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Alles Lüge, oder was?

29. August 2018

Alles Lüge, oder was?

In Politik und Gesellschaft herrscht das Misstrauen. Auch die Medien stehen im Verdacht. Dabei war es nie einfacher, Fakt und Fake zu unterscheiden. Eine Spurensuche.

Richard Nixon hat es getan, George W. Bush, Donald Trump sowieso, aber auch Helmut Kohl und sogar Kanzlerin Merkel, Christoph Daum und Erik Zabel, die „Stern“-Redaktion und natürlich Uli Hoeneß. Aber sind wir doch mal ehrlich: Wir lügen alle.

Und das ständig. So sind die Menschen nun mal. Mal ist es eine kleine Notlüge, mal die komplette Verdrehung der Tatsachen. 200 Mal lüge ein Mensch am Tag, hat ein Forscher mal behauptet. Aber selbst das könnte gelogen sein.

Nirgendwo scheinen wir vor der Lüge sicher, denn mit der Wahrheit ist es oft kompliziert. Momentan besonders. In der Politik, im Internet, zu Hause am Küchentisch, in Medienhäusern, in großen und kleinen Unternehmen. Die Menschen nährt das Misstrauen.

Vielleicht stimmt vom Russland-Bericht im ZDF gar nichts. Vielleicht geht es Abgeordneten tatsächlich nur ums Geld. Vielleicht sollten wir öfter unsere Kassenbons checken, bevor uns der Supermarkt noch die halbe Gemüsetheke vom Konto bucht. Vielleicht lügt die Rheinische Post auch. Genau jetzt. Wie soll man das schon herausfinden?

Reden wir über die Wahrheit. Jahrhundertelang stritten Philosophen und Gelehrte über die Frage, wann etwas wahr ist. Mal sollte es die Logik entscheiden, dann die Vernunft und irgendwann die Mehrheit. Der griechische Philosoph Aristoteles machte es sich besonders einfach. Für ihn war alles wahr, was mit der Welt da draußen übereinstimmte. Wenn jemand behauptete, der Apfel sei rot, und der Apfel war rot, dann hatte er die Wahrheit gesagt. Die Aussage korrespondierte mit der Sache. So definiert es auch heute noch der Duden.

Nur: Wie soll man die Wirklichkeit überhaupt erkennen? Ein Apfel ist nichts besonders kompliziertes. Politik aber ist komplex, Informationen gibt es fast nur aus den Nachrichten. Ohne einen Vorschuss an Vertrauen lässt sich damit nichts anfangen. Das gibt der Mensch aber nicht gerne her. Denn er kann betrügen, die Wirklichkeit nicht. Womit wir wieder bei der Lüge wären.

Dem Klassiker der modernen Lügen begegnen wir jeden Tag. Man fragt, wie es uns geht. Wir sagen: ach, ganz gut. Oft ist aber alles ganz furchtbar. Warum machen wir das? Weil Lügen praktisch ist. Es macht das Leben so schön bequem. Meistens ist es ja auch harmlos. Bei vielen Unwahrheiten geht es um nichts, meist stehen sie ja bloß zwischen zwei Menschen. Der Gesellschaft kann das egal sein.

Aber was, wenn die Mächtigen dieser Welt lügen? Wenn Politiker schmutzige Sabotage verschleiern (Nixon), Gründe für Kriege erfinden (Bush) und über ihre Gegner Lügen verbreiten (Trump), wenn sie die Spareinlagen der Deutschen vermeintlich sicher reden (Merkel) und die Herkunft von Spendengeldern verschleiern (Kohl)?

Vielleicht waren Merkels Motive edel. Mag sein, dass Trump nicht anders kann und Kohl das Geld einfach brauchte. Aber die Lüge bleibt eine Lüge – und sie wird zum Problem für unser Miteinander.

