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Lokaljournalismus reloaded: „Schützenfeste werden nicht geklickt, aber wir brauchen sie“

2. September 2018

Lokaljournalismus reloaded: „Schützenfeste werden nicht geklickt, aber wir brauchen sie“

Vier Chefs stellen ihre Konzepte vor, wie der Lokaljournalismus der Zukunft aussehen soll. Was gehört abgeschafft, welche frischen Ideen braucht ein modernes Lokalmedium? Und: Was sollen wir eigentlich noch mit Schützenfesten anfangen?

Der Journalismus steckt in einer Krise, das ist kein Geheimnis. Leser wenden sich ab, jüngere Zielgruppen sowieso, besonders im Netz kämpfen Redaktionen um Abonnenten, die bereit sind, Geld für guten Journalismus zu zahlen. Auch im Lokalen gibt es Probleme, viele Stellen fehlen. Dass sich die Leute in „ihrer“ Lokalzeitung über den Neubau vom Schwimmbad informieren, die Bürgermeisterwahl verfolgen oder die Highlights vom Stadtfest nachlesen, ist längst nicht mehr selbstverständlich.

Wie es gelingen kann, Leser an einen modernen Lokalteil zu binden, darüber diskutierten Ralf Geisenhanslüke (Neue Osnabrücker Zeitung/NOZ), Benjamin Piel (Mindener Tageblatt), Yannick Dillinger (Schwäbische Zeitung) und Wolfram Kiwit (Ruhr Nachrichten). Moderiert wurde die Veranstaltung von Nicole Lange (Rheinische Post). Diese vier Ideen zur Rettung des Lokaljournalismus.

Ralf Geisenhanslüke, Neue Osnabrücker Zeitung

Orte des Zusammenkommens seien für Lokaljournalismus unverzichtbar, so Geisenhanslüke, Chefredakteur der NOZ. „Wo Leute Spaß haben, streiten sie nicht“, sagt er. Ein solcher Ort sei natürlich auch ein Schützenfest. Man dürfe nie unterschätzen, wie wichtig es im Lokalen sei, Verbindungen zwischen den Menschen zu schaffen. Die Leser auf ein Gemeinschaftsgefühl einzustimmen. „Wir sind damit auch ein Hüter von Demokratie“, sagt der NOZ-Chef. Ob das in der digitalisierten Welt noch klappt? „Wir müssen Online das Lokale nach vorne stellen“, ist Geisenhanslüke überzeugt. Für den Lokaljournalismus sei die Form des Mediums am Ende im Grunde egal. Wichtig sei, Inhalte auf allen Kanälen zu spielen und sie breit zu streuen.

Benjamin Piel, Mindener Tageblatt

In Minden soll der Journalismus mehr in die Tiefe gehen, Schützenfeste brauche es dafür nicht unbedingt. „Im Digitalen gibt es mittlerweile viele Schreibtisch-Aufgaben in den Redaktionen, dabei müssen wir wieder raus zu den Leuten“, sagt Piel, der erst seit Juni Chefredakteur des Tageblatt ist. Die Leser würden lange, gut recherchierte Geschichten honorieren. Deshalb habe man sich entschieden, wieder über das zu schreiben, was tatsächlich berichtenswert ist. Ein Beispiel hat Piel mit ins RP-Zelt gebracht. Kürzlich zog eine indische Studentin namens Shreya nach Minden. Immer wieder ging sie in der Stadt spazieren und fotografierte einige Häuser, die sie besonders hübsch fand. Einige Mindener fanden das nicht lustig. „In den sozialen Netzwerken hieß es plötzlich: Eine Balkan-Bande spioniert unsere Stadt aus“, sagt Piel. Die Community war voller Hass. Irgendwann traute sich die Studentin nicht mehr aus dem Haus. Dann griff das Tageblatt das Thema auf, berichtete ausführlich und plötzlich gab es eine Welle der Solidarität mit Shreya. Leser nahmen Videos für Shreya auf, luden die Studentin zu sich nach Hause ein und nach wenigen Tagen war der ursprüngliche Hass verschwunden. Bevor Shreya zurück nach Indien flog, organisierte das Tageblatt ein Abschiedstreffen. „Solche Geschichten braucht der Journalismus“, sagt Piel.

Yannick Dillinger, Schwäbische Zeitung

Am Bodensee heißt die Maxime: Miss es oder vergiss es. Dillinger, Digitalchef der Schwäbischen Zeitung, versucht die Leser zu binden, indem er sie besser kennenlernt. „Uns war klar: Wir müssen herausfinden, was unsere Inhalte am Ende eigentlich wert sind und welche davon loyalen Lesern ein Abo wert sind“, sagt Dillinger. Also lud die Redaktion Datenexperten und Studenten der Hochschulen ein, um das Projekt „Artikelscore“ zu starten. Damit messen Dillinger und seine Kollegen, wie wertvoll eine Geschichte für die Leser ist. „Das zeigen uns etwa die Verweildauer, die Klickrate – besonders die Klickrate der loyalen Leser und die Interaktion über soziale Medien.“ Das Ergebnis: Schützenfeste laufen schlecht, geklickt werden Artikel dazu kaum. „Aber natürlich brauchen wir diese Veranstaltungen, als Ort der Diskussion.“

Wolfram Kiwit, Ruhr Nachrichten

In Dortmund ging man radikale Wege, um die Krise zu bekämpfen – und es funktionierte. Die Ruhr Nachrichten haben die überregionale Berichterstattung zurückgefahren, beziehen Meldungen dazu wenn überhaupt nur von extern. Dafür stärkte die Redaktion das Lokale. „Wir wollen die Leute mindestens einmal pro Tag mit einem unserer Angebote erreichen“, sagt Kiwit. Lokaljournalismus müsse relevanter werden, näher an den Menschen sein, die in der Stadt leben. Dafür druckt das Blatt nun insgesamt 59 Stadtteilseiten pro Woche. „Dortmundiger“ nennt der Ruhr-Nachrichten-Chef das. „Dort wo früher drei Lokalredakteure arbeiteten, sind es nun zum Teil fünf oder sechs“, sagt Kiwit. Und was ist jetzt mit dem Schützenfest? „So ein Fest allein bringt uns nichts“, sagt er. „Aber über die Leute, die dort sind, über die müssen wir schreiben.“

Hier gibt es das Panel zum Nachschauen:

#campfire2018

Live aus dem RP-Zelt: Lokaljournalismus reloaded: Brauchen wir nochSchützenfesteSpeakers: Yannick Dillinger, Ralf Geisenhanslüke, Wolfram Kiwit, Nicole Lange, Bemjamin Piel

Posted by Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft on Saturday, September 1, 2018