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Vier Vorurteile über Journalisten – und was an ihnen dran ist

28. August 2019

Vier Vorurteile über Journalisten – und was an ihnen dran ist

Journalisten schreiben nur über das Schlechte, was auf der Welt passiert. Durch Nachrichtenagenturen wie die dpa steht überall dasselbe. Und außerdem sind eh alle Journalisten links. Was ist an diesen Vorurteilen dran? Eine Spurensuche.

Es gibt da diesen Witz über Medienmacher, der einfach nicht von der Bildfläche verschwinden will, er geht so: Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei. Super Gag, oder?

Während bei diesem Stereotyp, alle Journalisten seien Bier und Wein etwas zu sehr zugeneigt, wohl den meisten einleuchten mag, dass da wohl eher wenig dran ist, sieht es bei anderen Vorurteilen anders aus. Sie tauchen einfach immer wieder auf. Zu Zeiten von Ekel Alfred machten diese am Stammtisch die Runde. Heute verbreiten sie sich über soziale Netzwerke und Kommentarspalten. Einige grenzen an Verschwörungstheorien. Nicht immer lassen sie sich ohne weiteres entkräften. Nicht immer ist das nötig. Unser Autor ist selbst erst seit zwei Jahren im Journalismus tätig, seinen Blick bezeichnet er als „noch unverbaut“. Deshalb hat er vier der häufigsten Vorurteile über Journalisten mal einem Realitätscheck unterzogen.

Wir sind sensationsgeil

Das liegt wohl in der Natur der Sache. Wer möchte schon die Schlagzeile „Alles ist wie immer“ lesen? Einer der ersten Sätze, die ein angehender Journalist zu hören bekommt, ist: „Hund beißt Mann“ ist keine Story, „Mann beißt Hund“ schon. Journalisten sind ganz selbstverständlich auf der Suche nach den Geschichten, die hervorstechen, die sich vom Alltag unterscheiden. Journalisten suchen aber nicht aus Voyeurismus nach Skandalen, es ist ihre ureigene Pflicht: „Kritik und Kontrolle ist Aufgabe des Journalismus“, erklärt Stephan Mündges, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Journalistenausbildung der Universität Dortmund. Dies sei die Antriebsfeder des Journalismus und zentrale Funktion als vierte Gewalt. Ohne die Suche nach Skandalen hätte es journalistische Großprojekte wie die Panama-Papers nie gegeben. Zumindest in Teilen berechtigt ist jedoch der Vorwurf, Schlagzeilen seien zu überspitzt, versprächen mehr als der Text am Ende halte.

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Jede Überschrift sollte eigentlich wohlüberlegt sein. Dennoch spitzen Journalisten gerne zu, online oft mehr als im gedruckten Produkt. Warum? Weil sich ihr Medium, ihr Artikel, gegen eine schier endlose Konkurrenz durchsetzen muss. „Der Journalismus ist in einer schwierigen Situation, er konkurriert mit extrem vielen Diensten und Anbietern um Aufmerksamkeit“, sagt Mündges. Wer in den Google-Suchergebnissen weit oben landen will, muss viel Aufmerksamkeit erzeugen. Die Hoffnung der ganzen Branche liegt auf digitalen Bezahlmodellen. Vielleicht entspannen sich damit in ein paar Jahren die Schlagzeilen.

Wir schreiben alle das gleiche

Dass ein interessantes Thema in vielen Medien auftaucht, ist grundsätzlich natürlich erst einmal nicht verwunderlich. Passiert etwas Spannendes in Deutschland, dann ist das vermutlich auch für alle Leser in Deutschland spannend, ob überregionale Zeitung oder Lokalblatt. Der Grund, dafür, dass man häufig aber wirklich wortgleiche Texte in vielen verschiedenen Medien finden kann, hat aber einen anderen Grund: Nehmen wir an, in Süddeutschland passiert ein schlimmer Unfall. Deutschlandweit berichten Zeitungen darüber, doch viele Texte sind identisch. Der Ursprungstext kommt von der dpa, der Deutschen Presse-Agentur. Deshalb ja: In vielen Fällen übernehmen Medien Texte der dpa. Der Vorwurf scheint also auf den ersten Blick gerechtfertigt. Doch auf den zweiten Blick muss die Frage folgen: Wie realistisch ist es, anzunehmen, dass jede Regionalzeitung in Deutschland ihren eigenen Reporter zu dem Unfall schicken kann? Wie wirtschaftlich wäre es, wie umweltfreundlich, wenn eine Hamburger Zeitung ihre Redakteure quer durch die Republik, quer durch die Welt fliegen lassen würde, zu jedem wichtigen politischen, wirtschaftlichen, sportlichen oder kulturellen Termin oder Ereignis? Wie viele Redakteure bräuchte die Zeitung dann?

Um für all diese Fragen eine sinnvolle und wirtschaftliche Lösung zu finden, gibt es seit vielen Jahrzehnten Nachrichtenagenturen, wie AFP, Reuters, oder eben die Deutsche Presse-Agentur mit dem Kürzel dpa. „Die dpa unterhält ein Netzwerk mit rund 1000 Journalisten und ein weltweites Korrespondentennetz“, erklärt Froben Homburger, Nachrichtenchef der Deutschen Presse-Agentur. Alle größeren deutschen Medien- und Verlagshäuser, darunter auch die Rheinische Post, sind als Gesellschafter bei der dpa GmbH eingetragen. Die dpa gehört damit anteilig insgesamt 179 Medien in Deutschland. Sie alle können die Texte der dpa verwenden, wenn sie selbst nicht mit einem Reporter vor Ort sein können. Sie können sie eins zu eins, anteilig oder als Hintergrundinformation nutzen.

Kann die Rheinische Post deshalb ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigen? Nein, tut sie aber auch nicht, denn grundsätzlich gilt bei jedem Text von dpa das Agenturprivileg. Dieses besagt, dass eine Zeitung wie die Rheinische Post die Texte der dpa nicht noch einmal gegen recherchieren und überprüfen muss. „Die dpa als Quelle wird dabei als privilegiert behandelt wie etwa die Meldungen der Polizei“, sagt Homburger. Enthält ein Text doch einmal einen inhaltlichen Fehler, fällt dieser auf die dpa zurück. Die Rheinische Post müsste dafür rechtlich nicht geradestehen. Es gibt aber auch Ausnahmen vom Agenturprivileg, zum Beispiel bei Berichten, in denen Persönlichkeitsrechte betroffen sind.

Wir sind alle links/rechts

Auch der Rheinischen Post, einem Medium in der christlichen Tradition seiner Gründer, wird in Leserkommentaren regelmäßig der Vorwurf gemacht, zu weit links zu stehen. Etwa, wenn sich Hans-Georg Maaßen im Interview kritischen Fragen stellen muss. Manch einem stehen steht die RP aber auch zu weit rechts – weil Hans-Georg Maaßen überhaupt zu Wort kommen darf. Man merkt es schon, der Vorwurf ist stark von demjenigen abhängig, der ihn äußert.

Zu sagen, dass jeder Journalist automatisch nach abgeschlossener Ausbildung vollkommen neutral sei, wäre natürlich Unsinn. Natürlich sind auch Journalisten politisch denkende Menschen. Damit gehen sie aber professionell um. Das bedeutet zuallererst, dass sachliche Berichterstattung und kommentierende Meinungsstücke voneinander getrennt werden und vor allem auch kenntlich gemacht werden.

Wie Medienmacher politisch ticken, zeigt zum Beispiel eine Studie der Universität Berlin von 2010, bei der Journalisten selbst Auskunft über ihre Nähe zu Parteien gegeben haben. Demzufolge stehen mit knapp 27 Prozent sogar deutlich mehr Politikjournalisten den Grünen nahe als der CDU mit gerade einmal 9 Prozent. 36 Prozent gaben an, keiner Partei nahezustehen. Nun ist das aber auch nur eine einzelne Studie, die auch schon einige Jahre alt ist, und: Politikjournalisten machen nur einen kleinen Teil einer Redaktion aus. Auf Twitter und Facebook müssen die Ergebnisse trotzdem immer wieder herhalten und werden gerne auch mal verzerrt dargestellt.

Wir wissen nicht, was die Leser interessiert

Auch dieser Vorwurf steht in starker Abhängigkeit zu dem, der ihn äußert. Jeder wird Themen haben, die ihn mehr interessieren und solche, für die er sich gar nicht interessiert. Zugegeben, Journalisten bewegen sich oft in einer selbstgebauten Filterblase. Je mehr ein Redakteur in seinem Fachgebiet recherchiert, desto tiefer taucht er in die Materie ein. Er unterhält sich bevorzugt mit Menschen, die ebenfalls in seinem Fachgebiet tätig sind. Der Artikel, den er dann schreibt, lässt er deshalb am besten von einem fachfremden Kollegen gegenlesen. Der kann besser beurteilen, ob der Durchschnittsleser noch mitkommt.

Letztendlich können Journalisten ihre Leser inzwischen aber sehr genau beobachten, vor allem: worauf sie klicken, ob auf der eigenen Internetseite oder auch in den sozialen Netzwerken. Im digitalen Zeitalter arbeiten ganze Abteilungen daran, das Verhalten des Lesers zu analysieren. Wie lange bleibt ein Leser auf der Seite, wie weit scrollt er nach unten? Eine Internetseite wie RP ONLINE mit Inhalten zu füllen, ist daher ein ständiges Abwägen zwischen dem, was der Journalist für wichtig hält und dem, worauf die meisten Leser anspringen. Längst nicht immer ist das eine auch das andere. Was die Rheinische Post betrifft: Wir analysieren zusätzlich mit unserem Listening Center genau, worüber Menschen im Internet sprechen, was sie bewegt. Zusätzlich beobachten wir auch, wonach Menschen suchen, zum Beispiel bei Google – ein wichtiges Indiz für die Relevanz von Themen.

An den Grundpfeilern der Nachrichtenauswahl hat sich dadurch aber nichts geändert: „Was ist die Nachricht? Wie nah ist sie am Leser dran (räumlich und zeitlich)? Gibt es einen Konflikt?“, umschreibt Mündges die Regeln. Und dank der Kommentarspalten gibt es auch reichlich Nutzer-Feedback, wie ein Artikel inhaltlich ankommt. Die Distanz zum Leser sei noch in den 80er- und 90er-Jahren viel größer gewesen, sagt Mündges.

Erfahren Sie mehr zum Thema auf dem Campfire 2019: Samstag, 31.08.2019, 17 Uhr, RP-Zelt, „Wer will noch Journalist werden?“

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

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