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Wer für Rassismus im deutschen Fußball verantwortlich ist

1. September 2019

Wer für Rassismus im deutschen Fußball verantwortlich ist

Ostdeutsche Problemklubs, Spielabbrüche im Amateurfußball, Hetze im Netz und – natürlich – die Causa Clemens Tönnies: Rassismus ist im deutschen Fußball so allgegenwärtig wie nie. Wer Schuld daran ist? Fankurven, Kreisliga-Kicker, Medien, Funktionäre und die deutsche Gesellschaft von 2019 zeigen oft gegenseitig mit dem Finger aufeinander. Beim Campfire-Festival in Düsseldorf versuchten Peter Frymuth, Hassan Belkadi und Raphael Brinkert, Erklärungen zu finden:

  • Peter Frymuth (62) ist Vizepräsident des DFB, Präsident des Fußballverbands Niederrhein (FVN) und war von 2004 bis 2014 Vorstandsvorsitzender von Fortuna Düsseldorf.
  • Hassan Belkadi (45) pfiff viele Jahre als Schiedsrichter in der Oberliga. Heute ist er Gymnasiallehrer, Mitglied im Verbandsschiedsrichterausschuss des FVN und DFB-Schiedsrichterbeobachter.
  • Raphael Brinkert (42) ist Deutschlands meistausgezeichneter Sport-Marketer, gründete mit Christoph Metzelder die Agentur BrinkertMetzelder und ist Initiator der Menschenrechtskampagne „Jeder hat das Recht auf Menschenrecht“.

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Die Rolle der Funktionäre

Clemens Tönnies‘ rassistische Äußerungen beim Tag des Handwerks in Paderborn sorgen weiterhin für Zündstoff. Dass die Ethik-Kommission des DFB die Aussage des Aufsichtsrat-Chefs des FC Schalke 04 zwar als rassistisch einstufte, allerdings von Sanktionen absah, unterstützt Peter Frymuth: „Sie haben den Vorgang richtig bewertet.“ Die breite Kritik an dieser Entscheidung kann er nicht nachvollziehen: „Wenn die Personen, die in der Ethik-Kommission sitzen, in einer anderen Kommission außerhalb des DFB sitzen würden, würden sie uneingeschränkte Zustimmung bekommen.“ Beim DFB sei das Glas in der öffentlichen Meinung „immer halbleer, nicht halbvoll“. Deutlich kritischer äußerte sich Raphael Brinkert: „Tönnies‘ Aussage ist nicht nach einer Kiste Bier um 24 Uhr im Wirtshaus gefallen. Das ist jemand, der einen Vortrag zum Thema Unternehmer mit Verantwortung gehalten hat.“ Er warf Tönnies „Kasten- und Kolonialzeitdenken“ vor. Damit spannte er auch den Bogen zu der wichtigen Rolle, die Funktionäre in seinen Augen in der Rassismus-Debatte haben: „Die sind in einer solchen Vorbildfunktion. Der DFB zeigt mit seiner Entscheidung Rassismus nur die Gelbe Karte. Das finde ich fragwürdig.“ Ein spannender Einwand kam von einem Zuhörer aus dem Publikum, der den Eindruck gewann, dass Funktionäre wie Krähen seien, „die sich gegenseitig kein Auge auspicken wollen“. „Du hast Recht“, sagte Brinkert und fragte: „Wer hat sich denn zum Thema Rassismus geäußert in den letzten Wochen? Welcher Nationalspieler und welcher Bundesliga-Star? Es sind immer die gleichen drei, vier Leute, weil der Rest von den Vereinen gesagt bekommt, dass sie lieber nichts sagen sollen.“ Das deckte sich auch mit der Erfahrung von Gianni Costa, Ressortleiter Sport bei der Rheinischen Post, der sagte: „Es war nicht einfach, drei Leute zusammenzubekommen, die über Rassismus sprechen wollen. Viele wollten es lieber nicht.“

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Die Rolle des Amateurfußballs

„Die Bundesliga ist ein Vorbild für uns, wenn wir sonntags auf dem Platz stehen“, sagt Hassan Belkadi, der ein zunehmendes Rassismusproblem auf den Sportplätzen feststellt: „Das wird leider viel präsenter, vor allem im Ruhrgebiet und da in den Kreisen Essen und Duisburg. Es gibt einige Mannschaften, die wollen nicht mehr gegen Türken oder Libanesen antreten. Dann wollen auch Türken nicht gegen Kurden antreten.“ Leidtragende seien in diesen Fällen meistens auch die Schiedsrichter. Dass Rassismus an der Fußballbasis nicht bekämpft wird, wollte Frymuth aber so nicht stehen lassen: „Wir haben eine Sportgerichtsbarkeit und eigene Rechtsorgane. Die handeln, wenn etwas passiert.“ Zuletzt hatte der auch fotografisch gut dokumentierte Gewaltausbruch eines Duisburger Kreisliga-Spielers für bundesweites Aufsehen gesorgt. Belkadis Problem: „Es passt zum Zeitgeist, dass man in diesem Zusammenhang dann von gewalttätigen Muslimen spricht. Da sind dann auch die Medien gefragt.“

Die Rolle der Medien

Bei der Berichterstattung sei die Debatte seiner Meinung nach gezielt in eine Richtung gelenkt worden: „Vor zehn Jahren hätte man nicht gefragt, warum die Ausländer so gewalttätig sind, sondern warum der Fußball so gewalttätig ist.“ Auch Brinkert meint: „Wir fragen bei so einem Vorfall mehr danach, wer der Täter war, als dass über die Tat oder die Opfer gesprochen wird.“ Auch für die Rheinische Post hatte er eine Idee: „Warum bringt die RP nicht jeden Montag die positive Geschichte des Wochenendes?“

Die Runde im RP-Zirkuszelt. Foto: Tobias Block

Die Rolle der Gesellschaft

„Der Fußball ist das emotionale Brennglas unserer Gesellschaft“, sagte Brinkert. Er ist der Meinung, dass viele Leute „dem Hass der ganzen Woche am Wochenende beim Fußball freien Lauf lassen“. So sei Rassismus in erster Linie ein Problem der Gesellschaft, das auch auf den Fußball übertragen wird: „Heute vor 80 Jahren haben wir Polen überfallen. Und auch jetzt gibt es noch Ewiggestrige, die nun vielleicht in zwei Bundesländern zur stärksten Kraft werden.“ Bezogen auf das Bild des Duisburger Spielers sagte Peter Frymuth: „Durch die Menschen, die die Bilder im Internet gesehen haben, kam der rassistische Zungenschlag erst rein. Es war nicht mehr das Austicken eines Menschen, sondern auf einem rassistischen Nährboden das Austicken eines Ausländers. Das Foto hatte eine viel drastischere Wirkung, als wenn darauf ein blonder Deutscher zu sehen gewesen wäre.“

Die Rolle der Fankurven

Eine Zuschauerin berichtete von einem Vorfall, bei dem sie jüngst im Stadion antisemitische Sprüche hörte, sich aber nicht traute, etwas dagegen zu unternehmen – eine zufriedenstellende Antwort bekam sie nicht. Ein Rassismus-Problem sei auch in Stadien nicht wegzudiskutieren, wie auch Belkadi am eigenen Leib erfahren hat: „In Rostock wurde ich als Schiedsrichter mal ausgebuht, nur wegen meines Namens. Ich will das nicht nur auf den Osten pauschalisieren, aber gerade dort mache ich mir große Sorgen. Die Rechten sind legitim geworden, das tragen sie auch in die Stadien rein.“

(Titelfoto: Tobias Block)

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