Republica Vor Ort Zeitgeist

Was wir auf der Republica 2019 gelernt haben

7. Mai 2019

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Was wir auf der Republica 2019 gelernt haben

Populismus im Netz, Wahlbeeinflussung, Jugendwahlrecht und Podcasts – diese und viele andere Themen waren vom 6. bis zum 8. Mai 2019 Thema auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin. Wir waren vor Ort und tragen hier unsere Erkenntnisse und Eindrücke zusammen.

Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

„Stop making stupid people famous“

Thema mehrerer Vorträge und Panels war der Umgang mit Populisten – besonders in den sozialen Netzwerken. Was kann man dagegen tun, dass Populisten und rechte Akteure dort häufig so erfolgreich sind? Eva Horn, Social-Media-Redakteurin bei „Spiegel Online“, analysierte in ihrem Vortrag, warum Populisten so viel Aufmerksamkeit generieren können. Ihr ernüchterndes Fazit: Weil wir sie lassen. Den Impuls, Posts und Zitate aus Empörung sofort zu kommentieren und damit weiterzuverbreiten, könne sie gut verstehen, sagte Horn. Sie rät aber dazu, sich mehr Zeit zum Nachdenken zu nehmen: Muss ich diesen Inhalt wirklich teilen – und wenn ja, auf welche Weise sollte ich das tun, um am Ende durch die erhöhte Aufmerksamkeit nicht der Sache zu helfen, gegen die ich mich eigentlich stellen möchte? „Es kommt nicht darauf an, dass eine Geschichte erzählt wird, sondern wie“, sagt Horn, und fordert: „Stop making stupid people famous.“

Praktisch könnte das zum Beispiel so aussehen, dass man beim Teilen (am besten per Screenshot, um die Reichweite des Originalposts nicht zu erhöhen) gleich genug Kontext mitliefert, damit alle Leserinnen und Leser ihn richtig einordnen können. Journalisten rät Horn zudem, auch andere Geschichten zu erzählen, statt sich allzu sehr mit provokanten Posts von Populisten zu beschäftigen. „Schafft mehr Sichtbarkeit für anderes“, sagt sie, und meint damit zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund, mit Behinderung, mit einer Kindheit in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen – alles Gruppen, die in den meisten Redaktionen unterproportional vertreten sind. (Judith Conrady)

Auch Sascha Lobo befasste sich in diesem Jahr im Rahmen seiner jährlichen Republica-Rede mit dem Umgang mit Populisten und sprach von einem „Realitätsschock“. Der Internet-Erklärer stellte fest: Viele verweigern die Komplexität der Welt. „Meine These ist, dass unsere Welt eine kollektive Illusion war. Wir hören so oft Filterblase und benutzen den Begriff medial. Ich glaube dass die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine riesige Filterblase war — zumindest in den westlichen Industrienationen. Und diese Blase zerplatzt jetzt.“ Lobo kritisierte Experten, die zu selten ihre Annahmen hinterfragen und führte als Beispiel den Klimawandel an: Das Wissen über den Klimawandel ist schon lange vorhanden. Aber erst jetzt erreicht das Wissen eine gewisse Mehrheit und damit wächst auch ein Bewusstsein, es könne so nicht weitergehen. (Daniel Fiene)

Über die Debattenkultur im Netz sprach am Montag zur Eröffnung der Republica auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Hier gibt es unseren ausführlichen Bericht darüber.

Wann ist ein Podcast erfolgreich?

Völlig überlaufen war das Podcast-Panel „Warum wir Audio machen, obwohl wir kein Radio sind“ in einem eher kleinen Raum im B-Part am Gleisdreieck. Podcasts waren eindeutig eins der ganz großen Themen auf der Republica 2019, und im B-Part erzählten vor allem Vertreter klassischer Medienunternehmen, wie sie sich dem für die breite Masse eher neuen Medium angenähert haben. Mit dabei: Yasemin Yüksel, die für „Spiegel Online“ den Politik-Podcast „Stimmenfang“ moderiert, Laura Terberl (Leiterin des Audio-Teams der „Süddeutschen Zeitung“) und Marcus Engert, der für „Buzzfeed News“ im Podcast „Unterm Radar“ mit seinen Kolleginnen und Kollegen über ihre Recherchen spricht. Eine zentrale – weil immer noch schwer zu beantwortende – Frage im Panel: Wie definiert man eigentlich den Erfolg eines Podcasts? Eine allgemein akzeptierte Metrik, mit der sich die Reichweite aller Podcast-Formate einfach vergleichen lässt, fehlt bisher. Auch wenn Zahlen innerhalb der Redaktionen sicherlich eine Rolle spielen, sprachen die Podcast-Macher im Panel über andere Erfolgsfaktoren – beispielsweise die Art des Feedbacks, die sie von Hörern erhalten. Das, so berichten die Podcaster übereinstimmend, ist wesentlich freundlicher und konstruktiver als etwa in Kommentaren unter Online-Artikeln. Diese Erfahrung machen auch wir mit unseren Podcasts bei RP ONLINE  – unter anderem berichten wir wochentags jeden Morgen in unserem „Aufwacher“-Podcast über die aktuelle Nachrichtenlage und darüber, was am Tag wichtig wird, mit besonderem Blick auf NRW. Eine Erklärung für die positiveren Reaktionen sieht Yasemin Yüksel in der großen Nähe zwischen HörerIn und JournalistIn – und der Möglichkeit, zu erklären, warum Journalisten so arbeiten, wie sie arbeiten: „Wir zeigen den Lesern, wie wir eigentlich zu unseren Geschichten kommen.“ Marcus Engert von „Buzzfeed News“ ergänzt: Wenn ein Reporter darüber rede, wie es ihm bei seiner Recherche gehe, was geklappt habe, was aber auch nicht – dann falle es Hörern deutlich schwerer, einen Journalisten pauschal zu diskreditieren. (Judith Conrady)

