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Diekmann & Steingart im Talk: „Ein guter Journalist muss eine Meinung haben“

31. August 2018

Diekmann & Steingart im Talk: „Ein guter Journalist muss eine Meinung haben“

Der ehemalige „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann hält Selbstdarstellung in der Medienbranche für wichtig. „Profilierung ist durchaus nützlich für Medien“, sagte er beim Talk mit Ex-„Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart und Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, zum Thema „Wie viel Selbstdarstellung und Ego verträgt der Journalismus?“. „Natürlich inszenieren sich Medienmarken, schließlich wollen sie sich für ihre Inhalte Aufmerksamkeit verschaffen“, sagte Diekmann. So sei beispielsweise Frank Schirrmacher, ehemaliger Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), eine solche Marke gewesen. „Das hat der Dachmarke FAZ nicht geschadet, sondern sehr genutzt“, sagte Diekmann. Deshalb könnten Medien stolz darauf sein, viele journalistische Marken mit besonderem Profil unter ihrem Dach zu versammeln. Die „Bild“-Zeitung sei beispielsweise stolz auf ihren Kolumnisten Franz-Josef Wagner: „Dass ihn jeder kennt und eine Meinung zu ihm hat, zeigt, dass er sehr erfolgreich ist.“

Aus Gabor Steingarts Sicht ist heute „jeder gut beraten, sich nicht hinter einer Medienmarke zu verstecken, sondern sich selbst ins Zentrum zu stellen.“ Heutzutage wollten die Leute den Menschen hinter dem Journalismus sehen. „Das sind wir den Lesern schuldig“, sagte er. Dass eine Marke dabei streitbar ist, gehöre häufig dazu. „Rauflust gehört zu meinem Leben“, sagte er. „Ein guter Journalist muss eine Meinung haben und sollte sich nicht immer absichern, wie das Politiker oft tun.“ Steingart betonte, dass ein Wandel in der Medienbranche stattgefunden habe: Früher habe etwa das Ende des Chefredakteur-Jobs bedeutet, dass man „raus sei“. „Doch der Respekt für die Person verschwindet nicht“, sagte er. So lud ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Essen ein, obwohl er damals nicht in führender Position war. „Wir sollten nicht so viel Angst haben, zu scheitern“, sagte er.

„Die Gatekeeper-Funktion übernehmen heute soziale Medien“

Vermarktung laufe heute überwiegend über das Internet, sagte Ex-„Bild“-Chef Diekmann: „Die klassischen Medien werden für die Verbreitung nicht mehr gebraucht. Die Gatekeeper-Funktion übernehmen heute soziale Medien. Dort kann jeder Publisher sein.“ Soziale Netzwerke wie der Kurznachrichtendienst Twitter seien heutzutage „hervorragend“ dazu geeignet, Entscheider in Politik oder Wirtschaft zu erreichen. „Damit sitzt du an Tischen, an die du sonst nicht eingeladen wirst“, sagte er. Der rasante mediale Wandel führe dazu, dass heute „nahezu zwei Generationen fast nur noch über soziale Medien erreicht werden. Millennials haben kein Verständnis mehr für lineare Mediennutzung.“ Deshalb ist es laut Kai Diekmann „notwendig zu begreifen, dass beim Medienrezeptionsverhalten ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat.“

Bei dem Talk blickte Diekmann auch auf seine Zeit als Journalist zurück. „Ich bin leidenschaftlich gerne Chefredakteur der Bild gewesen“, sagte er. „Ich bin schon früher keiner Prügelei aus dem Weg gegangen auf dem Schulhof. Wenn ich der beliebteste Journalist Deutschlands hätte werden wollen, wäre ich nicht zu Bild gegangen.“ Auf die Frage, ob er bei der „Bild“-Zeitung hätte bleiben können, sagte Diekmann: „Ja, natürlich. Ich hatte aber das Bedürfnis etwas anderes zu machen – auch auf eigenes Risiko.“ Doch auch in seinem aktuellen Job bei Storymachine verbreite er Geschichten über Personen und Unternehmen „durchaus journalistisch“.

„Gefeuert, aber nicht entlassen“

Auch Gabor Steingart hat eine Spitzenposition verlassen: Er war Herausgeber des „Handelsblatts“: „Ich bin gefeuert, aber nicht entlassen“, sagte er mit einem Augenzwinkern. Er sei bis heute Anteilseigner der Wirtschaftszeitung und pflege ein gutes Verhältnis zu Holtzbrinck. Obwohl er derzeit nicht aktiv journalistisch aktiv sei, „bleibe ich leidenschaftlicher Journalist bis zum letzten Atemzug“, sagte er. Er plane bereits ein neues Projekt, Details nannte er nicht.

Auf die Frage nach seiner Entlassung, sagte Steingart, jede Seite habe „ihre Wahrheit“. „Wahrscheinlich habe ich meinen Freund und Partner überfordert: Ich wollte Digitalisierung, er wollte Zeitung machen. Doch ich glaube, dass uns das Papierzeitalter verlässt. Wir müssen schneller sein als das Silicon Valley.“ Aus Steingarts Sicht müsse in den Wirtschaftsmedien verstärkt auf Englisch publiziert werden. „An dem Tag, an dem wir einen Text auf Englisch eingeben und der Computer ihn direkt auf Deutsch übersetzt, haben wir unseren Wettbewerbsvorteil in Deutschland verloren“, sagte er. Dann messe man sich mit internationalen Medien wie „The Economist“ oder dem „Wall Street Journal“.

„Ich hätte auch Adolf Hitler getroffen“

Beide Medienmacher ziehen jedoch eine Grenze bei ihrem öffentlichen Auftritt als Marke: „Wer sein Privatleben in die Öffentlichkeit trägt, muss ertragen, dass darüber berichtet wird – auch wenn es ihm nicht gefällt. Wer das nicht will, sollte besser zurückhaltend sein.“ Er selbst erzähle in den sozialen Medien viel von sich, ziehe die Grenze aber bei seiner Familie. Weil viele Medien davon gelebt hätten, über ihn als Person zu berichten, habe er ein „ironisches“ Bild im Netz gezeichnet, bei dem er etwa mit Ziegen spazieren gehe. „So entstand ein Spagat zwischen dem schlimmen, mächtigen Journalisten und einem Mann, der Hühner und Ziegen pflegt“, sagte er.

Gabor Steingart versucht nach eigener Aussage nur das preiszugeben, „was ich für relevant halte und was im Kontext meines beruflichen Wirkens relevant ist“. Beruflich würde er jedoch alle Menschen treffen: „Ich hätte auch Adolf Hitler getroffen, wenn er noch gelebt hätte –als Journalist, nicht privat.“

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Posted by Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft on Friday, August 31, 2018

Titelfoto (oben): Jana Bauch/RP