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Führt kostenpflichtiger Online-Journalismus zu einer „Informations-Elite“?

1. September 2019

Führt kostenpflichtiger Online-Journalismus zu einer „Informations-Elite“?

Die Auflagen von Tageszeitungen sind rückläufig und Unternehmen bezahlen nur noch wenig für Werbeanzeigen: Das macht es für Verlage immer schwerer, jeden Morgen eine gedruckte Ausgabe der Tageszeitung zum Leser zu bringen. Um diese Entwicklung abzufedern, wollen sie Geld im Netz verdienen – mit Inhalten, die dort lange Zeit kostenlos verfügbar waren. Wie das gehen soll, darüber haben Sebastian Matthes (Handelsblatt), Rainer Leurs (RP ONLINE), Tanja Lau (taz) und Christian Hasselbring (LaterPay) im RP-Zirkuszelt gesprochen. Moderiert wurde die Runde von Jennifer Lachman (manager magazin). Wir geben einen Überblick über die vier wichtigsten Herausforderungen der Branche:

Die Bereitschaft, für einzelne Artikel zu zahlen, ist oft gering 

Der stellvertretende Chefredakteur des Handelsblatt, Sebastian Matthes, hat Erfahrung mit Bezahlmodellen, die pro Artikel abrechnen. Das Handelsblatt hatte zeitweise ein solches Modell getestet, allerdings mit mäßigem Erfolg: „Das wurde so selten genutzt, dass es sich gar nicht gelohnt hat, das überhaupt technisch zu implementieren“, sagt er. Auch RP ONLINE Chef Rainer Leurs betont, dass es unter den Lesern keine Nachfrage nach Einzelverkäufen gebe. Christian Hasselbring von LaterPay (wie der Name verrät, ein Anbieter für digitale Einzelkäufe) hält dagegen: „Bei unterschiedlichen Publishern funktioniert der einzelne Verkauf von Artikeln sehr gut.“

Leser wollen nicht für mehrere Angebote gleichzeitig zahlen

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Am Ende des Talks merkt ein Zuschauer an, dass er nicht bereit sei für mehr als fünf oder zehn Nachrichtenangebote im Netz zu zahlen, wenn die Verlage keine günstigeren Modelle anbieten. Er fordert eine Art Spotify für journalistische Inhalte, eine Plattform, auf der alles einläuft. Matthes entgegnet, das deutsche Verlagswesen habe eine entscheidende Schwäche: „Es gibt dort nur wenig Zusammenarbeit“, sagt er. Erste Versuche, wie etwa Blendle, seien bislang nicht so erfolgreich, wie sie sein könnten. Es sei schwierig, alle großen Marken auf einer Plattform zu vereinen, sagt auch Hasselbring: „Die emotionale Beziehung zwischen Leser und Medium geht zurück, wenn alles plötzlich ohne eigene Farben, Typografie und Aufmachung über ein Portal läuft.“

Es besteht die Gefahr, dass eine „Informations-Elite“ entsteht

Tanja Lau, die bei der taz für das freiwillige Bezahlmodell verantwortlich ist, befürchtet, dass Paid-Modelle dafür sorgen könnten, dass journalistische Inhalte im Netz nur noch Besserverdienern zugänglich sind. „Es könnte eine Informationselite entstehen, wenn sich ein Teil der Leser die Nachrichten nicht mehr leisten kann“, sagt Lau. 17.000 Nutzer würden bei der taz einen freiwilligen Beitrag von mindestens fünf Euro zahlen. „Wir orientieren uns auch gar nicht an Kündigungsgründen. Da heißt es oft, wir schreiben nicht die Meinung der Leser“, sagt Lau. Matthes hält dagegen: „Wenn die öffentlich-rechtlichen Medien ihre Aufgabe richtig machen, dann gibt es bereits ganz viele frei zugängliche Informationen.“

Jennifer Lachman, Sebastian Matthes und Rainer Leurs im Gespräch vor der RP-Live-Redaktion. Foto: Tobias Block

Zahlende Nutzer wollen oft ganz bestimmte Geschichten lesen

Rainer Leurs, der bei RP ONLINE Anfang Juni ein bislang noch kostenfreies Plus-Modell eingeführt hat, berichtet von mehr als 130.000 neu registrierten Nutzern. „Die Hälfte will gerne Sport und dort überwiegend Fußballthemen lesen, der Rest liest vor allem Artikel aus dem Lokalen, etwa die neue Müllgebührenverordnung aus Neuss.“ Reine Nachrichten dagegen seien weniger geeignet, um hinter einer Paywall zu landen. Matthes vom Handelsblatt erklärt: Nutzer, die online Geld bezahlen, würden vor allem lange, ausführliche Analysen lesen wollen. „Die Artikel haben zum Teil eine Lesezeit von acht, neun oder zehn Minuten“, sagt er.

(Titelfoto: Hans-Jürgen Bauer)

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