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Warum Clickbait-Überschriften keine schlechten Überschriften sein müssen

31. August 2019

Warum Clickbait-Überschriften keine schlechten Überschriften sein müssen

Vier Chefredakteure plaudern aus dem Nähkästchen: Was treibt den führenden Medienschaffenden des Rheinlands den Schweiß auf die Stirn?

Marie Todeskino („DerWesten“), Ellen Ehni (WDR), Carsten Fiedler („Kölner Stadt-Anzeiger“) und Michael Bröcker („Rheinische Post“) stellten sich auf dem Campfire-Festival 2019 den Fragen von Journalist Richard Gutjahr und denen des Publikums. Vier Erkenntnisse aus der Runde:

1. In wenigen Jahren könnte der Boulevard-Print tot sein

Man stelle sich vor: „Bild“, „Express“ und Co. gibt es in fünf Jahren nur noch online, nicht mehr als gedruckte Ausgabe. Unvorstellbar? Nicht, wenn es nach Carsten Fiedler geht: „Die normale Tageszeitung wird Online so schnell nicht ablösen, aber im Boulevard sind die Auflagenzahlen im Sinkflug. Das ist kein Geheimnis.“ Für ihn sei es auch angesichts der Inhalte durchaus vorstellbar, dass es den Boulevard-Journalismus in absehbarer Zeit nur noch online geben könnte. „Vielleicht nicht in fünf Jahren, aber wer weiß, was in sechs, sieben oder acht Jahren ist.“

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2. Clickbait-Überschriften sind gute Überschriften – wenn sie nicht zu viel versprechen

Jeder kennt sie: Überschriften, die um jeden Preis aufmerksam machen wollen. Zeilen wie „Sieben Gründe, warum die Welt untergeht – beim siebten musste ich weinen“, mit der Richard Gutjahr das Thema eröffnete, schrecken inzwischen aber eher ab, als dass sie noch begeistern. Seriösen Journalismus erwarten die Wenigsten dahinter. Ausnahmslos verteufeln wollten die vier Chefredakteure die aus dem Boulevard stammenden Zeilen aber auch nicht. „Eine Gute Zeile sagt, worum es geht, verrät aber nicht alles, was der Text hergibt“, sagt Marie Todeskino. Die Zeile dürfe nur nichts versprechen, was der Text dann nicht hergibt. Das Zuspitzen, das Auf-den-Punkt-Kommen der Überschriften im Boulevard, sei aber durchaus etwas, was sich auch im normalen Journalismus bewährt und dort seine Berechtigung habe, ergänzt Carsten Fiedler. Schließlich sei man darauf angewiesen, den Leser neugierig zu machen und in den Text zu ziehen.

Ein Zuschauer am Publikumsmikrofon hält dagegen, dass die Texte der anwesenden Medienvertreter nicht schnell genug zum Punkt kämen. Früher sei das Wichtigste zu Beginn eines Artikels geschrieben worden, heute lese man Zeile um Zeile und warte darauf, dass sich das Versprechen aus der Überschrift erfülle. Ganz widersprechen kann dem Michael Bröcker nicht. „Wir sind zu oft in unsere rhetorischen Girlanden verliebt, da gebe ich Ihnen recht“, gesteht er. Nicht umsonst plädiere er immer wieder für den Kontext-Abschnitt, mit dem der Leser abgeholt werden solle. Zum Schlagwort der Clickbait-Überschriften sagt Bröcker  versönlich: „Wir müssen eine gesunde Balance finden.“

3. Podcasts sind ein ideales Medium fürs Stauland NRW

Ist Podcast das neue Print? Löst die Zeitung zum Hören das gedruckte Wort ab? Oder ist der Hype in fünf Jahren wieder vorbei? „In die Glaskugel“ schauen kann auch Michael Bröcker nicht, sagt er. Aber: Aktuell seien die RP-Podcasts sehr erfolgreich und würden täglich auf Hörerzahlen im fünfstelligen Bereich kommen. Auch Werbung sei inzwischen ein wichtiger Faktor geworden. Ob das in fünf Jahren noch so sei, darauf konnte Bröcker aber auch keine Antwort geben. „Im Stauland NRW verbringt im Schnitt jeder täglich 45 Minuten mit dem Weg zur Arbeit, ob im Auto oder in der Bahn“, merkte der RP-Chefredakteur an. Das sei jedesmal eine Möglichkeit, zum Podcast hören.

Michael Bröcker und Carsten Fiedler. Foto: Hans-Jürgen Bauer

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ schaue hingegen aufmerksam hin, ein „Podcast für Minderheiten“ sei auch völlig in Ordnung, sagt Carsten Fiedler. Der Podcast für Fans des Kölner FC habe seine Fangemeinde und funktioniere für diese Zielgruppe. Ein Podcast müsse nicht die gleiche Reichweite wie eine große Tageszeitung erreichen, er sei Teil einer Diversifizierungsstrategie.

4. Journalisten müssen noch mehr um Glaubwürdigkeit kämpfen

Medien müssen ihre Glaubwürdigkeit an vielen Fronten beweisen, sei es in der Diskussion um den Klimawandel, bei der Nennung der Nationalität von Straftätern oder bei der Parteiberichterstattung im Wahlkampf. Dass es nicht einfacher geworden ist, den Leser von der Glaubwürdigkeit des Mediums zu überzeugen, darin sind sich alle vier Chefredakteure einig. Ellen Ehni stellt sich im öffentlichen Rundfunk vor allem die Frage: „Sollen wir einen Klimawandelleugner überhaupt einladen?“ Jemanden, der behauptet, die Erde sei eine Scheibe, würde man ja schließlich auch nicht einladen. Nur gebe es immer Abstufungen. Manche leugneten zwar nicht den Klimawandel, stellten aber den Anteil, den der Mensch daran hat, infrage. Wieder andere zweifelten an den Konsequenzen des Klimawandels, der nächste an den diskutierten Maßnahmen. „Wir müssen in jedem Einzelfall entscheiden, ob derjenige einen legitimen Beitrag zur Diskussion leisten kann“, fasst Ehni zusammen.

Die Diskussionsrunde im RP-Zirkuszelt. Foto: Hans-Jürgen Bauer

Unsicherheit machte sich auf der Bühne breit angesichts des Entscheids des NRW-Innenministeriums, bei Straftaten zukünftig immer die Nationalität zu nennen. „Das ist nicht das, was der Pressekodex vorsieht“, gibt Ellen Ehni zu bedenken. Von nun an sei es noch mehr die Aufgabe des Journalismus, zu entscheiden, ob die Art der Straftat die Nennung der Nationalität rechtfertige. Dies sei nämlich nicht der Fall bei Beziehungstaten oder wenn die Tat durch eine psychische Krankheit ausgelöst wurde.

Nicht zuletzt habe auch die Relotius-Affäre kräftig an der Glaubwürdigkeit des Journalismus gerüttelt. Michael Bröcker bemerkte: „Da denkt sich der Leser doch: ‚Wenn das schon einem Medium wie dem Spiegel passiert, dann der RP doch erst recht’“. Das habe es der gesamten Branche schwerer gemacht.

(Fotos: Hans-Jürgen Bauer)

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