Allgemein Zeitgeist

Mehr Vielfalt wagen!

25. November 2015

Mehr Vielfalt wagen!

„The Mig Post“ ist da. Eine Plattform auf der junge Migranten über Themen bloggen, die sie bewegen. Die Huffington Post setzt mit diesem neuen Ressort ein Zeichen und bringt Vielfalt in die oftmals eintönige Medienlandschaft. Doch dieses Projekt kann nur ein Anfang sein. Vielfalt muss zur Normalität in deutschen Redaktionen werden.

Die Deutschlandstiftung Integration hatte eine tolle Idee: Gemeinsam mit den Alumni des „Geh Deinen Weg“-Stipendiums, der Huffington Post Deutschland und der Droege Group haben sie eine journalistische Plattform ins Leben gerufen: „The Mig Post“. 174 junge Menschen aus Einwandererfamilien haben einen Zugang zu dem Blog und können da schreiben, worauf sie Lust haben. Zum Beispiel können sie sich davon distanzieren, dass von Moslems immer erwartet wird sich nach islamistischen Anschlägen von den Terroristen zu distanzieren. Cihan Süğür hat das gemacht und für seinen Artikel insgesamt mehr als 1000 Likes bekommen. Der Haken: Für ihre journalistische Arbeit sehen die jungen Menschen keinen Cent.

„Unsere Gesellschaft muss Meinungen aushalten können“

Zum Kickoff des Projekts durfte ich gemeinsam mit Sebastian Matthes (Chefredakteur Huffington Post Deutschland) und Ulrich Reitz (Chefredakteur Focus) über Digitalen Journalismus diskutieren. Schnell kamen wir auf die Flüchtlingsdynamik zu sprechen. Das Thema polarisiert die Gesellschaft und spült leider auch viel Hass in die Kommentarspalten. Bei RP ONLINE haben wir deshalb beschlossen pöbelnde Rassisten vorerst nicht mehr in unser Wohnzimmer zu lassen und sperren deshalb bei Flüchtlingsthemen die Kommentarfunktion.

Auch Sebastian Matthes und Ulrich Reitz beobachten diesen Trend. „Die Menschen schrecken nicht mal mehr davor zurück diese Dinge unter ihren Klarnamen zu veröffentlichen“, sagte Matthes. Und er findet auch: „Unsere Gesellschaft muss Meinungen aushalten können, auch Meinungen, die uns vielleicht nicht passen.“

Ein völlig richtiger Punkt. Ulrich Reitz ging als überzeugter Gegner der „Political Correctness“ sogar noch einen Schritt weiter: Er kritisierte den hysterischen Umgang mit Matthias Matussek. Der umstrittene Kolumnist hatte sich wenige Stunden nach den Anschlägen in Paris mit diesem geschmacklosen Post ins Aus geschossen und seinen Job bei der Welt verloren:

Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen.. 🙁
Matthias Mattussek auf Facebook

Ulrich Reitz meinte: „Matussek als Hetzer zu bezeichnen ist falsch. Er ist als Kolumnist für seine Provokationen und überspitzten Thesen bekannt. Das muss man in einer funktionierenden Gesellschaft aushalten können.“ Muss man nicht, finde ich. Mindestens 130 Menschen kamen in Paris ums Leben, Hunderte sind verletzt, die ganze Welt ist in Terror-Angst. In so einer Situation ist eine solch undifferenzierte und noch dazu polemische Äußerung einfach fehl am Platz. Der Focus-Chefredakteur nahm meine Haltung zur Kenntnis.

Interview mit "The Mig Post"-Chefredakteur Cihan Süğür (Foto: Droege Group)
Interview mit „The Mig Post“-Chefredakteur Cihan Süğür
(Foto: Droege Group)

Was die Zukunft des Journalismus angeht, waren wir uns in drei entscheidenden Punkten einig:

  1. Gute Inhalte tragen überall – ob im Netz oder auf Papier.
  2. Wir brauchen Meinungen und müssen neue Wege finden nicht in der Flut an Kommentaren unterzugehen.
  3. Projekte wie „The Mig Post“ sind eine große Bereicherung für den Journalismus

Mir persönlich geht der dritte Punkt allerdings noch nicht weit genug. Klar ist „The Mig Post“ eine spannende und wichtige Plattform, um auch mal andere Stimmen zu hören. Aber meiner Meinung nach gehören diese Stimmen in jeden Newsroom.

„WDR Grenzenlos“ als Vorzeigeprojekt

Wir brauchen mehr Menschen mit Migrationshintergrund in den Redaktionen. Wir brauchen keine „Quotenmigranten“, sondern lediglich das Verständnis, dass diese Menschen einen anderen und spannenden Blick mitbringen. Sie sprechen verschiedene Sprachen und kommen aus verschiedenen Kulturen.  Das ist eine große Bereicherung für den redaktionellen Alltag.

Mit dem Projekt „WDR Grenzenlos“ geht der Westdeutsche Rundfunk seit zehn Jahren mit gutem Beispiel voran. Im Rahmen der Talentwerkstatt werden junge Menschen mit internationalen Wurzeln zunächst von Profis in den Bereichen Fernsehen, Radio und Online ausgebildet. Anschließend absolvieren sie Hospitanzen in verschiedenen Redaktionen.

Mit Hilfe von Grenzenlos hat sich der WDR bereits mehr Vielfalt ins eigene Haus geholt als andere. Ich selbst war 2014 Teil dieser Talentwerkstatt und hoffe, dass dieses einzigartige Projekt nicht bald den Sparmaßnahmen der Anstalt zum Opfer fällt.

Wir sollten alle mehr Vielfalt wagen und „The Mig Post“ aus einem Ressort in Normalität verwandeln.

Fragerunde zum Start der "The Mig Post" in Düsseldorf (Foto: Droege Group).
Fragerunde zum Start der „The Mig Post“ in Düsseldorf (Foto: Droege Group).