Politische Manipulationskampagnen nicht überbetonen

Die Angst vor Wahlbeeinflussung durch politische Werbung und Kampagnen in sozialen Netzwerken ist groß, gerade vor der anstehenden Europawahl Ende Mai. Das Ausmaß solcher Werbung in Deutschland ist laut dem Werbearchiv von Facebook aber noch relativ gering, gerade im Vergleich zu den USA. Das berichtete Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der TU München. Auf dem Political Dashboard lassen sich die Kampagnen nachvollziehen – derzeit nur für Twitter, bald auch auf Facebook. Politische Werbung sei aber nicht immer leicht als solche zu identifizieren, weil nicht nur bekannte Akteure wie Parteien, NGOs und Regierungen Kampagnen fahren würden. Er warnt trotzdem davor, das Problem möglicher Beeinflussung der Wahlen durch Kampagnen im Netz größer zu machen, als es eigentlich ist: „Wir laufen Gefahr, mit dem Überbetonen vom politischen Manipulationskampagnen diese erst erfolgreich zu machen!“ Hegelich stellte seine Erkenntnisse in einem Impulsvortrag am Montag vor, anschließend gab es eine Panel-Diskussion, moderiert von RP-Redakteur Daniel Fiene. Auf der Bühne saß auch Semjon Rens, Public Policy Manager bei Facebook Deutschland. Er verwies vor allem darauf, dass Facebook mittels seines Werbearchivs für politische Anzeigen und der Pflicht zur Identifikation politisch Werbetreibender viel Transparenz schaffe.

Spannend hierbei ist diese Matrix, die eine Unterscheidung von Falschmeldungen und Fehlern in der Berichterstattung erlaubt, denn auch diese können einen Anteil an Wahlbeeinflussung haben:

(Henning Bulka)

Familienministerin stärkt „Fridays for Future“

Parallel zur Republica fand die Tincon statt, eine Konferenz für Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren. Auch Erwachsene waren in einigen Bereichen zugelassen. Am Dienstag stellte sich Familien- und Jugendministerin Franziska Giffey den Fragen der Schüler und Studenten. Dabei warb sie für politisches Engagement von jungen Menschen und stellte sich hinter die Bewegung „Fridays for Future“. „Ihr opfert nicht eure Bildung, sondern ihr nutzt eure Bildung, um euch zu engagieren“, sagte Giffey. Sie verstehe die Demos auch „als einen Auftrag an die Bundesregierung“, mehr für das Klima zu tun. Außerdem sprach sie sich für ein Wahlrecht ab 16 auch bei Bundestagswahlen aus. Sie sei überzeugt, dass „Menschen auch mit 16 Jahren in der Lage sind, eine politische Position zu vertreten.“ Ein Jugendwahlrecht sei zudem ein guter Weg, einer immer weiter fortschreitenden Alterung der Wähler entgegenzuwirken. (Henning Bulka)

Giffey äußerte sich außerdem zu den Plagiatsvorwürfen gegen ihre Doktorarbeit, hier gibt es den ausführlichen Bericht dazu.

