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Warum wir einen Facebook-Post gelöscht haben

24. November 2015

Warum wir einen Facebook-Post gelöscht haben

Die RP-Redaktion Moers hat eigentlich nur eine Reportage über die Ankunft von 200 Flüchtlingen auf ihrer Facebook-Seite posten wollen. Doch die Diskussion schlug um in braune Hetze. Dann tat die Redaktion etwas, das sie bislang noch nie tun musste.

200 Flüchtlinge kommen in Moers an, sie sind müde, geschafft von den Strapazen der Flucht. Was genau sie erlebt haben, wissen wir nicht. Doch wer die Meldungen über die teils gefährliche Flucht nach Europa verfolgt, hat Bilder im Kopf: Sie haben in Syrien vielleicht Familienmitglieder verloren, Menschen sterben sehen. Sie sind vielleicht mit einem Schlauchboot in Griechenland gelandet, das andere Boot, das mit ihnen gestartet ist, ist irgendwo untergegangen. Haben vielleicht miterlebt, wie Menschen auf der Flucht gestorben sind. So oder so ähnlich könnte es gewesen sein.

Hier am Niederrhein aber haben ehrenamtliche Helfer dafür gesorgt, dass die Überlebenden dieser Flucht Zuflucht finden. 200 Menschen, die dankbar sind, dass sie noch leben, dass wir ihnen ein wenig menschliche Wärme entgegenbringen und dass sie bei uns in Sicherheit sind. Vor Tod, Terror und den IS-Schergen.

Einer Facebook-Nutzerin, die Fan unserer Seite ist, fällt dazu nur ein: „Super, da kommen wieder welche, die unsere Jobs wegnehmen.“ Natürlich nerven mich diese Stammtischparolen, natürlich gefällt mir ihre Meinung nicht. Aber es ist eben ihre Meinung, die sie haben darf. Solche Kommentare sind so naiv, dass sie sich selbst entlarven – und sehr schnell von unseren Usern widerlegt werden. Sachlich, intelligent, vielleicht ein wenig polemisch, manchmal gehässig. Aber in der Regel nicht beleidigend.

Das ist nicht der Grund, warum ich am Montagnachmittag unseren Beitrag „200 Flüchtlinge kommen in Moers an“ von unserer Facebookseite löschen muss. Aber so fängt es an. Auf den einen negativen Kommentar folgen zwei bis drei positive Kommentare. Dann meldet sich die Freundin der Nutzerin zu Wort. Das Ganze schaukelt sich hoch, erste harmlose Frotzeleien werden ausgetauscht – aus der einen, wie aus der anderen Richtung. Andere User schließen sich an: „Wir bekommen nichts, die bekommen alles. Haben sogar Handys und Markenklamotten.“ Es folgen erste grenzwertige Kommentare. Ich komme noch gut mit dem Löschen hinterher. Der RP Moers wird bereits vorgeworfen, wir würden die Meinungsfreiheit mit den Füßen treten. „Lügenpresse“ eben. Noch lächle ich milde.

Die Grenze überschreiten mehrere Menschen gleichzeitig. Sie beschimpfen die Flüchtlinge, beschimpfen uns, beschimpfen sich gegenseitig. Braunes Gedankengut, latent hetzerisch auf der einen Seite. Fotos von zerfetzen Kinderleichen auf der anderen Seite. „Schaut her, wie schlimm es in Syrien ist – würdet ihr nicht fliehen?“ Ich ertrage den Anblick nicht, lösche die Bilder, sperre den Nutzer.

Ich kann in dieser Situation nicht mehr dafür garantieren, alle Kommentare im Blick zu haben – es sind zu viele. Ich kann nicht mehr so schnell löschen, wie Nazi-Kommentare gepostet werden, Drohungen ausgesprochen werden und gegen Flüchtlinge gehetzt wird. Jedes gute Argument der anderen Seite verpufft, das hier ist keine Diskussion mehr, das ist ein brauner Sumpf aus platten Parolen und plumpen Anfeindungen.

Ich lösche den kompletten Post und schreibe diese Erklärung:

screenshot1

Natürlich stehen wir immer noch für Meinungsfreiheit, wir wollen unabhängig informieren, allen Seiten ein offenes Ohr schenken – und vor allem Ängste und Sorgen ernst nehmen. Der Großteil unserer Follower weiß das auch. Alle anderen versuchen wir jeden Tag davon zu überzeugen. Es wird aber immer ein paar geben, die unbelehrbar sind. Auch das erleben wir jeden Tag.

Das Thema Flüchtlinge wird uns auch in Zukunft begleiten. Wir werden weiter wie bisher berichten, werden unsere Reportagen auf Facebook posten und auf die Notlage der Menschen hinweisen. Das ist uns in der Redaktion eine Herzensangelegenheit. Die Admins der Seite werden aber in Zukunft alle hetzerischen Posts direkt an die Ermittlungsbehörden weiterleiten. Wir werden solchen Menschen keine Plattform mehr bieten.

Die besagte Nutzerin ist übrigens immer noch Fan unserer Seite. Ich habe sie nicht rausgeworfen, ich werde auch in Zukunft mit ihren Kommentaren leben müssen. Auch wenn ich ihre Meinung nicht teile und einige ihrer Posts nur unter Schmerzen ertrage – so lange sie nicht hetzt oder andere beleidigt, muss ich das aushalten.

3 Comments
  1. Tom

    Sie erklären sich damit, ja keine Nazis zu sein. Sie kommen ja aus der Mitte der Gesellschaft (das Volk). Sie sehen sich in der Opferrolle, weil sie kritisiert werden oder gar ihre Beiträge gelöscht werden. . Sie verstehen nicht, dass sie tiefbraunes Gedankengut verbreiten. Sie verstehen nicht, dass sie Ängste schüren, Vorurteile pflegen und Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion diffamieren, kriminalisieren, vorverurteilen. Mit diesem Leuten kann es keinen Diskurs geben. Das einzige, was diese Leute von einem Nazi unterscheidet: Der Nazi diffamiert und hetzt bewusst. Der besorgniserregende Bürger tut es womöglich unbewusst.

  2. jj preston

    Revolutionärer Vorschlag: Erstellen Sie doch nach derartigen Hetzkommentaren eine Liste derjenigen, kontaktieren Sie sie und laden Sie zwei von ihnen ein zu einer Vor-Ort-Reportage. In Syrien, im Irak, in Libyen, auf dem Sinai, an der türkisch-syrischen Grenze. Thema der Reportage: Was passiert mit Facebook-Hetzern, wenn sie mit der Realität konfrontiert werden?

  3. Typ

    Schlimm ist, dass diese Menschen nicht merken, dass sie die Werte, die sie ihrer Meinung nach gegen "die anderen" verteidigen müssen, auf diese Weise selbst mit Füßen treten. Und zwar so lange, bis es nichts mehr vor "den anderen" zu verteidigen gibt. Wer sein Schild mit "christlicher Nächstenliebe" glaubhaft hochhalten will, der sollte mit eben dieser anfangen und die Fragen nach weiterer Zuwanderung so lange vertagen, bis sicher gestellt ist, dass die heiligen 3 Könige nicht vor der Scheune und unter dem Wiehern der Esel erfroren sind.

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