Campfire Campfire 2018 (Samstag)

Das Ende der Smartphone-Ära hat schon begonnen

2. September 2018

Das Ende der Smartphone-Ära hat schon begonnen

Was kommt nach dem Smartphone? Sprachassistenten wie Alexa und andere intelligente Haushaltstools machen den Geräten ordentlich Konkurrenz. Doch gerade die Welt von smarten Lautsprechern birgt auch Gefahren.

Auf dem Campfire diskutierten miteinander Marco Maas (Datenfreunde), Sebastian Matthes (Handelsblatt) und Richard Gutjahr (freier Journalist). Moderiert wurde die Veranstaltung von Daniel Fiene (Reinische Post).

Mit Worten zum Ziel

Die Zukunft beginnt bei Marco Maas schon morgens im Bett. Seine Matratze prüft, wann der optimale Zeitpunkt zum Aufwachen ist und brummt dann sanft. Der Spiegel im Bad gibt ihm die richtige Dosis Nachrichten, die er während des Zähneputzens verdauen kann. Das Radio in der Dusche streamt Musik, die zur seiner Stimmung passt. „Den ersten Kontakt zum Smartphone habe ich erst auf dem Weg zur Arbeit“, sagt Maas. Dank multimedialer Alltagsgeräte. Das Handy wurde bei ihm ersetzt, vom Kühlschrank, von der Kaffeemaschine und von Alexa, Amazons Sprachassistent. Schon jetzt hat Maas 180 smarte Geräte in seinem Haushalt vereint. Maas: „Das ist Teil des journalistischen Experiments, das ich damit verbinde“. Als nächstes will er eine Gestensteuerung, genannt „Welle“, perfektionieren, damit er nur mit einer Handbewegung, „wie durch Zauberei“, den Fernseher einschalten kann.

Richard Gutjahr lässt Alexa, Siri und Googles Sprachassistenten gegeneinander antreten. „Ich stelle allen dreien gleichzeitig dieselbe Frage und schaue wer sagt: ,Ich kann diese Frage leider nicht beantworten‘. Meistens Siri“, sagt Gutjahr. Man gewöhne sich unheimlich schnell an die sprachliche Steuerung von Licht und Fernsehen. Auch Sebastian Matthes ist sicher, dass Smartphones in Zukunft an Bedeutung verlieren werden. „Samsung hat bekannt gegeben, ab 2020 in jedem Gerät ein Mikrofon zu verbauen“, sagt Matthes. „Voice First“, also Stimme zuerst, nennt er die Strategie dahinter.

Alexa entscheidet, was ich bestelle

Die größte Gefahr sieht Matthes in der Konzentration aller Handlungen auf den Sprachassistenten. „Wenn ich Alexa sage: ,Kauf Klopapier‘, dann tut sie das, aber kauft nicht zwangsläufig das günstigste oder beste“, erklärt Matthes. Viele Leute würden die Entscheidung von Alexa aber hinnehmen und nicht weiter nachforschen. Früher habe man bei Google eine Liste mit Produkten bekommen, zwischen denen man sich entscheiden konnte. In Zukunft bekomme man das, was Alexa, also Amazon, für das richtige hält. Kleinere und weniger starke Anbieter von Produkten könnten daran zugrunde gehen, nur die Stärksten überlebten.

Die gleiche Entwicklung könnte laut Gutjahr auch den Journalismus ereilen. „Ich konfiguriere Alexa einmal am Anfang, welche Medienkanäle ich hören will. Von welchen Medienhäusern ich Nachrichten bekommen will. Danach zählt nur noch die Funktion, nicht die Marke“, ist Gutjahr überzeugt. Das könnte Marken in Zukunft weiter in den Hintergrund rücken lassen. Matthes sieht hier aber gerade für Medienhäuser eine Chance, sich durch eine starke Marke behaupten zu können.

Filterblasen erzeugen Zufriedenheit

„Wir machen den Fehler, zu glauben, früher habe es keine Filterblase gegeben“, stellt Gutjahr fest. Dabei sei gerade die minimalistische Versorgung mit einem Radiosender und einer Nachrichtensendung am Abend die größte aller Filterblasen gewesen. „Das Wichtigste, dass ich heute über Deutschland lerne, lerne ich aus ausländischen Medien. Ich möchte das Rad nicht zurückdrehen“, sagt Gutjahr. Die Filterblasen, über die wir aktuell diskutierten, würden verschwinden, sobald die dummen Algorithmen, die sie erzeugen, überholt seien.

Völlig konträr steht Sebastian Matthes dazu: „Filterblasen werden dramatischer“, sagt er. Denn Facebook und Co. hätten gar kein Interesse daran, diese auszuhebeln. „Filterblasen erzeugen Zufriedenheit“, glaubt Matthes. Je mehr er in seinem Weltbild bestätigt würde, umso zufriedener sei der Nutzer.

China nicht unterschätzen

Auch wenn die bekannten Produkte alle aus den USA kommen, von Apple, Google und Amazon – es sei fatal, den chinesischen Markt zu unterschätzen, warnt Matthes. „Die chinesischen Unternehmen können auf eine viel größere Datenmenge zugreifen. Und jeder Algorithmus verbessert sich mit der Menge an Daten, auf die er zugreifen kann.“ Dem stimmt auch Maas zu. Generell seien die Schwellenländer im Vorteil. „Die überspringen in der Entwicklung einfach den Schritt des ,Kabel in der Erde verbuddeln‘“, sagt Maas. In Indonesien beispielsweise entwickele sich innerhalb eine App eine ganze Volkswirtschaft mitsamt eigener Währung, eigener Dienstleistungen und bald wohl auch eigener Nachrichten.

Foto: Hans-Jürgen Bauer/RP

Hier gibt es den Talk zum Nachschauen:

#Campfirefestival2018!

Live aus dem RP-Zelt: Das Ende der Smartphone-Äramit Daniel Fiene, Richard Gutjahr, Marco Maas und Sebastian Matthes

Posted by Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft on Saturday, September 1, 2018