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Warum die Integrationschefin im NRW-Integrationsministerium nicht viel vom Begriff „Integration“ hält

1. September 2019

Warum die Integrationschefin im NRW-Integrationsministerium nicht viel vom Begriff „Integration“ hält

„Hey Vassili“. „Hey Jan“. „Hey Leute“. Hallo Machiavelli – der Podcast von Vassili Golod und Jan Kawelke (Cosmo), über Rap und Politik. Mit ihrem Format traten Machiavelli auch beim Campfire-Festival auf. Gast der beiden war Asli Sevindim, langjährige WDR-Journalistin und Moderatorin der Aktuellen Stunde. Nun ist sie Leiterin der Integrationsabteilung des Landes NRW. Die zentrale Frage zum Einstieg:

Was ist eigentlich diese Integration?

Asli Sevindim versteht die Frage nicht. Der Begriff „Integration“ an sich ist ihr zuwider. „Ich versuche mich davon maximal zu entfernen“, sagt sie gleich zu Beginn. Für sie ist das Wort eine Krücke, eine Stütze für etwas, das aber eigentlich selbstverständlich sein sollte. „Es ist wie eine Schablone, die auf alles draufgepresst wird“, sagt sie. Eine Gesellschaft, die sei immer dynamisch, das sei völlig klar. Und dass man mit unterschiedlichen Menschen umgehen muss, sei auch kein Migrationsproblem. Einrichtungen wie das Integrationsministerium dürfte es am Ende eigentlich gar nicht geben. Manche Leute würden auch sagen, Integration bedeute anpassen. „Aber wie denn? An wen soll ich mich denn anpassen? An Edmund Stoiber? An Hans-Christian Ströbele?“.

„In mir drinnen stecken 1000 Leben, 1000 Leben, 1000 Leben. Hab Flure geputzt, Häuser gebaut, wurde ausgenutzt, wurde ausgesaugt. Ihr habt nie an mich geglaubt, ich war immer was ihr braucht.“
Ebow – „Kanak for Life“

Jan Kawelke spielt den Song ein. Durch die Lautsprecher scheppert Ebows zentrale Aussage: Migranten sind offenbar okay, wenn sie Drecksarbeit machen können, aber darüber hinaus werden sie nicht beachtet, sind kein wirklicher Teil der Gesellschaft. Asli Sevindims Aussage dazu: „Dieses Land macht sich erst seit so kurzer Zeit klar, dass es eigentlich ein Einwanderungsland ist.“ Sevindims Vater kam selbst für eine Arbeit aus der Türkei nach Deutschland. „Eine Liebesbeziehung war das damals sicherlich noch nicht.“ Noch nicht. Denn es dann doch hat funktioniert. „Dieses Land ist Weltmeister im Integrieren. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Millionen von Flüchtlingen integriert. Nicht unbedingt sprachlich, aber räumlich und sozial. Wir haben schon so viel erfahren und gemacht – wir sind Experten, aber tun so als könnten wir das nicht.“

„Deutscher Staatsbürger, ich frag‘ euch, was soll der Scheiß? Ihr kennt euch doch so lang, reißt euch endlich mal zusammen. Alles chill, Digga, reicht euch erst die Hände und entspannt. Ihr habt auf einmal Streit, die Masse ist entzweit. […] Ich sitze schon mein ganzes Leben zwischen diesen fucking Stühlen. Und gerade als ich dachte, es wär‘ alles abgekühlt. Ich dachte, Brüderschaft, aber es war zu früh. Ich bin Deutsch-Türke, keiner weiß hier, was ich fühl‘. Die Lage macht mich stutzig, wollt’s nicht sagen, doch jetzt muss ich. Auf einmal ist der Quotentürken gar nicht mehr so lustig. Als gäb‘ es nur die Wahl zwischen Erdoğan und Böhmermann, nur die Wahl zwischen Bertelsmann und Dönermann.“
Eko Fresh – „Aber“

In seinem Video ist der deutsche Rapper vieles: AfD-Wähler, Wut-Türke, und schließlich er selbst, wie er zwischen den Stühlen sitzt. Asli Sevindim gibt dem Rapper in seiner Aussage recht: Dieses sich entscheiden müssen, das ist absurd. Warum kann man nicht einfach der sein, der man ist? „Diese Welt ist so chancenreich, ich will mich nicht zu etwas zwingen. Warum muss ich akzeptieren, dass Menschen uns in einem Land auseinander dividieren?“ Und warum muss man sich bei der Sprache entscheiden? „Für den Rap ist Integration ein wahrer Segen, denn darum geht’s ja genau: Darum, immer neue Wege zu finden, die Dinge auszudrücken, mit der Phonetik spielen. Anders würde das im Rap gar nicht erst funktionieren“, sagt Jan Kawelke, und präsentiert ein interessantes Beispiel:

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„Wallah khouya la vie bien. Mercedes-Benz bien. Business wallah bien. Ray-Ban wallah bien. Für die einen acteur, für die anderen Yonii. In Deutschland geboren und trotzdem Nafri. Fliege Comfort nach Agadir, anonym durch den Zoll, ohne Papier.“
Yonii – „Anonym“

Nichts verstanden? Macht nichts. Dass Sprache sich durch Rap verändert, dass Rap diese „auseinander konstruiert“ ist ganz normal, und Kern der Sache, wie Jan Kawelke findet. „Es muss ja nicht heißen dass etwas verloren geht. Es muss nicht verloren gehen, aber alles darf sich verändern“, findet Asli Sevindim. Einwand von Vassili: „Aber ist diese Art von Rap wirklich Integration, oder ist das nicht etwas für eine Gruppe, die für sich steht?“. Jan: „Das Jugendwort 2011 war nicht umsonst ‚Babo‘. Das wurde von Haftbefehl mit ‚Babos wissen wer der Chabo ist‘ auf die Karte gebracht.“ Und was ist mit diesen „Parallelgesellschaften“? Die gibt es gar nicht, sagt Asli. „Ich verteidige das aus totalem Pragmatismus: Alle, die da sind, gehören dazu, und so wie sie da sind, sind sie halt sehr unterschiedlich. Es ist wie in einer großen Familie: Man hat immer ein paar Bekloppte dabei. Und so ist es in der großen Gesellschaft auch.“ Und wie in der Familie, akzeptiert man auch diese Menschen – sie sind ganz selbstverständlich Teil der Familie. Sevindim: „Der Mensch ist unterschiedlich, leben Sie bitte damit und heulen Sie leise.“

(Foto: Ivo Mayr/Correctiv)

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