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Was die Stadt Minden mit einem Flüchtlingslager in Jordanien zu tun hat

2. September 2018

Was die Stadt Minden mit einem Flüchtlingslager in Jordanien zu tun hat

In Zaatari ist es sehr sauber. Das liegt vor allem daran, dass Müllsammeln die einzige offizielle Einnahmequelle im Ort ist. Die Arbeit ist so begehrt, dass sie rotiert. Alle sechs Monate wechselt sie zum nächsten. Es gibt aber auch rund 3000 kleine Läden, die von Bewohnern betrieben werden. Alles läuft dort informell ab. Die Ladenbesitzer kaufen im Nachbardorf ein und veräußern ihre Waren dann weiter. 80.000 Menschen leben in Zaatari, genauso viele wie im nordrhein-westfälischen Minden. Dennoch sind es zwei Welten. Der erste Unterschied ist der offensichtlichste: Minden ist eine natürlich gewachsene Stadt, Zaatari ein Lager. 2012 wurde es in Jordanien gegründet – für Kriegsflüchtlinge aus dem benachbarten Syrien.

„Wir haben uns dann zwei Schulkinder als Protagonisten ausgedacht und einen Vergleich erarbeitet“, sagt Sven Dröge. Er ist einer von elf Studierenden des Instituts für Journalismus, die im vergangenen Dezember an einer zwölftägigen Exkursion nach Jordanien teilnahmen. Unterstützt vom Erich-Brist-Institut für internationalen Journalismus erarbeitete dort jeder ein eigenes Thema – mit dem Ziel, die Ergebnisse in Deutschland zu veröffentlichen. Bei Dröge war es das Leben im Flüchtlingslager. Er beobachtete das Leben in Zaatari, sammelte Statistiken und arbeitete an einem multimedialen Vergleich mit Minden. Das Ergebnis wird Teil einer Schwerpunktwoche beim interkulturellen Hörfunkprogramm WDR Cosmo. Im Oktober ist es so weit. Einen Zwischenstand präsentierte Dröge bereits auf dem Campfire Festival. Er ist außerdem unter www.medium.com/minden-vs-zaatari zu entdecken.

Bei der Reise ging es nicht nur um die Situation der Flüchtlinge im Land. Johanna Mack war ebenfalls in Jordanien. Sie beschäftigte sich mit der Medienlandschaft vor Ort. „Jordanien erscheint beinahe als demokratisches Land. Bei einem genaueren Blick zeigt sich aber: Mit Demokratie hat das Ganze nicht viel zu tun, es ist autoritäres System“, sagt sie. Platz 132 im „World Press Index“, der den Stand der Pressefreiheit in der Welt misst, spricht eine deutliche Sprache. Mack traf sich mit Jumana Ghuneimat, Chefredakteurin der renommierten Tageszeitung Al Ghad. „Sie sieht sich in einer recht guten Position. Religion und Königshaus sind dennoch Tabuthemen, Journalisten wird gerne auf Gesetzeswege eine Art Maulkorb angelegt“, sagt Mack. Auch ein neues Terrorgesetz wird häufig genutzt, um Journalisten in ihrer Arbeit einzuschränken.

Als dritte Exkursionsteilnehmerin sprach Chantal Beil über ihre Reiseerfahrungen. Sie beschäftigte sich speziell mit der Rolle der Frau in Jordanien. Auch hier gibt es Licht und Schatten. „Frauen können theoretisch alles werden, die Erwerbsquote ist jedoch relativ gering“, sagt sie. Die Mädchen gehen zur Schule, studieren vielleicht auch noch. Aber nach der Heirat ist das Arbeitsleben oft beendet. Ähnlich ist es in vielen Lebensbereichen. „Es gibt keinen Schleierzwang, keine Geschlechtertrennung. Die Königin kleidet sich sehr liberal“, sagt Beil. „Ehe- und Erbrecht sind aber immer noch diskriminierend. Es existieren patriarchale Strukturen. Gewalt gegen Frauen ist leider Alltag.“