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Wie ein Chefredakteur versuchte eine ganze Stadt kennenzulernen

1. September 2019

Wie ein Chefredakteur versuchte eine ganze Stadt kennenzulernen

„Darf ich Sie mal stören?“, war wohl eine der Fragen, die Benjamin Piel in seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts am häufigsten zu hören bekam. Seine Antwort war immer die gleiche: „Sie stören nicht, was kann ich für Sie tun?“ Denn Piel wollte nicht nur mit seinen Mitarbeitern, sondern vor allem mit den Menschen in der Kleinstadt ins Gespräch kommen. Dazu setzte er sich einen ambitionierten Plan: 200 Porträts und Interviews in 365 Tagen.

Auf der Bühne im RP-Zirkuszelt blickt Piel auf das ereignisreiche Jahr zurück. Rund 4000 Kilometer ist er gefahren, etliche Kuchenstücke und Mittagessen hat er verspeist und dabei um die 500 Menschen kennengelernt. Denn nicht immer war es nur eine Person, die Piel interviewte – auch Gruppen wie Vereine, Chöre und Tanzgruppen waren mit dabei. Bei seinen Terminen musste er nicht nur zuhören, die Tanzgruppe ermunterte ihn auch zum Mittanzen und einmal, da fand er sich auf der Therapiebank eines Heilers wieder. Dass sich so viele unterschiedliche Menschen auf seinen Aufruf zum Gespräch in der Zeitung gemeldet hätten, hatte er selbst nicht erwartet. Noch heute trudeln etliche Anfragen bei ihm ein, sagt er.

Einige Begegnungen sind ihm besonders in Erinnerung geblieben. Piel hat den Zuschauern Ausschnitte mitgebracht, erzählt von einem ehemaligen Obdachlosen, der Tag für Tag in der Mindener Innenstadt steht und dort Zeitungen verkauft. Er erzählt von einem Pärchen mit Migrationsgeschichte, das einen Imbissladen in Minden besaß und diesen nach über 20 Jahren aufgeben musste. Und er erzählt von Menschen, deren Leben eine Krankheit begleitet und wie sich oft erst nach einer Stunde, ein tiefgründiges Gespräch ergeben konnte.

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„In jedem Menschen steckt etwas, das einem das Leben erklärt“, sagt Piel.

Als Chefredakteur wollte er den Schwerpunkt wieder auf lokale Geschichten legen. „Die große Politik über Merkel und Trump macht unsere Redaktion nicht stark“, sagt er. Hinaus aus dem Elfenbeinturm, hin zu den Menschen und ihren Geschichten. Das sei es, worauf es wirklich ankomme.

Die Aktion „200 in 365“ ging in diesem Jahr im Juni zu Ende. Aber Piel will sich auch künftig weiter Zeit für die Menschen vor Ort nehmen und sich weiter „stören“ lassen. Letztlich hat er es zwar nicht geschafft, wirklich die ganze Stadt kennenzulernen. Aber er ist ja auch erst ein Jahr Chefredakteur beim Mindener Tageblatt. Und da sind 500 Personen doch schon eine ganze Menge.

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