Campfire Campfire 2018 (Samstag)

Julia Bönisch: Es gibt einen Unterschied zwischen Fehlern und Fake News

2. September 2018

Julia Bönisch: Es gibt einen Unterschied zwischen Fehlern und Fake News

Die Vertrauenskrise der Medien, Fake-News-Vorwürfe – und die Unterschiede zwischen Frauen und Männern im Journalismus: um diese Themen ging es am Samstag beim Campfire-Festival. Dort saßen vier der bekanntesten Journalistinnen Deutschlands auf einer Bühne.

Das Thema „Es muss stimmen, es steht im Internet – Wie Medien das Vertrauen ihrer Leser verspielen“ diskutierten Julia Bönisch, Chefredakteurin von „Süddeutsche.de“, Marion Horn, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“, und „Tagesschau“-Redakteurin Gudrun Engel. Moderiert wurde die Veranstaltung von Kristina Dunz, stellvertretende Leiterin der Berliner Parlamentsredaktion der Rheinischen Post.

Verbreiten klassische Medien Fake News?

Nein, sagte Julia Bönisch. „Wer Fake News verbreitet, verfolgt damit politische oder wirtschaftliche Interessen. Natürlich werden auch bei uns Fehler gemacht, das kommt in jeder Redaktion vor. Das sind dann aber keine Fake News.“

„Fake News ist ein Synonym geworden für Meinungen, die einem nicht passen“, fand Marion Horn. Dass Menschen Dinge behaupten, um anderen zu schaden, habe es schon immer gegeben. In der redaktionellen Arbeit bei der „Bild am Sonntag“ sei aber die Sorge vor Falschmeldungen gestiegen. Deshalb sei in einem Fall eine Geschichte zurückgehalten worden, berichtete Horn. „Der Reporter hatte ein ungutes Gefühl. Ich vertraue den Kollegen und drucke es dann nicht.“

Wie sollten Journalisten mit Fehlern umgehen?

In der Tagesschau wurden einmal Fotos eines vermeintlichen Hubschrauberabsturzes in der Ukraine aus dem Jahr 2014 gezeigt. Es stellte sich aber heraus, dass die Bilder aus Syrien aus dem Jahr 2013 stammten. „Für unsere Ukraine-Berichterstattung haben wir uns entschuldigt, das war ein Fehler“, sagte Gudrun Engel. „Wir versuchen mit unserer Faktenfinder-Abteilung gegen Falschmeldungen vorzugehen. Wir werden niemanden bekehren, der im Internet Shitstorms und Hass anfacht, deshalb wollen wir einfach Fakten liefern.“

Journalisten stünden heutzutage stärker unter Zeitdruck; jedes Medium versuche, als erstes eine Eilmeldung herauszugeben. „Wegen des Zeitdrucks steigt die Gefahr, dass Fehler passieren“, sagte Julia Bönisch. Neben dem Zwei-Quellen-Prinzip gelte daher bei „Süddeutsche.de“ das Motto: „Be first, but be right“ (deutsch: Sei der Erste, aber sei richtig).

Das Absichern bei neuen Nachrichtenlagen führe teilweise aber auch dazu, dass Medien verspätet Eilmeldungen senden. „Es ist schon frustrierend, dass wir häufig die letzten sind“, sagte Gudrun Engel. Julia Bönisch beschwichtigte: „Ich glaube, das nehmen wir nur in der Medien-Filterblase so wahr. Wer erhält schon von fünf Medien Eilmeldungen? Die meisten haben nur ein oder zwei abonniert – da spielt es dann keine Rolle.“ Deshalb sei der wichtigste Anspruch, richtig zu liegen.

Inwiefern trägt eine Fokussierung auf bestimmte Themen zur Vertrauenskrise bei?

„Wir Journalisten haben einen gravierenden Fehler gemacht, mit dem wir Hardlinern geholfen haben“, sagte Marion Horn. „Wir könnten jeden Tag eine Reportage über das Versagen des deutschen Bildungssystem oder innere Sicherheit machen – stattdessen berichten wir immer wieder über Flüchtlinge.“ Damit würde eine breite Bevölkerungsschicht mit ihren Problemen alleine gelassen.

