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Warum den „geilsten Job der Welt“ keiner mehr machen will

1. September 2019

Warum den „geilsten Job der Welt“ keiner mehr machen will

Die Bezahlung schlecht, die Schichten lang, das Image mies, die Einstiegshürde hoch: Wer will da noch Journalist werden? Journalistenschulen und Verlage berichten von sinkenden Bewerberzahlen. Wie ernst die Lage tatsächlich ist, war Thema im RP-Zirkuszelt beim Campfire 2019. Darüber diskutiert haben Anke Vehmeier, Leiterin des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung, Leonhard Ottinger, Geschäftsführer der RTL Journalistenschule, Yannick Dillinger, stellvertretender Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“, und Andreas Wolfers, Leiter der Henri-Nannen-Schule, mit RP-Redakteurin Helene Pawlitzki.

„Angst und Bange, was den Lokaljournalismus angeht“

Elf neue Stellen vor ein paar Jahren geschaffen, sieben davon bekamen Volontäre der „Schwäbischen Zeitung“, zwei Positionen sind noch immer unbesetzt. Das ist die Bilanz von Yannick Dillinger. „Es ist nicht so, dass wir nicht die richtigen Bewerber hätten. Auf die zwei Stellen in Tuttlingen bekamen wir noch nicht mal eine einzige Bewerbung.“ Von teilweise „null Resonanz“ spricht auch Anke Vehmeier, wenn sie an die Gespräche mit Chefredakteuren zurückdenkt.

RP-Zelt: Wer will noch Journalist werden
v.l.n.r. Yannik Dillinger, Andreas Wolfers und Leonhard Ottinger, Foto: Christian Albustin

Ein junger Mann aus dem Publikum, der einen Weg in den Beruf finden will, stellt die Anforderungen der Journalistenschulen infrage: „Ich habe schon zig Praktika hinter mir, studiere Journalismus. Auf Bewerbungen kriege ich trotzdem Absagen mit dem Hinweis, noch mehr zu tun und es im nächsten Jahr wieder zu versuchen. Wie viel muss ich noch mitbringen?“, fragt er. Damit konfrontiert geraten die Diskussionsteilnehmer ins Straucheln. Wolfers von der Nannen-Schule verteidigt das Auswahlverfahren: „Wir kriegen immer noch 400 Bewerbungen pro Jahr. Auch wenn das vor elf Jahren noch 800 waren. Aber letztlich sieben wir die 20 Besten der Besten heraus.“ Praktika seien nicht alles, aber sie würden es den Bewerbern im Auswahlverfahren einfacher machen. Die zusätzliche Erfahrung aus dem Redaktionsalltag ließe die Bewerber routinierter an die gestellten Aufgaben herangehen.

Die RTL-Journalistenschule etwa nimmt nur 24 Bewerber an und das auch nur alle zwei Jahre. Dort bewerben sich Ottinger zufolge noch rund 300 Leute, von denen 75 zum Auswahlverfahren eingeladen würden. „Die Qualität der Bewerber ist noch gut genug“, sagt Ottinger. Auch hier hält sich die Krise in Grenzen. Die großen Journalistenschulen spüren den Bewerberrückgang also noch am wenigsten, richtig eng wird es bei den kleinen und regionalen Medien. „Da kann uns Angst und Bange werden, was den Lokaljournalismus angeht“, bestätigt Vehmeier.

„Auf Twitter sind nur Journalisten, Präsidenten und andere, die sich für wichtig halten“

Den jungen Leuten eine Perspektive bieten: Das ist es, was die Verlage nicht machen, sagt Vehmeier. In den Ausschreibungen stünden Dinge wie „Bringen Sie Kenntnisse in den sozialen Medien mit“, nur um etwas moderner zu klingen. „Die Ausschreibungen sind scheiße“, wirft Dillinger in die Runde und kritisiert damit auch die Ausschreibungen seiner eigenen Zeitung. „In unseren Auswahltagungen fragen wir die Bewerber, ob sie einen Twitter-Account haben. Wer hat denn heutzutage schon einen Twitter-Account?“, ergänzt er und Vehmeier platzt heraus: „Auf Twitter sind nur Journalisten, Präsidenten und andere, die sich für wichtig halten.“ Wenn man dann noch aus Volontären wieder Schüler mache und Redakteure als kaufmännische Angestellte führe, dann fehle da die Wertschätzung, beklagt Vehmeier – auch die finanzielle.

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Dass beim Gehalt noch Luft nach oben sei, das muss auch Dillinger zugeben. Andreas Wolfers will die Ursache für den Bewerberrückgang aber nicht nur beim Gehalt suchen. „Die heutigen jungen Leute legen mehr Wert auf die Work-Life-Balance. Sie sind nicht mehr bereit, sich für den Job krumm zu legen.“ Der Journalismus sei aber nun mal ein Job, der nicht den normalen Arbeitszeiten entspreche.

RP-Zelt: Wer will noch Journalist werden
Anke Vehmeier und Yannik Dillinger, Foto: Christian Albustin

„Das ist der – verdammt nochmal – geilste Job der Welt“

Zum Ende hin sind sich die vier aber einig: Der Journalismus mache sich selbst schlechter, als er eigentlich sei. „Wir reden hier von Kommunikationsunternehmen, die ein Kommunikationsproblem haben. Dabei ist das doch der – verdammt nochmal – geilste Job der Welt!“, konstatiert Vehmeier. Die Bewerbungen entsprächen nicht den Tatsachen und verrieten zu wenig über das, was den Volontär tatsächlich erwarte und Dillinger ergänzt: „Wir müssen den jungen Leuten zeigen, dass wir auch ‚cool‘ können, auch im Lokalen.“ Denn schließlich sei rausgehen, mit Menschen reden und darüber schreiben genau das, was den Job so einzigartig mache.

(Titelfoto: Tobias Block)

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