Wenn Tech-Giganten zu Städteveränderern werden

Eine neue gesellschaftliche Herausforderung ist der Einfluss von Tech-Giganten auf die Stadtentwicklung. Egal ob Amazon auf Seattle, das Silicon Valley auf San Francisco oder Google auf Berlin-Kreuzberg — Stadtökonom Felix Hartenstein beschrieb was passiert, wenn Tech-Giganten ihre erfolgreichen Digitalstrategien auf der Straße anwenden. Amazon besitzt mittlerweile 20% der Bürofläche von Seattles Innenstadt. Die Entwicklung strahlt auch auf den Wohnungsmarkt: 2012 lagen die Wohnkosten 13% über den Landesdurchschnitt. Heute liegen sie laut Hartenstein bei 113%. Zwar präsentiert sich Amazon als guter Nachbar, der täglich unzählige Bananen verschenkt (und somit den Bananenhandel zum Zusammenbruch führte) – auf der anderen Seite hat Amazon die Obdachlosen-Steuer boykottiert. „Amazon weigert sich die Verantwortung für die negativen Folgen des eigenen Handels zu übernehmen“, stellte Hartenstein fest. Der Sozialtheoretiker David Harvey sieht die Entwicklungen mit Sorge: „Wir bauen Städte, um in sie zu investieren. Nicht um ihnen zu leben.“ Der US-Ökonom Richard Florida beschreibt dies als „Der Gewinner bekommt alles“-Urbanimus. Sind Tech-Konzerne gute Nachbarn? „Es sieht so aus, als ob nicht“, stellte Felix Hartenstein fest. Konzerne hätten auch in der Industrialisierung zu einer Überformung der Städte geführt, aber dies sei ein Lernprozess gewesen. Dieser wiederholt sich mit den Tech-Konzernen und auf der Republica wurde deutlich: Wir stehen noch am Anfang. (Daniel Fiene)

Veränderung wird zum Dauerzustand

Häufig sehr konkret wurde es in der re:cruiting-Area. Hier ging es in verschiedenen Vorträgen um die Zukunft der Arbeit – und darum, wie man die vielen Zukunftsideen, die auf der Republica diskutiert werden, eigentlich im Alltag umsetzen kann. Die Kommunikationswissenschaftlerin Leila Steinhilper beschäftige sich am Mittwochnachmittag mit der „schattigen Seite der Transformation“. Was sie damit meint: Veränderung ist inzwischen Dauerzustand, die Phase des Umbruchs ist nie abgeschlossen. Mitarbeiter bekommen dadurch mehr Verantwortung – aber nicht alle freut das, und manchen macht es sogar Angst. Leila Steinhilper plädiert vor allem für Offenheit: Ziele und den Weg dahin erklären, negative Gefühle ansprechen und nicht tabuisieren, Erfolge feiern, aber auch über das Scheitern sprechen. Ihr Tipp für Führungskräfte: Um Sinn und Notwendigkeit von Veränderungen selbst wirklich zu verstehen, sollte man so oft wie möglich darüber reden. (Judith Conrady)

Algorithmen besser kontrollieren

Die Journalistin Barbara Wimmer berichtete in ihrem Talk über Auswirkungen, die staatliche Algorithmen auf das reale Leben von Bürgern haben können. Ihr Beispiel: der Algorithmus, der der österreichische Arbeitsmarktservice AMS einsetzt. Dieser klassifiziert Arbeitssuchende nach ihren Chancen am Arbeitsmarkt. Das System diskriminiere jedoch offen arbeitssuchende Frauen, berichtete Wimmer. Zudem sei es abhängig von der Regierung, welche Schlüsse aus den Bewertungen gezogen würden – ein Einfallstor für Missbrauch.

Ein ähnliches System in Polen zeige: Die Entscheidungen des Systems werden nicht wirklich von den Mitarbeitern hinterfragt. Wimmers Appell: Wir müssen mir derartigen Scoring-Systemen vermutlich leben, sollten deshalb aber Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen zur Transparenz klären. Außerdem sollten Algorithmen klar gekennzeichnet und in einfacher Sprache erklärt werden. (Henning Bulka)

Diversität ist Voraussetzung für Erfolg

Letzte Session auf Stage 1 der diesjährigen Republica war ein Talk von ESA-Astronaut Alexander Gerst. Er berichtete von seinen zwei Missionen auf der Internationalen Raumstation (ISS) – und machte deutlich, wie verletzlich unsere Erde im Vergleich zum riesigen Universum ist. Unsere Atmosphäre sei nur ein sehr dünner Schutz, deshalb müssten wir sie besser schützen. Außerdem sprach er sich für Vielfalt aus:

Nur weil auf der ISS so viele Nationen und Kulturen gemeinsam arbeiten, sei sie so erfolgreich. Im Publikum saßen auch viele Kinder. Ihnen machte er Mut: Jeder habe die Pflicht, zu versuchen, seinen eigenen Traum zu verwirklichen. (Henning Bulka)

Wer schon immer mal mit dem Mond reden wollte, konnte diesen Traum auch in der Tat auf der Republica verwirklichen. Dafür war allerdings nicht die Nasa, sondern Martine-Nicole Rojina von Mpathy Studio verantwortlich. Sie lud die Teilnehmer der Republica ein, ihre Stimmen 720.000 KM zum Mond und wieder zurück zu schicken. Von einem Mikro in Berin aufgenommen, wurden sie über Radiowellen via des Dwingeloo Radio Telescope in den Niederlanden zum Mond geschickt. Das Echo gab es dann auf die Kopfhörer. Ein Selbstexperiment zeigte: Der Mond ist deutlich ungeduldiger als Instagram – während bei der Facebook-Töchter 15 Sekunden pro Szene möglich sind, können maximal nur 2,5 Sekunden zum Mond geschickt werden (Daniel Fiene).