sagen könnten als Integration, Sicherheit oder Religion. Wir können über deutsche Politik, über Steuern, Parkplätzen und Kindergärten schreiben.“ Dadurch, dass Migranten nur in bestimmten Zusammenhängen auftauchten, entstehe ein Zerrbild. Christine Horz ergänzt dazu: „Das hängt damit zusammen, dass Medien zu sehr framen. Journalisten sind sich über ihre eigenen Frames nicht bewusst.“ Als Framing verstehen die Sozialwissenschaften den Vorgang, Personen, Dinge und Vorgänge in einen bestimmten Zusammenhang zu setzen, der dann wiederum Einfluss auf die Wahrnehmung hat.

Medien sind nicht für Integration verantwortlich
Bei dieser These sind sich alle drei Gäste einig. „Es geht um die Wahrung des sozialen Friedens“, sagt Sheila Mysorekar. „Medien sollten nicht spalten und Hetze nicht fördern. Gleichzeitig sind sie aber nicht für Integration verantwortlich.“ Für Christiane Horz spielt das strategische Handeln der Medien eine zentrale Rolle: „Es gibt nur punktuelle Maßnahmen, zum Beispiel bei den Öffentlich-Rechtlichen. Ich wünsche mir aber eine Strategie, die von A bis Z reicht und somit mehr Diversität ins Leben ruft.“ Ahmet Külahci ergänzt: „Deutschland braucht in Zukunft noch mehr Zuwanderer. Daher sollte für die Medien das friedliche Zusammenleben im Fokus stehen.“

(Foto: Tobias Block)

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