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Markus Feldenkirchen: Politiker schauen zu viel auf Umfragen

31. August 2018

Markus Feldenkirchen: Politiker schauen zu viel auf Umfragen

„Spiegel“-Reporter und „Journalist des Jahres“ Markus Feldenkirchen hat Martin Schulz vor der Bundestagswahl begleitet. Mit Kristina Dunz (Rheinische Post) spricht er über die Faszination des Scheiterns und erklärt, warum der einstige Heilsbringer der SPD nicht Kanzler wurde. 

Es war der politische Absturz des vergangenen Jahres: Innerhalb weniger Monate rutschte Martin Schulz vom Hoffnungsträger der SPD in die politische Bedeutungslosigkeit ab. Die Partei wählte ihn mit 100 Prozent zum Parteichef und Kanzlerkandidaten. Kurz sah es so aus, als könne er tatsächlich Angela Merkel das Kanzleramt wegnehmen. Dann verlor die SPD eine Landtagswahl. Und die nächste. Und dann noch eine. Die Umfragen waren plötzlich katastrophal. Am Ende holte die SPD mit 20,5 Prozent das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Der 62-Jährige stand vor dem Aus. Die SPD ging wieder in die Große Koalition und wandte sich von Schulz ab.

Die Geschichte des Jahres dazu lieferte Markus Feldenkirchen, politischer Korrespondent des „Spiegel“ in Berlin. Ein ganzes Jahr begleitete er Schulz – und bekam Einblicke, so detailliert und nah, wie es in der deutschen Politik bisher nicht möglich war. Feldenkirchens Buch „Die Schulz Story“ erschien Anfang des Jahres und dokumentiert den Niedergang des Kandidaten. Für seine Reportage wählte ihn das Medium Magazin zum „Journalisten des Jahres“. RP-Korrespondentin Kristina Dunz interviewte ihn auf dem Campfire-Festival. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Warum stimmte Martin Schulz diesem Buch zu?

„Ich wundere mich bis heute selbst darüber. Das war ein riesiger Glücksfall“, sagt Feldenkirchen. Als er mit der Idee auf Schulz zukam, winkten dessen Berater alle ab. Zu gefährlich, zu riskant, auf keinen Fall. Doch Schulz sah den Reiz der Geschichte. Anfang 2017 war er beliebter als Merkel. Sein Weg ins Kanzleramt könnte also dokumentiert werden. Schulz wollte die Distanz zwischen Bürgern und Machtmaschinen, wie er Politiker gerne nennt, auflösen. „Aber auch da ahnte er schon, dass das nicht nur glamourös für ihn wird“, sagt Feldenkirchen.

Gab es Momente, in denen der SPD-Mann das Projekt abbrechen wollte?

Nein. „Schulz stand immer zu seinem Wort“, sagt Feldenkirchen. Auch als der Hype vorbei war, es gab nie Gespräche, dass die Begleitung ein vorzeitiges Ende finden sollte.

Was lief schief bei Schulz?

Der Kandidat Schulz wurde zum Opfer seiner Berater. „Fast jede prominente Aussage der SPD wurde vorab intern auf ihre Wirkung in der Bevölkerung getestet“, sagt Feldenkirchen, der eine Umfragefixierung in der deutschen Politik beklagt. Schulz habe dadurch sein Profil verloren. Vor allem nach der Bundestagswahl gab es keine klare Richtung mehr, wohin Schulz die Partei führen will. Erst Opposition, dann doch Regierung – unter Merkel. „Diese Kehrtwende war sehr sehr ungeschickt“, sagt Feldenkirchen. Aber dass er nun gar nichts mehr in der SPD sein durfte, sei genauso übertrieben, wie der Hype zu Beginn des Wahlkampfs.

Wie kann ein so erfahrener Politiker dermaßen scheitern?

Schulz war zuvor lange Jahre Präsident des Europäischen Parlaments in Brüssel und hatte in der deutschen Politik nahezu keinerlei Erfahrung. Dort herrsche ein anderes Klima als in Berlin, so Feldenkirchen. „In Brüssel geht es weit mehr um Inhalte und um die Sache, dort wird über Verordnungen gestritten“, sagt er. Ein Machtkampf, so wie er ihn in Berlin gegen die CDU und Merkel ausfochten musste, sei auf europäischer Ebene selten.

Ist die Reportage zu nah am Menschen Schulz, am Ende zu peinlich?

Das denkt Feldenkirchen nicht. Schulz sei damit einverstanden gewesen, dass auch flapsige Bemerkungen oder mal ein Rülpser den Weg in die Reportage finden. „Es mag sein, dass jetzt Leute denken, Schulz fehle die nötige Härte für ein Spitzenamt“, sagt Feldenkirchen. Er glaubt: Auch Schulz wäre ein würdiger Außenminister gewesen.

Hat sich Feldenkirchen hinter den Kulissen auch mal in die Strategie eingemischt?

„Nein, sonst wäre die SPD sicher nicht bei 20 Prozent gelandet“, sagt der Spiegel-Journalist. Gelächter im Zelt. Tatsächlich habe Schulz ihn aber nie um Rat gefragt. „Er hat ein waches Verständnis von Journalismus.“ Das Verhältnis sei immer professionell gewesen.

Foto: Michael Bröcker

Wir haben mit Markus Feldenkirchen auch persönlich im Interview gesprochen. Hier gibt es außerdem den Talk zum Nachschauen:

#Campfirefestival2018!

Live aus dem RP-Zelt: Das Leben in der Politik: Die Martin Schulz Story mit Markus Feldenkirchen

Posted by Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft on Friday, August 31, 2018