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Pinkwart: Gründerstandort NRW kann gegenüber anderen Ländern punkten

2. September 2018

Pinkwart: Gründerstandort NRW kann gegenüber anderen Ländern punkten

Wie kann das Land Nordrhein-Westfalen ohne Kohle und Stahl weiter treibende Kraft in Deutschland bleiben? Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft und Digitales des Landes NRW, zeigt sich optimistisch. Im Gespräch mit Richard Gutjahr unter dem Titel „Digitalstrategie NRW“ benennt er Versäumnisse, lobt Anpassungsfähigkeiten und setzt auf die Gründerszene.

Die Gründer sind der Schlüssel zum Erfolg

„Der Staat allein kann das nicht stemmen“, sagt Pinkwart. Gemeint ist die Gründerszene. In Deutschland hätte es im vergangenen Jahr drei Milliarden Euro Venture Capital gegeben, also Geld, das von größeren Unternehmen an kleinere gehe. „Selbst in einem kleinen Land wie Israel sind es sechs Milliarden Euro“, sagt Pinkwart. Er fordert erfolgreiche Gründer dazu auf, ihren Erfolg zu teilen und ihrerseits wieder in Gründungen zu investieren. „Wir dürfen anderen den Erfolg nicht neiden“, warnt Pinkwart. Bestes Beispiel für die Skepsis, die in Deutschland herrsche, sei ein Wirtschaftsprofessor, der zusammen mit seinen Studierenden eine erfolgreiche Firma aufgemacht habe. Pinkwart: „Da heißt es in Deutschland sofort: Wie kann denn ein Forscher auch wirtschaftlich erfolgreich sein?“ Dies sei die falsche Einstellung. Die drei Milliarden seien viel zu wenig, der Staat seinerseits sei nur dafür da, die richtigen Voraussetzungen zu schaffen.

Eine dieser Voraussetzungen stellt Pinkwart auch gleich vor. Im vergangenen Jahr habe man Gründer befragt, was sie am meisten störe. „Dass ich mein Gewerbe nicht vom Sofa aus anmelden kann“, sagt Pinkwart, sei die meistgenannte Antwort gewesen. Bei den Recherchen habe sich herausgestellt, dass verschiedene Akteure bereits seit 15 Jahren versuchten, so ein Internetportal auf die Beine zu stellen. Sie alle seien aber an den unterschiedlichen Vorgaben von Behörden, Kammern und dem Land gescheitert. Seit Juli nun sei endlich ein Portal verfügbar. Gründer könnten nun in NRW online ein Gewerbe anmelden. Das Projekt habe so guten Anklang gefunden, dass es nun bundesweit als Blaupause verwendet werde. Alle Länder sollen nach und nach mit eingebunden werden.

Womit kann NRW punkten?

In Nordrhein-Westfalen gebe es 25.000 Absolventen der Informatik und Mathematik, jedes Jahr. „In den vergangenen Jahren wanderten Informatiker nach ihrem Studium nach Berlin und Süddeutschland ab“, berichtet Pinkwart. Dies würde sich nun umkehren. In Stuttgart beispielsweise gebe es keine freien Gewerbeflächen mehr und bezahlbaren Wohnraum schon gar nicht. Im Gegensatz zu anderen Ländern verfüge NRW noch über bezahlbaren Wohnraum und freie Gewerbeflächen. Beispielhaft nennt Pinkwart Bochum. Die Zahl der Absolventen in NRW sei in Zukunft ein zusätzlicher Standortfaktor für das Land.

Pinkwart will auch den Automobil-Standort NRW stärken. „NRW produziert die meisten E-Autos in Deutschland“, betont Pinkwart, hauptsächlich durch die beiden Unternehmen E.Go und Streetscooter von Deutsche Post und DHL. „Die deutsche Automobilbranche hat den Zug der Zeit völlig verkannt“, sagt Pinkwart. Er wolle die Forschung vorantreiben und die Produktion von Akkuzellen in NRW möglich machen.

Bis zur digitalen Verwaltung ist es noch weit

Bei Amtsantritt im vergangenen Jahr sei Pinkwart auf ein Ministerium getroffen, in dem erschreckend wenig digital gewesen sei. „Die Arbeit dort hatte sich in den letzten zwölf Jahren quasi nicht verändert“, resümiert er. Seine Kritik daran sei aber schneller umgesetzt worden, als er es erwartet hätte. „Inzwischen mache ich fast alles mit dem iPad“, sagt Pinkwart. Das sei sehr elegant, das meiste sei nun papierlos. Einen Seitenhieb kann sich Pinkwart nicht verkneifen. „Der Digital-Hype scheint an einigen in Berlin vorbei gegangen zu sein, so analog wie dort noch teilweise gearbeitet wird.“

Der nächste Schritt sei nun, mehr und mehr Bürgerservices zu digitalisieren, Stichwort: E-Government. Pinkwart habe sich die Arbeit des EU-Spitzenreiters Estland vor Ort angesehen. „99 Prozent der Einwohner dort haben die Möglichkeit, ihre Daten beim Staat einzusehen. Und ich muss hier bei uns immer noch jedes Mal, wenn ich was will, Name, Anschrift und so weiter ausfüllen. Das ist unvorstellbar“, klagt Pinkwart. Zusätzlich könnten die Esten bei ihren Daten auch alle Zugriffe von staatlicher Seite aus einsehen. „Das sorgt natürlich für Transparenz, was der Staat mit den Daten macht“, betont Pinkwart. In Deutschland stünde ein vermeintlicher Datenschutz einer solchen Transparenz und dem einheitlichen System dahinter zumindest in Teilen im Weg. Auf der anderen Seite sei es in Deutschland und seinen gewachsenen Strukturen aber auch generell schwieriger, die Maßstäbe für eine einheitliche Umsetzung zu finden.

Ist Rassismus wirtschaftsschädigend?

Die Schlussrunde läutete Gutjahr mit der Frage ein: „Wie schadet Chemnitz unserer Wirtschaft?“ Angesichts der Vorkommnisse in Chemnitz erinnerte Pinkwart an die Zeit von Legida in Leipzig. Pinkwart war zu der Zeit Dozent an der Leipzig Graduate School of Management und sei mit Akademikern und Geistlichen bei den montäglichen Gegendemonstrationen dabei gewesen. „Die Mitte der Gesellschaft ist mobilisierbar, aber nicht jeden Montag, solange wir bequem im Sessel sitzen“, warnt Pinkwart. Er sei froh, dass man auch nach zwei Jahren noch mehr Leute zusammen bekommen habe als Legida. „Es war an einem 20. Januar bei Minusgraden, als wir immerhin noch 1750 Leute und Legida 400 zusammen bekamen.“ Am nächsten Tag habe Legida das Ende der Montagsdemos bekanntgegeben. „Wir müssen zeigen, dass wir uns das nicht bieten lassen, was an Hass und Hetze unterwegs ist“, sagt Pinkwart. Er finde es gut und richtig, dass der Bundespräsident die Konzerte gegen Rechts auf Facebook geliked habe. Pinkwart: „Ausländische Mitbürger und Studierende müssen sehen, dass wir uns für sie einsetzen.“

Foto: Ivo Mayr/Correctiv