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Wie Borussia Mönchengladbach den Spagat zwischen Tradition und Digitalisierung schaffen will

2. September 2018

Wie Borussia Mönchengladbach den Spagat zwischen Tradition und Digitalisierung schaffen will

Der Fußball ist schon längst ein Milliardengeschäft. Um noch mehr Geld zu generieren und neue Märkte zu erschließen, werden die Vereine nicht müde, neue Wege zu gehen. Wie digital ist ein Bundesligaklub wie Borussia Mönchengladbach schon jetzt? RP-Sportchef Gianni Costa sprach mit Andreas Cüppers, dem Head of Digital des Vereins, über die Entwicklung digitaler Fanangebote, Berichterstattung in sozialen Medien und die Schwierigkeit eines Klubs, die traditionellen Fans mit digitalen Angeboten nicht gegen sich aufzubringen.

Cüppers über die unterschiedlichen Fangruppen, die sein Verein erreichen möchte

„Es gibt bekanntlich unterschiedliche Fangruppen, die alle unterschiedliche Angebote wahrnehmen wollen. Die traditionellen Fans, wie die Ultras und die Kuttenträger, haben andere Interessen als manch andere, die in unser Stadion kommen. Ich bin mir jedenfalls bewusst, dass kein junger Fan in ein paar Jahren mehr zu uns kommt, der damit aufgewachsen ist, dass er im öffentlichen Raum bestes Internet hat, wenn wir in ein paar Jahren kein gut funktionierendes Wlan im Stadion haben. Wir versuchen zu selektieren, welche Informationen wir an wen ausspielen. In Zukunft wollen wir dahin kommen, dass wir wissen, wer sich wo im Stadion aufhält, um ihm zielgerichtet Informationen zuzuspielen – zum Beispiel, wie viel gerade vor den Bierständen oder auf den Toiletten vor dem Block eines Zuschauers los ist, um dessen Wartezeit zu verkürzen. Unsere Aufgabe ist es, sich zu überlegen, wie wir den Nutzwert für den Zuschauer durch neue Angebote erhöhen können. Wir sollten jedenfalls nicht einfach alles blind aus den USA kopieren, denn dort herrscht eine ganz andere Entertainment-Kultur.“

Cüppers über die Möglichkeit einer digitalen Bier-/Essensbestellung im Stadion

„Ich war vor kurzem in den USA bei einem Verein, der ein solches Projekt ausgetestet hat. Dort hat der Verein mit 10.000 Plätzen angefangen, es aber mittlerweile schon reduziert, weil es sich nicht gerechnet hat. Klar ist, dass eine Essensbestellung zum Sitzplatz im Stadion – wenn überhaupt – sowieso nur im Sitzplatzbereich umsetzbar wäre. Aber wenn ich mir die praktische Umsetzbarkeit vorstelle, habe ich Zweifel, dass so etwas reibungslos funktionieren würde. Denn ich möchte nicht derjenige sein, der am Anfang einer Sitzplatzreihe steht und sagt: ,Könnten Sie bitte mal die Bratwurst und das Bier ans Ende der Reihe durchreichen‘. Genauso wenig würde ich als Kunde wollen, dass mein Bier und meine Bratwurst durch 20 Hände gingen. Realistischer ist eher, dass der Zuschauer in der Zukunft sein Bier und sein Essen über eine App vom Platz aus bestellen und bezahlen kann, damit er es nur noch abzuholen braucht, sodass beispielsweise die Wartezeit in der Halbzeitpause geringer wird.“

Cüppers über die Notwendigkeit der Medien bei der Vereinsberichterstattung

„Wenn es um die kritische Auseinandersetzung mit dem Sport geht, ist eine objektive Berichterstattung unabdingbar. Aber es gibt in der Tat Vereine, die sich immer mehr abkapseln und nur wenige Medientermine vergeben. Wir wollen als Verein jedenfalls dahingehend die Waage halten. Wir profitieren als Verein ja auch davon. Und Fans werden ja auch unzufrieden, wenn sie die Vereinsberichterstattung nur noch aus der Vereinsbrille präsentiert bekommen.

Sicherlich verändert hat sich die Art und Weise der Berichterstattung. Als Journalist muss ich dank Facebook oder Twitter nicht mehr jeden Tag am Trainingsplatz stehen, um an Informationen zu kommen.  In dieser Beziehung versuchen wir auch unsere Spieler zu sensibilisieren und ihnen klarzumachen, dass Social Media heutzutage auch Recherchekanäle sind.“

Cüppers über den Dialog mit den Ultras

„Wir stehen mit unseren Ultras im ständigen Austausch. Wenn wir neue Angebote etablieren wollen, informieren wir sie in der Regel und tauschen uns mit ihnen aus. Es ist aber nicht so, dass wir sie um Erlaubnis fragen, ob wir etwas machen dürfen oder nicht. Wir schauen schon, dass wir unsere Standpunkte vertreten und durchsetzen. Ultras sind dennoch wichtig für die Stimmung, und für ihre Kritik haben wir auch Verständnis. Aber sie sind im Stadion auch nur ein paar hundert von 50.000 Zuschauern. Wir wissen, dass sie nicht die Fans sind, die wir mit den kommerziellen Angeboten erreichen können. Das wollen wir aber auch gar nicht.“

Cüppers über die Unterschiede bei digitalen Angeboten in Deutschland und dem Ausland

„Unsere Inhalte werden im Ausland teilweise ganz anders aufgenommen als in Deutschland, das stellen wir zum Beispiel an unserem englischen Kanal fest. Als wir etwa 2017 in der Europa League gegen Florenz mit 4:2 gewonnen haben und Lars Stindl drei Tore geschossen hat, wurde Stindl von der Uefa in die Elf der Woche gewählt. Wir haben uns dann einen Scherz erlaubt und eine Grafik zu dieser Elf der Woche erstellt, in der Lars Stindl dann alle elf Positionen bekleidete. Über unseren englischen Kanal kam die Grafik anschließend super bei den Fans im Ausland an, auf dem deutschen Kanal wurden wir dafür stattdessen von vielen kritisiert, es kamen Kommentare wie ,Fußball ist doch ein Teamsport‘.“