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Die Schönheit des Scheiterns: „Habe gemerkt, was ich alles nicht kann“

2. September 2018

Die Schönheit des Scheiterns: „Habe gemerkt, was ich alles nicht kann“

Auch erfolgreiche Chefs machen Fehler, selbst wenn keiner gerne damit hausieren geht. Dabei sind Fehler doch etwas tolles – sofern man denn etwas daraus lernt. Darin waren sich alle drei Journalisten der „Fuck-Up-Session“ einig. Hajo Schumacher, freier Redakteur und Buchautor, Hansi Voigt, Gründer des Schweizer Nachrichtenportals watson.ch und Udo Röbel, ehemaliger Chef-Redakteur der Bild, berichteten der Reihe nach von ihren größten Fehlern, und davon, was jeder – auch angehende Journalisten – daraus lernen kann.

Ein guter Schreiber macht noch keinen guten Chefredakteur

Diese Lektion musste Hajo Schumacher in jungen Jahren lernen. Mit etwa 27 Jahren sei er in die Position des Chefredakteurs gestolpert. Das Lifestyle-Magazin „Max“ sollte mit ihm zum hellsten Stern werden. „Nach zwei Wochen habe ich gemerkt, was ich alles nicht kann“, sagt Schumacher. Personalführung und ökonomisches Denken, davon habe er keine Ahnung gehabt. Der „Anzeigenlurch“ habe ihn nach kurzer Zeit angerufen und legte ihm nahe, doch mal eine Doppelseite über den neuen Mini zu machen (wobei Mini für jedes x-beliebige Auto stehen könne). Im Gegenzug stelle der Autoverkäufer eine doppelseitige Anzeige in Aussicht. Schumacher habe nicht lange gefackelt und dem Mitarbeiter der Anzeigenabteilung eine Abfuhr erteilt. „Nach ein paar Mal sagte man mir, dass ich bei der Strategie nach weiteren acht Monaten ein Drittel meiner Redakteure entlassen könne“, erzählt Schumacher.

So diskutabel diese Situation auch sei, ein Chefredakteur müsse sich täglich damit auseinandersetzen. Schumacher: „In den Redaktionen, in denen ich war, galt automatisch: Wer gut schreiben kann, ist auch ein guter Chefredakteur. Das stimmt nicht!“ Auch Preise würden regelmäßig für besonders gute Texte vergeben, aber nicht für die Leute im Maschinenraum, die dafür sorgten, dass der Text überhaupt erscheine. Generell kritisiere Schumacher die Belohnungsstrategien, denen er im Journalismus begegnete. So schrieb er etwa einen diskreditierenden Artikel über Rudolph Scharping, nur um damit Punkte bei seinen Vorgesetzten zu sammeln. Diese Scham darüber, sämtliche Grundsätze guten Journalismus‘ vernachlässigt zu haben, sitze auch heute noch tief und solle jedem angehenden Redakteur eine Lehre sein, sagte Schumacher.

Als das Internet noch Neuland war

Hansi Voigt war seiner Zeit voraus, als er mit den Freitag-Brüdern Kleidung herausbringen wollte, die mit einem Internet-Account verknüpft war. „Am Ende haben wir den Leuten nur eine Nummer auf den Arsch gedruckt“, gesteht Voigt. Das Internet sei 1998 einfach noch nicht so weit gewesen. Die Leute interessierten sich nicht für die Verknüpfung der Klamotten mit dem Internetangebot. Bis zu dieser Erkenntnis hatten Voigt und die Freitag-Brüder bereits 4,5 Millionen Franken von wohlhabenden Investoren gesammelt, die auf den Internetzug aufspringen wollten. Voigts Fazit: „Kein Geld von armen Leuten nehmen.“

Auch zehn Jahre später glaubte Voigt fest an die Möglichkeiten des Netzes: Mit sechs zusammengelöteten Sim-Karten wollte er die Fußball-EM in der Schweiz und in Österreich live übertragen. Eine Lücke in der Schweizer Gesetzgebung erlaubt das Senden eines vorhandenen Signals, insofern keine Änderung vorgenommen wird. Also plante Voigt, die SRF Übertragung der Spiele live weiterzusenden, mit Heineken als finanzkräftigem Werbepartner. Leider musste er sich auch diesmal geschlagen geben, der Stream brach ab 800 Nutzern ab. Die Infrastruktur des Internets war einfach noch nicht so weit.

Hansi Voigt und Udo Röbel hören bei der Fuck-up-Session aufmerksam zu.

Der Mann, der Gladbeck ist

Udo Röbel war der Journalist, der 1988 zu den Gladbecker Geiselnehmern ins Auto stieg. Dass ihn dieser Fehler sein Leben lang begleite und natürlich auch nerve, machte Röbel direkt zu Beginn klar. Bevor er die Geschichte allerdings erneut für alle Besucher des RP-Zelts erfahrbar machte, war es ihm wichtig, auf einen anderen Fehler vier Jahre zuvor hinzuweisen. Die Geschichte eines obersten Generals der Bundeswehr, der wegen seiner Homosexualität entlassen wurde. „Wenn wir nicht fehlerhaft in diesem Schmutz gewühlt hätten, wäre er nie rehabilitiert worden“, resümiert Röbel. Denn auf der Suche nach Schlagzeilen, mit denen man dem General noch weiter hätte schaden können, fand Voigt heraus, dass es gar nicht General Günter Kießling war, der schwul war. Dass es gar nicht Kießling war, der in einer einschlägigen Bar ein- und ausging. Dass die gesamte Entlassung desselben Generals nur auf falschen Zuweisungen und Missverständnissen beruhte. Und dass die offizielle Aussage der Bundeswehr am Ende falsch war. „Glaube nie auch dem noch so seriösesten Medium“, warnt Röbel.

„Im Nachgang solcher Ereignisse sucht die Gesellschaft in der Regel nach Sündenböcken. Im Fall Gladbeck waren es die Polizei, die Stadt und die Medien“, betont Röbel. Der Reporter des Satans zu sein, der zu den Gangstern in den Wagen stieg – diesen Stempel aufgedrückt zu bekommen, müsse man dann aushalten. Auch wenn es ihn nerve, dass jedes Jahr drei Tage bevor sich die Ereignisse jähren, Radiosender und Zeitungen anrufen. „Alle wollen nochmal Gladbeck erzählt bekommen“, gesteht Röbel. Es brauche seine Zeit, bestimmte Aspekte richtig reflektieren zu können. Heute kann er sagen: „Es war ein furchtbarer Fehler und ein totales Medienversagen.“ Dennoch warnt Röbel eindringlich: Gladbeck kann sich jederzeit wiederholen, heute einfacher denn je. „All die Rösners und Degowskis dieser Welt können heute in eine Bank spazieren und alles mit ihren Handys live ins Internet stellen, während die Tagesschau noch diskutiert, ob sie Opfer und Namen zeigen soll“, stellt Röbel klar.

Fotos: Hans-Jürgen Bauer/RP

Hier gibt es das Panel zum Nachschauen:

#campfire2018

Live aus dem RP-Zelt: Fuckup-Session: Medienchefs berichtenModerator: Rainer LeursSpeakers: Udo Röbel, Schiwa Schlei, Hajo Schumacher und Hansi Voigt

Posted by Campfire – Festival für Journalismus und digitale Zukunft on Saturday, September 1, 2018