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Serien suchten mit Martin Schulz und was Alexa mit einer Kaffeemaschine zu tun hat – 6 Erkenntnisse vom Vocer Innovation Day 2018

12. November 2018

Serien suchten mit Martin Schulz und was Alexa mit einer Kaffeemaschine zu tun hat – 6 Erkenntnisse vom Vocer Innovation Day 2018

Beim Vocer Innovation Day im SPIEGEL-Haus in Hamburg sind am 10. November 2018 zum bereits fünften Mal deutsche und internationale Medienmacher zusammengekommen, um aktuelle Herausforderungen für Gesellschaft, Journalismus und Digitalisierung zu diskutieren. Eingeladen hatte das journalistische Innovationslabor VOCER. Diese sechs Dinge bleiben besonders in Erinnerung:

1. Relevanz statt Lautstärke

Überthema des Vocer Innovation Day (VID) war „Time Well Spent“, also wie wir unsere (digitale) Zeit sinnvoll verbringen, während Apps wie Youtube, Facebook und Instagram darauf ausgelegt sind, uns so lange wie möglich in ihrem Ökosystem zu halten. Max Stossel vom Center for Humane Technology betont dabei, wie wichtig es ist, Nutzern wirklich relevante Informationen zu geben, die für sie einen echten Wert darstellen – auch abseits vom Bildschirm. Für die meisten Menschen seien ihre Smartphones sehr persönliche Geräte. App-Betreiber (und damit auch Journalisten) sollten sich dessen bewusst sein und die Nutzer nicht mit Unmengen an Benachrichtigungen bombardieren. Stattdessen müsse immer im Vordergrund stehen: Wie helfe ich meinem Nutzer in einem bestimmten Moment am besten weiter? Den radikalen Weg geht dabei die dänische Online-Publikation Zetland, die sich per Abomodell (umgerechnet 1,30 Euro pro Woche) finanziert. „Wir sind der langsamste Newsroom der Welt“, sagt Chefredakteurin Lea Korsgaard. Publiziert werden nur zwei bis vier Artikel pro Tag, nach einem transparenten Zeitplan, in einem aufgeräumten Web-Layout. Es gibt keine Werbung, keine weiterführenden Links, Smartphone-Benachrichtigungen werden auf einem minimalen Niveau gehalten. „Wenn die Nutzer einen Artikel gelesen haben, dann wollen wir, dass sie sich wieder abmelden.“ Zetland will Orientierung bieten und nur über die wirklich für die Nutzer relevanten Dinge berichten. „Den Rest lassen wir weg“, sagt Korsgaard.

Flankiert wird das Angebot durch regelmäßige Veranstaltungen, bei denen Geschichten kurz und knapp auf der Bühne präsentiert werden, um dann darüber zu diskutieren. Nach Korsgaards Aussage kommen dazu regelmäßig mehr als 1000 Menschen – „ein romantischer Ort für Journalismus“. Ihr Appell an alle anderen Medienmacher: „Tut das, was Journalisten tun, filtert nur das ganze Hintergrundrauschen heraus.“

2. Sprache ist noch mächtiger, als wir denken

Wenn ein Mensch einen anderen sprachlich herabwürdigt, löst das im Gehirn des Opfers dieselben Prozesse aus, wie beispielsweise nach einem Schlag ins Gesicht, erklärt Hirn- und Sprachforscherin Elisabeth Wehling. Das spielt insbesondere in der jetzigen Zeit eine Rolle, da politischer Diskurs immer härter wird, und persönliche Verletzungen insbesondere von Rechts zunehmen. Und es bedeutet auch, dass die Diskussion um den Begriff Framing nicht nur ein akademisches Phänomen ist, sondern jeden Tag insbesondere für Redaktionen eine Rolle spielen muss. „Ihr seid mächtig, und deshalb verantwortlich“, appelliert die Autorin Kübra Gümüşay.

Und Ex-SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sagt: „Political correctness [als Streben nach dem Nichtverletzen Anderer durch Sprache, Anmerkung der Redaktion] ist eine Notwendigkeit. Wir müssen mehr denn je Konventionen einhalten.“ Aber: „Das darf nicht dazu führen, dass wir eine Sprache wählen, die die einfachen Leute nicht verstehen.“

3. Wir müssen in der Berichterstattung nicht jede Diskussion aufgreifen

An Punkt zwei schließt nahtlos Gümüşays Aufforderung an, nicht über jedes Stöckchen zu springen, das Populisten Journalisten hinhalten. Das Ausnutzen von Empörung sei erklärte und bewiesene Strategie der Rechten. Gümüşay gibt folgendes Beispiel: „Wenn Alexander Gauland fragt, ob Schwarze gute Nachbarn sind, dann können wir sicher einen Menschen zu ihm schicken, um ihm das zu erklären – aber wir müssen nicht alle darüber diskutieren.“ Auch das Zulassen oder Unterbinden solcher Diskussionen liege in der Macht von Medien. Entscheidende Frage sei, auch in persönlichen Gesprächen: Ist diese Frage, die wir hier diskutieren, eigentlich zielführend? Dabei zeigt Gümüşay durchaus Verständnis für redaktionelle Zwänge, dass man natürlich irgendwann nicht mehr daran vorbeikommt, über eine (wenn auch noch so irrwitzige) öffentliche Debatte zu berichten. Aber: „Der journalistische Auftrag sieht nicht vor, einfach nur ein 1:1-Abbild der Wirklichkeit zu liefern, sondern zu erklären und Hintergründe zu liefern.“ Bei der Gauland-Boateng-Nachbarn-Diskussion hätte sie sich vermutlich Artikel gewünscht, die die strategischen Beweggründe hinter Gaulands Äußerung beleuchten – und nicht Meldungen darüber, was er gesagt hat und wie sich andere darüber echauffieren.

