Campfire Campfire 2019 Campfire 2019 (Samstag)

Can Dündar: „Erdogan-Gegner sind überall in Gefahr“

1. September 2019

Can Dündar: „Erdogan-Gegner sind überall in Gefahr“

Im vergangenen Jahr war der türkische Journalist Can Dündar, der in Deutschland im Exil lebt, bereits zu Gast auf dem Campfire-Festival. Der ehemalige „Cumhuriyet“-Chefredakteur sprach über die Krise der Demokratie. Ein Jahr später ist er nicht mehr allein auf der Bühne des Correctiv-Zeltes: Seine Frau Dilek lebt seit Juni auch in Deutschland, nachdem ihr drei Jahre lang die Ausreise aus der Türkei verwehrt wurde.

„Mit einem kleinen Handgepäck“ hatte Dilek Dündar nach jahrelangem Kampf um ihre Ausreise ihre Heimat, die Türkei, schließlich verlassen. Um auf einer griechischen Insel endlich wieder mit ihrer Familie vereint zu sein. „Dilek wurde als Geisel gehalten“, sagt ihr Ehemann. Ohne Ermittlungen, ohne Verfahren. Einfach weil sie mit ihm verheiratet war. „So etwas sieht man normalerweise nur in Filmen, wir mussten es selbst erleben.“ Miteinander sprechen, einander schreiben, all das ging nicht. Die Kommunikation lief über Dritte. Dilek wollte kämpfen, ihren Pass zurück, um endlich auszureisen. Rechtlich, diplomatisch und politisch konnte sie nichts erreichen. „Ich musste erkennen, dass die Rechtsstaatlichkeit nicht funktioniert“, erzählt Dilek. Dann fasste sie den Entschluss das Land heimlich zu verlassen. „Selbst der Boden hat ein Ohr“, zitiert sie ein türkisches Sprichwort. Darum sollte niemand von ihrem Plan erfahren. Seit Juni lebt Dilek nun gemeinsam mit ihrem Mann Can in Berlin. Die Familie ist vereint, aber zur Ruhe kommen die Dündars nicht. „Ein Ohr ist immer in der Türkei.“ Can Dündar ist Chefredakteur des Exilmediums #ÖZGÜRÜZ – „Wir sind frei“ lautet die deutsche Übersetzung.

Mit Spiegel-Redakteur Maximilian Popp sprach Can Dündar über das Wiedersehen, das Leben im Exil und die Zukunft der Türkei. Can Dündar über …

… das Leben im Exil 

„Das Leben im Exil ist schmerzhaft, doch man darf es nicht zur Hölle werden lassen, in der man verbrennt, sondern versuchen etwas zu lernen. Ich kann hier machen, was ich in der Türkei nicht machen konnte: Meinen Beruf nutzen, um meine Stimme in der Türkei hören zu lassen.“

- Anzeige -

… die Demokratie 

„Wir haben immer gedacht, dass wir die Demokratie nicht verlieren können. Aber eigentlich ist sie sehr zerbrechlich – und wenn sie zerbricht, muss man für sie kämpfen.“

… Unterstützung der Oppositionellen aus dem Ausland 

„Die größte Strafe für die Menschen in der Türkei ist es, zu schreien und das Gefühl zu haben, niemand hört die Stimme. Doch wenn sie erfahren, dass Menschen in ganz Europa für sie demonstrieren, dann ist das eine Hoffnungsquelle.“ 

„Manchmal trifft auch die deutsche Regierung Entscheidungen aus Eigeninteresse. Wir wünschen uns, dass ihr eure eigene Regierung dann kritisiert.“

… Erdogans Schatten, der bis nach Deutschland reicht 

„Erdogan-Gegner sind überall in Gefahr. Er ist ein jähzorniger Mensch. Nachdem er mich in der Türkei zur Zielscheibe machte, wurde dort ein Attentat auf mich verübt. Die Menschen nehmen das, was Erdogan sagt, als Befehl wahr. Er hat mich bei seinem letzten Deutschlandbesuch namentlich genannt. Seitdem versuchen wir vorsichtig zu sein, denn auch hier leben Erdogan-Unterstützer. Wir sind vorsichtig.“ 

„In Deutschland bejubeln mehrere zehntausend Anhänger den Präsidenten. Das ist ein sehr großes Problem. Ich suche die Schuld bei mir. Wir konnten den Menschen die wahre Türkei nicht näher bringen. In der Türkei ist eine große Propaganda-Maschinerie am Werk. Ich denke, dass viele die Türkei gar nicht näher betrachten. Wenn sie jeden Tag in fünf Kanälen nur Erdogan sprechen hören, stehen sie auch unter diesem Einfluss. Das, was wir versuchen, ist diese Wirkung zu durchbrechen.“ 

„Die Menschen, die in der Diaspora leben, sind so viel nationalistischer als die Menschen in der Türkei. Die Frage die Identität ist das größte Problem unserer Zeit. Erdogan gibt ihnen die Identität, die sie in Deutschland nicht bekommen. Er erzählt den Menschen hier, dass die Türkei so stark ist und diejenigen, die sich in Deutschland unterdrückt fühlen, werden so bestärkt.“

… die besondere Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland 

„Was in der Türkei passiert, passiert auch hier. In Berlin lebt die größte Anzahl an Türken im Ausland.“

„Deutschland ist ein Fluchtort für viele türkische Intellektuelle geworden. In den 30er-Jahren sind wiederum Deutsche in die Türkei geflohen, wie zum Beispiel der Politiker Ernst Reuter. Wir betrachten das als historisches Dankeschön.“ 

… die Zukunft der Türkei

„In der Türkei führen die Menschen ihre Kämpfe weiter. Ich glaube an den Kampf. Obwohl ich das Land verlassen habe, glaube ich weiter daran. Dieser lokale Wahlsieg in Istanbul ist ein großer Hoffnungsträger für uns. Stellen Sie sich vor: 25 Jahre wurde Istanbul von Erdogan geführt. Wir können von einem historischen Zyklus sprechen. Erdogan begann seine politische Karriere dort als Bürgermeister. Er weiß, was es bedeutet Istanbul zu verlieren. Zum ersten Mal steht Erdogan eine große demokratische Allianz gegenüber, durch den Sieg der Opposition in Istanbul. Deshalb hoffe ich, dass wir nächstes Jahr dieses Festival in der Türkei organisieren können. Sie sind alle eingeladen.“

(Titelfoto: Ivo Mayr/Correctiv)

Das Campfire-Programm der Rheinischen Post wird freundlich unterstützt von: