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Wie Tanit Koch das RTL-Dschungelcamp verteidigt

1. September 2019

Wie Tanit Koch das RTL-Dschungelcamp verteidigt

Tanit Koch war bis 2018 „Bild“-Chefredakteurin. Seit Beginn des Jahres ist sie Chefredakteurin der Zentralredaktion der Mediengruppe  RTL Deutschland und Geschäftsführerin des Nachrichtensenders n-tv. Auf dem Campfire-Festival in Düsseldorf verteidigte sie das Dschungelcamp, sprach darüber, warum sie an die Zukunft des Fernsehens glaubt und verteilte Spitzen gegen die Öffentlich-Rechtlichen. Wir haben ihre interessantesten Aussagen zusammengefasst.

Tanit Koch … über die Berichterstattung zum Brand in Notre-Dame: „Wir waren als erster Sender auf Sendung, haben unsere Zuschauerquote verfünffacht. Was wir heute anders machen würden: Wir würden auch das lineare Programm von RTL unterbrechen.“

„Ich finde es erstaunlich, dass der ARD-Chefredakteur twitterte, dass sie kein Gaffer-TV machen und man sachlich bleiben müsse. Das ist eine absolute Unart und zeigt den Dünkel, der dort herrscht. Unsere Zuschauer sind keine Gaffer.“

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… über die Themenauswahl von Journalisten: „Die Menschen in Deutschland leben zu 70 Prozent in der Fläche, aber Journalisten leben zu 90 Prozent in Großstädten. Da gibt es eine ganz andere Agenda. Deswegen sind Wohnungsnot und Mietpreise größere Themen als zum Beispiel Ärztemangel auf dem Land.“

… über den Wirtschaftsfokus bei n-tv: „Wir sind sozusagen das Handelsblatt on air. Wir sind das einzige TV-Medium, das sich täglich eine Börsenschalte nach New York leistet.“

… über die Digitalisierung des Fernsehens: „Wir müssen das, was wir früher wissen und berichten, auch nachhaltiger machen, also auffindbar machen und digitalisieren. Eine 1:30 Minuten lange Schalte mit guten Einschätzungen und Analysen findet man eben nicht bei Google, die ist nicht nachhaltig.“

„Das Fernsehen wird für Millionen von Menschen das Hauptinformationsmedium bleiben.“

… über den Druck der schnellen Berichterstattung: „Wir haben ein Turbo-Team. Darin ist ein Teil für die Verifizierung zuständig. Da sitzen die, die schnelle Schreiber sind, schnelle Videos machen und vor allem gute Rechercheure.“

„Wenn die Push-Nachricht einmal nicht stimmt, ist das schlecht. Bei der zweiten wird der Dienst abbestellt und man holt sich einen neuen. Fehler kann man machen, aber nicht zwei Mal. Das hat mir Sven Gösmann (Anm. d. Red.: ehem. Chefredakteur der Rheinischen Post und heute Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur) mal gesagt, als ich volontiert habe.“

… zum Fall Relotius: „Der Rheinischen Post wäre es nicht passiert, dass man es dem Kollegen so leicht macht. Wenn bei der RP jemand einen Monat lang entsendet wird, würde man doch erwarten, dass er ein Video mitbringt. Er hat ja das Ortsschild beschrieben, neben dem ein Schild stand, auf dem ‚No Mexicans allowed‘ stand. Wo ist das Foto davon, wo ist das Video-Interview mit dem Bürgermeister und einem Mexikaner, die neben dem Schild stehen? Das zeugt von einem viktorianischen Klassensystem beim Spiegel. Das Heft steht ganz oben, ganz unten kommt Online.“

„Ich habe selber Erfahrung mit Betrügern in diesem Job gemacht. Da fehlt mir jegliches Mitleid. Er hat ein journalistisches Sakrileg begangen.“

… über soziale Medien: „Der Konsum von Medien findet mehr und mehr bei Facebook statt, wo ich aber nicht mehr sehen kann, von wem die Nachrichten eigentlich kommen. Auf Facebook, Tiktok oder Instagram ist die Möglichkeit, sich selber als Marke einzubringen, nicht mehr so groß. Die großen Player tun uns auf keinen Fall den Gefallen, als unabhängige, seriöse Medien leicht auffindbar zu sein.“

„Es gibt die alte Erwartung, dass Menschen immer von alleine zu uns kommen. Dafür müssen wir uns heute anstrengen.“

… über lange Videokommentare in der ARD: „Die 1:30 Minuten langen Tagesthemen-Kommentare aus der Studio-Frontalen haben etwas Dinosaurierhaftes. Die sind aus der Zeit gefallen. Die sind ein bisschen wie die Morgenandacht im Deutschlandfunk. Nur, dass die von den Kirchen kommt und ausgestrahlt werden muss.“

… über Kritik an Reality-TV und Formaten wie dem Dschungelcamp: „Die meisten Menschen in Deutschland gucken eben nicht Arte. Diese Überheblichkeit und Arroganz, mit der über Inhalte geurteilt wird, die Millionen von Menschen jeden Tag gucken, stört mich.“

„Es ist erstaunlich, dass oft diejenigen die größten Kritiker sind, die sich überhaupt nicht mit dem Medium auseinandersetzen und die Inhalte gar nicht kennen.“

… über Kritik an Berichterstattung und Themenauswahl: „Was mich stört: Wenn die Rheinische Post den ehemaligen Verfassungsschutzchef interviewt und Menschen allen Ernstes sagen, das Interview hätte nicht geführt werden dürfen. Das ist etwas, was die Informationsfreiheit in diesem Land so einschränkt, dass ich hoffe, dass diese Menschen nie die Oberhand bekommen werden.“

(Titelfoto: Hans-Jürgen Bauer)

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