Campfire Campfire 2018 (Samstag)

Can Dündar & ein Aufruf für die Demokratie

2. September 2018

Can Dündar & ein Aufruf für die Demokratie

In Deutschland steht gerade viel auf dem Spiel. Der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Rechtsstaatlichkeit, letzten Endes auch die Demokratie. Sagt der ehemalige Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“, Can Dündar, und er muss es wissen. In seiner Heimat, der Türkei, sind diese Grundwerte nicht mehr gesichert. Heute arbeitet Dündar für das Recherchebüro Correctiv – und sprach auch auf dem Campfire in Düsseldorf.

„Wie wertvoll eine Rechtsordnung ist, können Sie erst verstehen, wenn Sie aus einem Land kommen, in dem sie zerstört wurde“, sagt Dündar auf der Correctiv-Hauptbühne des Campfire-Festivals. Richard Gutjahr stellt die Fragen, ein Übersetzer sorgt für Verständigung. Zahlreiche Besucher sind gekommen, um einer One-Man-Show zu lauschen. Der Journalist ist auch in Deutschland populär. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sechs Sicherheitsleute die Veranstaltung bewachen. Dündar ist unter Deutschtürken eine höchst umstrittene Person.

Zum Verhängnis wurde dem Journalisten eine einzige Nachrichtenmeldung. „Es ging um den Artikel, dass Erdogan mit Hilfe seines Geheimdienstes Waffen nach Syrien geliefert hat. Er hat das auch nie dementiert, aber als Staatsgeheimnis bezeichnet“, sagt Dündar über den türkischen Präsidenten. Wer ein solches Geheimnis verrät, gelte automatisch als Terrorist. „Ich müsste in der Türkei an meine letzte Wohnadresse zurückkehren – ins Gefängnis.“ Drei Monate saß Dündar in Untersuchungshaft, bei einer Rückkehr droht ihm eine langjährige Freiheitsstrafe. Auf Anraten seiner Anwälte kehrte er vor zwei Jahren nach einem Sommerurlaub in Spanien nicht zurück.

Gegen Großbritannien sprach der Brexit, gegen die USA Trump, gegen Frankreich die neue, „apolitische Führung“ – also entschied sich Dündar für ein Leben in Deutschland. „Deutschland repräsentiert Europa. Die Mentalität und den Realbestand“, sagt er. „Außerdem habe ich mich gleich wie zu Hause gefühlt. Überall auf den Straßen begegnet man dem Konterfei von Erdogan.“

Can Dündar am Rande des Talks.

Seinem alten Weggefährten würde Dündar Ende des Monats gerne persönlich gegenübertreten. Der türkische Präsident hat sich zum Staatsbesuch in Deutschland angekündigt. „Ich habe ihn ja auch lange nicht zu Gesicht bekommen“, sagt er. Gerne würde er an der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel teilnehmen. „Erdogan wird behaupten, dass in der Türkei keine Journalisten wegen ihrer Arbeit in Haft sind. Das würde ich durch meine Anwesenheit gerne als Lüge entlarven.“ Er plädiert dafür, nicht einfach wirtschaftliche Deals mit der kriselnden Türkei auszuhandeln, sondern die Unabhängigkeit der Justiz anzumahnen.

Für Dündar ist die Demokratie in einer weltweiten Krise. Nicht nur in der Türkei, auch in den USA, in Russland oder in Polen. „Es gibt globale Probleme, die vor keiner Landesgrenze haltmachen. Umweltverschmutzung, die Schmelzung der Polkappen, aber auch mit politischer Verschmutzung ist das ähnlich. Die Gefahr ist überall gegeben“, sagt er. Die Lösung sei eine neue Form der Zusammenarbeit. „Wir können so viel tun um uns zu unterstützen“, sagt er auch im Hinblick auf die Querverbindungen zwischen Türken und Deutschen. Und so endet die Veranstaltung mit einem kämpferischen Appell: „Wir sollten uns nicht aufteilen nach unserer Nationalität oder in politischen Grenzen. Es sollte nur um die Frage gehen: Wollen wir die Demokratie verteidigen oder gegen die Demokratie kämpfen? Sind wir gegen Erdogan und die AfD oder sind wir es nicht?“

(Fotos: Ivo Mayr/Correctiv)

Hier gibt es den gesamten Talk zum Nachschauen:

Tut was: Ein Aufruf an Europa

Can Dündar auf der CORRECTIV-BühneTut was: Ein Aufruf an EuropaLive aus Düsseldorf vom #Campfire2018

Posted by Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft on Saturday, September 1, 2018