Warum Chat-Roboter bald Journalisten herausfordern werden

In meiner Heimat Münster gibt es den Kiepenkerl-Platz. Auf dem steht die Statue eines Mannes, mit Holzschuhen, traditioneller Kleidung, einer Schirmmütze, einem Gehstock und einem Holzkorb auf dem Rücken. Der Kiepenkerl (siehe Wikipedia). Er war so eine Art Amazon des Mittelalters. In seiner typischen blau-weißen Kleidung und einem Holzkorb auf dem Rücken, ging er im Münsterland von Bauernhof zu Bauernhof und versorgte die Bewohner mit Waren. Er brachte aber nicht nur die neusten Produkte mit, sondern sorgte auch für die Verbreitung von Nachrichten. Er berichtete von dem, was es so an Neuigkeiten in der Gegend gab. Wollte der Bauer mehr hören, erzählte der Kiepenkerl mehr oder wechselte das Thema, wenn sich der Bauer langweilte.

Genauso funktioniert die neue News-App von Quartz. Sie funktioniert im Messenger-Style. Öffnet der Nutzer die App, schickt die App eine Nachricht mit einem aktuellen Thema. Möchte der Nutzer mehr über das Thema erfahren, werden noch weitere kurze Texte, Fotos oder Links ausgespielt. Die Oberfläche erinnert an einen SMS-Dialog zwischen zwei Nutzern auf dem Smartphone. Interessiert sich der Nutzer nicht für das Thema, zieht Quartz das nächste Thema aus dem digitalen Ärmel. Es gab viel Beifall für diese „innovative“ App.

Ich bin aber skeptisch: Der Kiepenkerl ist ausgestorben – hat nur noch seinen Auftritt im traditionellen Mühlenhof vor Schulklassen und Besuchergruppen. Die Art, wie er Nachrichten verbreitete, war zwar sehr personalisiert, aber höchst ineffizient. Auch bei Quartz zieht sich der Nachrichtenkonsum. Ich kann nur „weiter“, „weiter“, „weiter“ sagen – statt über eine Homepage zu scrollen, bis ich auf ein Thema stoße, das mich interessiert. Auf der anderen Seite funktioniert der Konsum von Inhalten für viele Nutzer immer weniger auf einer gezielt geöffneten Anlaufstelle (Bookmarkliste, Homepage, oder App), sondern einzelne Geschichten werden über soziale Netzwerke an die Nutzer herangetragen.

Das könnte sich aber ändern, wenn diese Chat-Apps besser werden. Quartz ist nur der Anfang. Davon bin ich überzeugt. Das Thema Chat-Roboter ist mir in den letzten Tagen im Silicon Valley sehr häufig begegnet. Das passt auch sehr gut zum Jahr des Instant-Messengers, über das ich hier bereits ein paar Zeilen schrieb. Spätestens Mitte April, wenn Facebook seine Entwickler-Konferenz F8 abhält, kann es so richtig losgehen. Es wird erwartet, dass Facebook seine Schnittstelle für den Messenger auch für Drittanbieter wie Dienstleister oder auch Publisher freigibt.

Die guten Erfahrungen, die Publisher mit WhatsApp im letzten Jahr in Deutschland gemacht haben, sollten uns dazu zwingen, einen ganz genauen Blick auf diese Entwicklung zu werfen. Ich denke allerdings, dass das Pushen von Links an die Leser nur eine Übergangsdarstellungsform sein wird. Lassen wir einmal die Gedanken kreisen:

Aus dem Valley habe ich eine andere Vision mitgenommen, die ich mir aus verschiedenen Gesprächen zusammengesetzt habe: In dieser Vision schreiben Nutzer über den Messenger mit Medienmarken oder Journalisten – dahinter sitzt aber ein intelligenter Chat-Roboter, der aktuelle Nachrichten anbietet, dazulernt, oder aber auch auf Eingaben reagiert. Wer mich bzw. meinen Chat-Roboter-Alterego fragt, was meine App-Empfehlungen für Video-Journalisten sind, bekommt automatisch eine Liste mit Links zu Artikeln oder Blogbeiträgen, die ich zu dem Thema veröffentlicht habe. Oder noch besser: Die Inhalte werden gleich direkt im Chat ausgespielt.

Ein weiteres Beispiel: Wer wissen will, wie es um die Schuldenfreiheit der Stadt Düsseldorf steht, könnte den „RP ONLINE“-Chatbot fragen und einen Sammlung von Textabsätzen, Fotos und Graphiken zusammengestellt bekommen – basierend auf den gerade verfügbaren Informationen und dem bisherigen Konsumverhaltens des Nutzers. Steht er mehr auf Fotos oder lange Texte? Natürlich sollte der Chat-Bot auch nachfragen, ob er auf dem Laufenden gehalten werden möchte. Beantragt die Stadt Düsseldorf in Zukunft einen neuen Kredit, bekommt der Nutzer die Meldung ausgespielt.

Für mich als Nutzer ist das ein Traumszenario. Ein interaktiver und individueller Umgang wird so mit News möglich. News werden stärker als Service wahrgenommen. Für Publisher ist aber nicht nur die Entwicklung der Chatbot-Technologie eine Herausforderung, auch der Umgang mit Inhalten muss neu gelernt werden. Im Grunde müssen wir uns im Online-Journalismus von der Artikel-Form verabschieden. Natürlich wird es weiter geschlossene Texte geben – aber das wird eine Form von vielen sein. Viel wichtiger sind einzelne Segmente die aus Texten, Fotos, Videos oder Infographiken bestehen und jeweils eine Sinneinheit bilden. Schon heute müssen Artikel für den Einsatz von Instant Articles und AMP-Artikeln technisch zerlegt werden – aber wird auch dieser letzte Schritt gegangen? Bieten die Redaktionssysteme der Zukunft diese Möglichkeit? Wie müssten dann redaktionelle Prozesse im Newsroom aussehen? Wie müssen Journalisten ihre Texte in Zukunft formulieren? Hier müssen noch viele Hausaufgaben gemacht werden, aber die Möglichkeiten faszinieren mich.

Am Freitag beginnt in Austin (Texas) die 27. Ausgabe der South-by-Southwest Interactive. Bestimmt wird es rund um dieses spannende Themenfeld auch Impulse bei diesem Netzkultur-Festival geben. Eindrücke und Trends finden Sie in den kommenden Tagen hier im Blog. In der Seitenleiste des Blogs finden Sie auch eine Sammlung von Tweets von unseren Kollegen vor Ort, damit Sie hautnah dabei sein können. In guter Kiepenkerl-Manier, werden wir Sie auf dem Laufenden halten.

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