4. Alexa ist eher mit einer Kaffeemaschine verwandt, als mit einer Zeitung

Das sagt Andreas Laux, verantwortlich bei Amazon Deutschland für die Persönlichkeit und Redaktion der Sprachassistentin Alexa. Nach aktuellem Stand würden Nutzer von Alexa eher unterhaltende Inhalte als Nachrichten erwarten. Konkrete Nutzerzahlen nennt Laux nicht, die Alexa-Familie sei aber „durchaus erfolgreich“. Nach einer aktuellen Studie des Radiovermarkters RMS nutzen etwa 11 Millionen Deutsche aktiv Smartspeaker – dazu zählt Alexa, aber zum Beispiel auch der Google Home. Sprachassistenten befinden sich dabei laut Laux weiter in einem Beta-Stadium. Nur weil jetzt etwas auf eine bestimmte Art und Weise funktioniere, heiße das nicht, dass das auch in drei Monaten noch so sei. Für ihn führen die Geräte vor allem dazu, dass Nutzer noch mehr als je zuvor jederzeit bestimmen können wollen, was für Inhalte sie konsumieren. Er lädt gerade Medienunternehmen deshalb ein, auf diesem Feld Erfahrungen zu sammeln, „bevor es dann richtig losgeht“. Eine große Frage im Gespräch mit Marco Maas (Datenfreunde) und Norbert Grundei (NDR N-Joy): Wie bestimmt Alexa eigentlich, welche Inhalte ausgespielt werden, wenn kein konkreter Medienmarkenname genannt wird? Also etwa: „Alexa, spiele einen Radiosender aus der Region“, oder „Alexa, was ist heute in meiner Stadt passiert?“ Festlegen will sich Laux dabei nicht. Er glaubt aber, dass es dafür entweder eine „algorithmische Lösung“ geben wird, oder der Nutzer definiert präferierte Anbieter vor.

5. Wer über den Humor und die Moral von Alexa bestimmt

Das Team von Laux ist „so groß wie eine kleine Lokalredaktion“, sagt er. Dieses knappe Dutzend Menschen bestimmt aktuell darüber, auf welche Fragen Alexa wie antwortet – und worauf sie vielleicht auch nicht antwortet. Also beispielsweise, dass sie zwar allgemeine Witze kennt, aber keine Türkenwitze („Solche Witze kenne ich nicht.“). Amazon wolle hier sehr zurückhaltend sein, zwar gewisse Grundwerte wie Diskriminierungsfreiheit verfolgen, aber sonst weitgehend meinungsfrei bleiben. Bei Fragen wie „Wer hat die Welt erschaffen?“ oder „Gibt es den Klimawandel?“ sei es an Laux’ Team, ausgewogene Antworten zu formulieren, damit eben nicht einfach der erste Suchmaschinentreffer vorgelesen wird. Laux vertritt außerdem die Haltung, dass bei Smartspeakern jetzt nicht derselbe Filterblasen-Fehler gemacht werden dürfe wie in den sozialen Medien. „Man könnte ja auf die Idee kommen, Antworten auf Basis der eigenen Suchhistorie zu geben“, sagt er. Weil das zum Beispiel bei politischen Fragestellungen schwierig sei, dürfe das nicht passieren. Und in welche Richtung orientiert sich Amazon sonst beim Thema Alexa? Laux nennt nur ein Stichwort: „Mobilität“. Wer weiß, vielleicht gibt es ja bald auch eine Alexa zum Mitnehmen.

6. Als Martin Schulz nicht mehr aufhören konnte, „Babylon Berlin“ zu schauen

„Bingewatching“, wie das Phänomen des massenhaften Serienfolgenschauens genannt wird, trifft alle einmal, selbst den Ex-SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Neulich hat er abends nicht mehr aufhören können, „Babylon Berlin“ zu schauen, und einfach alle Folgen hintereinander in der ARD Mediathek weg gesuchtet, erzählt er. Seine Frau, die sonst immer mitschaut, war wohl not amused.

Diese wunderbar menschliche Aussage von Martin Schulz stammt vom Abschlusspanel des VID, bei dem Moderatorin Eva Schulz mit dem Politiker Schulz, der NDR-Moderatorin Anja Reschke und Sprachforscherin Elisabeth Wehling über Macht von Sprache und den Umgang mit Populismus in Medien und Politik diskutiert haben. Den gesamten Talk kann ich jedem nur ans Herz legen, hier gibt es ihn noch einmal zum Nachschauen:

Paneldiskussion mit Anja Reschke, Martin Schulz und Elisabeth Wehling

Live aus dem DER SPIEGEL Haus: Der Vocer Innovation Day mit einer Diskussionsrunde zum Thema "Was wichtig ist. Und wie wir es in Politik und Medien bekommen".Gäste: Anja Reschke (Journalistin und Moderatorin), Martin Schulz (ehem. Präsident des Europäischen Parlamentes), Elisabeth Wehling (Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin). Moderation: Eva Schulz

Gepostet von VOCER am Samstag, 10. November 2018

Henning Bulka ist Chef vom Dienst Online bei der Rheinischen Post. Hier geht es zu seinem Autorenprofil.

Titelfoto: Melina Mörsdorf / VOCER

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Alexa würde Blondinenwitze erzählen. Das ist nicht richtig. Richtig ist, dass sie humorvoll darauf hinweist, wie simpel Blondinenwitze sind („damit Männer sie verstehen“). Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und haben den Text entsprechend angepasst.