Auch die jüngsten Vorfälle in Chemnitz waren Thema bei dem Panel. „Ich schaue dahin und bin entsetzt, es schockiert mich“, sagte Gudrun Engel. „Ich finde, wir müssen immer dahin, um zu beobachten, was passiert und um mit den Menschen vor Ort im Gespräch zu bleiben. Ich finde allerdings, dass wir dann nicht auch über jede kleine Drehung wirklich berichten müssen. Wir sollten nicht jeden Abend eine breite Bühne bieten, so wie es etwa bei Pegida jeden Montag der Fall war.“ Außerdem könne aus zeitlichen Gründen nicht jedes Kriminalthema in der Sendung gezeigt werden: Bei einem Mord in Offenburg sei der öffentliche Druck jedoch so groß gewesen, dass am dritten Tag doch darüber berichtet wurde.

Julia Bönisch findet eine kontinuierliche Berichterstattung zu Schwerpunktthemen wichtig: „Wir machen auch viele unpopuläre Themen, um aktuelle Entwicklungen zu dokumentieren. Ginge es nur um Reichweite, müssten wir morgen aufhören über Syrien zu berichten.“

Die vier Journalistinnen stimmten darin überein, dass man sich nicht „politischer Kampfbegriffe“ wie etwa „Asyltourismus“ oder „Staatsversagen“ bedienen dürfe.

Wie kann das Vertrauen in die Medien gestärkt werden?

Vor allem durch Transparenz, fand Julia Bönisch. „Wir machen jede Änderung und Fehlerkorrektur unter unseren Artikeln deutlich.“ Zudem werde unter Artikeln erklärt, wann und warum Nationalitäten erwähnt werden. Sie sehe kritische Anmerkungen in sozialen Medien zur Berichterstattung „als Chance, um den Antrieb der Menschen besser zu verstehen.“

Wenn man Studien vertraue, steige das Vertrauen in große Medien eher mehr, sagte Gudrun Engel. „Jeder ist heutzutage mehr oder weniger Journalist und publiziert Texte im Netz.“ Aus diesem Grund sei es wichtig, zuordnen zu können, wer sendet. „Nur so kann der Leser einordnen, wie glaubwürdig das ist, was er liest“, erklärte sie. „Für Glaubwürdigkeit müssen wir einen Blick hinter die Kulissen gewähren.“ Soziale Medien sieht sie dabei „nicht so sehr“ als Konkurrenz. „Im Zweifelsfall landet man immer wieder bei etablierten Medien – das Wissen setzt sich durch“, sagte Engel.

Das Panel auf der Correctiv-Bühne.

Die „Bild am Sonntag“ hat laut einer Studie „kein Glaubwürdigkeitsproblem“, berichtete Marion Horn. Trotzdem: „Wir Journalisten werden in Frage gestellt und das ist gut so“, sagte sie. „Die Vertrauenskrise ist nicht so groß, wie Journalisten sie sehen. Sie ist eine Chance.“ Horn betonte, dass alle Medien im Laufe der Zeit besser geworden seien. Damit das so weitergehen könne, sei jedoch eine wirtschaftlich gute Situation notwendig. „Wir konnten noch nie eine Geschichte nicht machen, weil kein Geld da war. Wir können also nur an uns selber scheitern. Wer finanziell gut aufgestellt ist, kann guten Journalismus machen. Deshalb ist wirtschaftlicher Erfolg so wichtig.“

Machen Frauen anderen Journalismus als Männer?

„Die richtige Mischung ist wichtig. Auch Führungspositionen müssen mit Frauen besetzt werden“, sagte Julia Bönisch. „Männer neigen mehr zu Selbstdarstellung und hinterfragen ihre Arbeit nicht so sehr wie Frauen. Außerdem habe ich keine Lust, mich immer nur an Spielregeln zu halten, die von Männern gemacht sind. Wir können unsere eigenen Regeln machen.“

Gudrun Engel nahm die Chefredakteurin des Westdeutschen Rundfunks, Sonia Mikich, als Beispiel: „Sie war als Frau in der Führungsetage allein. Deshalb hat sie sich den Männern angepasst, trug ebenfalls einen Anzug und stellte sich in Konferenzen breitbeinig hin. Ich möchte mich aber nicht im Anzug breitbeinig hinstellen, um ernstgenommen zu werden.“

Laut Marion Horn hat sich „ganz viel zum Positiven geändert in Branche“. „Früher habe ich mir viele schlimme Wörter angehört, die man zu Frauen sagt“, erzählte sie. „Sprüche, die vor ein paar Jahren noch in Ordnung waren, sind es heute nicht mehr.“

Fotos: Hans-Jürgen Bauer