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Boris Rosenkranz von Übermedien: Der „Spiegel“ hat wenig aus Relotius gelernt

31. August 2019

Boris Rosenkranz von Übermedien: Der „Spiegel“ hat wenig aus Relotius gelernt

Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ gilt als Flaggschiff der deutschen Medienlandschaft. Das Haus wirbt mit dem Spruch „Keine Angst vor der Wahrheit“. Eine ganze Abteilung prüft die Artikel vor Druck Wort für Wort auf Ungereimtheiten. Trotzdem hat es der Reporter Claas Relotius geschafft, seine Kollegen und die Leser über Jahre mit gefälschten Geschichten zu täuschen. Die Macher des Portals Übermedien, Stefan Niggemeier und Boris Rosenkranz, mit vier Beobachtungen zu der Frage: Wie doof sind eigentlich Journalisten – und was ist an Rezos Medienschelte dran?

Fälschungen galten als nahezu unmöglich

Stefan Niggemeier hat selbst zwei Jahre als Autor für den Spiegel geschrieben. „Dort habe ich Dinge erlebt, die nicht so toll waren, aber die Zusammenarbeit mit der Dokumentation war immer super“, sagt er. Zuweilen soll es sogar richtig anstrengend gewesen sein, die vielen Fragen der Kollegen zu beantworten. Die Dokumentation ist eine Abteilung des Spiegels, in der etwa 100 Redakteure jeden Artikel genau prüfen. Stimmen die Ortsangaben? Woher kommen die Informationen? Ist der Lebenslauf des Protagonisten korrekt? Sogar Temperaturangaben sollen die Dokumentare mit Wetter-Aufzeichnungen abgleichen. Niggemeier sagt, er habe mit einem riesigen Fragezeichen im Kopf vor dem Bildschirm gesessen, als er von Relotius‘ Betrug erfahren hat. „Das ist der Spiegel, solche Geschichten können dort gar nicht durchkommen.“ Allerdings stellte sich dann heraus, dass im Gesellschaft-Ressort, wo Relotius angestellt war, offenbar andere Regen galten und teilweise nicht ganz so genau hingeschaut wurde.

Relotius ist ein Einzelfall, aber nicht der Einzige

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Was Claas Relotius getan hat, da sind sich Niggemeier und sein Kollege Boris Rosenkranz einig, war ein absoluter Einzelfall. „Betrugsfälle mit dieser Systematik wird es nur sehr wenige geben“, sagt Niggemeier. Andererseits habe Relotius die Geschichten geschrieben, die gelesen werden wollten. Sie seien nicht nur glatt und verfälscht worden, sondern auch politisch passend geschrieben. „Der Fall ist ein Peak, aber darunter ist auch noch eine Ebene“, sagt Rosenkranz. Was sich dort abspiele, sei noch nicht ganz klar.

Der Spiegel hat wenig aus Relotius gelernt

Der neue Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann nannte den Relotius-Skandal einst einen „heilsamen Schock“. Rosenkranz kritisiert, dass der Umgang mit anderen mutmaßlich fehlerhaften Geschichten bislang enttäuschend ist. So wird derzeit auf Medienportalen auch ein Spiegel-Artikel aus dem Jahr 2014 diskutiert, der eine Manipulation der WM-Spiele in Brasilien nachweisen will. Allerdings sind die dafür angeführten Beweise – ein Chatverlauf – wohl nicht stichhaltig. Der Spiegel beharrt bis heute darauf, dass die Belege gültig sind. „Im Prinzip müsste der Spiegel nach Relotius nun die Hosen runterlassen. Das findet aber nicht statt“, sagt Rosenkranz.

Youtuber Rezo ist nicht wirklich brillant

Auch Youtuber Rezo, der vor der Europawahl mit einem viel beachteten Video über die CDU auf sich aufmerksam machte, kritisierte jüngst die Arbeit einiger Journalisten – und zwang den Chef des Deutschen Journalisten-Verbands zu einer Stellungnahme. Medienjournalist Rosenkranz sagt: „Was Rezo für eine Macht hat, ist der Wahnsinn.“ Die habe er eigentlich aber nicht aus sich selbst gewonnen, sondern sie komme von den Beobachtern, Zuschauern und Journalisten. „Wenn der sich als nächstes die Fleischindustrie vornimmt, brennen wahrscheinlich die Ställe im Land“, sagt Rosenkranz. Niggemeier ergänzt: „Rezos Analysen sind gar nicht so brillant. Aber in dem Fall haben die Journalisten, die sein Video kommentiert haben, sich selbst zerlegt.“

(Foto: Alexander Triesch)

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