Eine Kultur des Lügens entzieht der Demokratie die Substanz, das Vertrauen zwischen Herrschern und Beherrschten. Wenn Politiker im Wahlkampf A sagen und dann B machen, heißt es irgendwann nur noch: Ach, lass sie doch reden. Wenn Wirtschaftsbosse Verbraucher täuschen, um den Gewinn nicht zu gefährden, wird die Lüge so schmutzig wie das Abgas aus Millionen Diesel-Auspuffen.

Lebt das System in seinem Kern nur vom Betrügen, zerfällt es zur Despotie. Vermeintlich wahr ist dann, was die Herrschenden zur Wahrheit erklären. Davon sind die westlichen Demokratien noch weit entfernt. Damit das so bleibt, betonen wir Journalisten gerne, wie wichtig wir sind. Wie oft haben wir die Demokratie verteidigt. Was haben wir nicht aufgedeckt. Watergate, Barschel-Affäre, Panama Papers. In den USA stellen Redaktionen Fakten-Checker ab, um Lügen ihres Präsidenten zu entlarven.

Aber wir haben uns auch blamiert. Es passieren Fehler. Nicht immer sind es Lügen. Der „Stern“ druckte einst Tagebücher von Adolf Hitler. Die Redaktion fiel auf einen Fälscher herein – trotz Recherchen. Der Journalist Tom Kummer erfand im Süddeutsche Zeitung Magazin bis in die 2000er-Jahre Interviews mit Hollywood-Promis. Der Mann hat gelogen, da gibt es keine Zweifel.

Auch heute laufen Dinge falsch. Aber es bleibt die Ausnahme. Die Regel ist: Medien kontrollieren die Mächtigen. Wenn ein Bürgermeister Steuergelder veruntreut, braucht es den Journalismus. Die Polizei muss den Mann fassen, ein Richter muss das Urteil sprechen, aber berichten, erzählen, analysieren, einordnen, das können nur die Medien.

Dieser Meinung ist längst nicht jeder. Die Forschung geht davon aus, dass knapp ein Fünftel der Bevölkerung den Medien nicht mehr traut. Fake-News, postfaktisch, alternative Fakten – die Vorwürfe meinen das gleiche: Medien decken nicht die Wahrheit auf, sie verzerren oder verschweigen sie gar – nicht immer muss dafür jemand lügen. Die Menschen haben zuweilen das Gefühl, sie werden nicht mehr umfassend informiert. Deutschlands Redaktionen geht es nicht um Aufklärung, sondern um eine eigene Agenda, lautet ein Vorwurf.

Zu einem gewissen Teil stimmt das. Es gibt Journalisten, die ihr Medium als Sprachrohr nutzen. Auf Twitter werden Selbstdarsteller zur Marke. Namen zählen dort mehr als Geschichten. Und wer sich über eine mangelnde Meinungsvielfalt in journalistischen Kommentaren wundert, dem sei eine Studie der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2010 ans Herz gelegt: Ließe man bei Bundestagswahlen nur Journalisten abstimmen, käme das bürgerliche Lager aus CDU/CSU und FDP demnach gerade mal auf 15 Prozent. Was auch stimmt: Gerade jetzt wird deutlich, wie wenig Medienkompetenz große Teile der Bevölkerung haben. Und das, obwohl Fakt und Fake heute einfacher zu trennen sind denn je – vorausgesetzt, man ist bereit zur Recherche. Aber was ist denn nun Wahrheit? Um das zu beantworten, sollten wir etwas tun, was zu selten passiert. Uns eine Definition der Wissenschaft ausleihen. Dann ist etwas nur wahr, wenn es nachprüfbar ist. Wenn es belastbare Beweise gibt. Die zu finden, ist mühsam, und auch die Forschung kennt keine absolute Wahrheit. Aber wenigstens schafft sie die Lüge aus dem Weg.

Samstag, 1. September, 11 Uhr, Correctiv-Bühne, „Es muss stimmen, es steht im Internet“

Hier geht es zum gesamten Programm.

(Foto: AP/Molly Riley)