#VID15 in Hamburg: Seid mutig!

Foto: Pia Kleine Wieskamp

Der VOCER Innovation Day 2015 im SPIEGEL-Haus in Hamburg hat Mut gemacht. Mut, dass wir das mit diesem ominösen Medienwandel wirklich schaffen können. Denn es wurde deutlich: Die Werkzeuge für guten Journalismus der Gegenwart liegen direkt vor uns. Wir müssen sie nur richtig verwenden.

Knapp 200 Teilnehmer sind am Samstag (20.06.2015) nach Hamburg gekommen, um gemeinsam Innovation im Journalismus zu entdecken und zu diskutieren. Mit dabei viele Nasen, die man sonst nur aus dem Internet kennt und eben bei solchen Veranstaltungen trifft. Den Einstieg brachten gleich sechs (!) Talks: von einem abstrakten aber unterhaltsamen Vortrag darüber, was Innovation eigentlich ist, über ein Startup, das freien Korrespondenten eine Plattform bietet und sie Redaktionen zugänglich macht, bis hin zu neuen ganz konkreten Zahlen zur Nutzung von Online-Medien:

Die Geschichte steht im Mittelpunkt

Melissa Bell von Vox.com machte in ihrer Keynote vor allem deutlich, dass für digitalen Journalismus auch neue Darstellungsformen gefunden werden müssen.

Was nach einer Plattitüde klingt, machte Bell an einem Beispiel deutlich: am WTF-Button, ausgeschrieben also „What The Fuck“-Button, den sie sich wünscht. Bell sagt, insbesondere Nachrichten seien häufig nicht wirklich für den Leser geschrieben, und vor allem nicht einfach verständlich. Häufig fehle Kontext oder Vorwissen. Sie wünscht sich deshalb an jeder Stelle einer Website oder App einen Knopf, auf den Leser klicken bzw. drücken können, um einen Kurzabriss à la „was bisher geschah“ zu erhalten – das kann ein Video sein, aber auch einfach nur eine Textbox, ganz abhängig vom Thema.

Ohnehin müssten Journalisten mehr darüber nachdenken, welcher der jeweils beste Zugang zu einer Geschichte ist, sagt Bell. In einem konkreten Beispiel habe ein Autor dasselbe Thema einmal in 12.000 Wörtern, und einmal in drei Sätzen zusammengefasst. Beide Varianten hätten gleich viele Klicks bekommen, so Bell. Die Lektion: Es gibt für beide Formate Leser! Immer weniger stehe dabei die Website oder die hauseigene App im Vordergrund, sondern immer mehr die Präsenz der Marke auf verschiedenen Kanälen. „Erstellt eine Marke statt einer Website!“, so die Botschaft.

Das alles so umzusetzen, erfordert aber auch, Abläufe in den Redaktionen anzupassen, sagt Bell. Bei Vox.com arbeite man häufig in kleinen Teams von drei bis vier Personen, um eine Geschichte auf verschiedene Weisen umzusetzen. Die Kommunikation laufe für alle über ein und dasselbe Chat-System. Dabei sei das oberste Ziel immer, diese Umsetzung auch auf andere Projekte übertragen zu können. Heißt: Sind Arbeitsabläufe einmal überprüft und gelernt, sollten sie so schnell wie möglich zu einem vollwertigen Konzept für zukünftige Geschichten werden, damit auch andere Kollegen davon profitieren können.

Im Zentrum stehe dabei, immer daran zu denken, was der Leser braucht, was er nicht verstehen könnte. Nutzer- statt Macher-Orientierung also. Das alles ist nicht brandneu, war aber in der kondensierten Form von Bells Vortrag ein echter Weckruf.

Roboterjournalismus? Selber denken!

Zweiter Teil des VOCER Innovation Day waren nach dem Mittagessen die Workshops, unter anderem zum Roboterjournalismus mit Marco Maas und Frederik Fischer. Die Frage: Wie lassen sich Redaktionsabläufe automatisieren und so verbessern, um Zeit für anderes zu schaffen? Wichtig dabei: Kreativität wird von maschinellen Abläufe auf mittelfristige Sicht nicht abgelöst. „Jeder, der Kommentare und Analysen schreibt, muss keine Angst haben“, sagt Fischer.

Bestes Beispiel für das, was Roboterjournalismus leisten kann, sind heute schon reine Sportergebnis-Meldungen. Sie werden immer häufiger durch automatische Formulierung vorgefertigt und anschließend nur noch vom Redakteur, dem „Automation Editor“, überprüft. Dem Rest der Redaktion bleibt so mehr Zeit, ausführlichere oder hintergründigere Geschichten zu schreiben.

Meta-Daten, angesammelt durch Algorithmen und Skripte, geben bestehenden Geschichten außerdem neuen Kontext. So entstand im Seminar eine Idee, ähnlich wie die des WTF-Buttons: Wie wäre es, eine Datenbank zur Verfügung zu haben, die Politikeraussagen nach Themengebieten sammelt, und auf Abruf ein Dossier „So steht Politiker X zu Thema Y“ generiert? Widersprüchliche Aussagen oder prompte Kehrtwenden wären im Handumdrehen identifiziert.

Das Problem, so wurde im Workshop allerdings ebenfalls deutlich: Häufig finden technologische Entwicklungen auf diesem Level bisher nicht bei Verlagshäusern statt, sondern bei Firmen wie Google, Facebook oder kleinen Startups. Der Journalismus ist also abhängig von Entwicklungen Dritter. Der Appell deshalb: Journalisten sollten das Programmieren selbst in die Hand nehmen und auch ein stärkeres Bewusstsein für die Relevanz von Daten aufbauen.

Mutig sein und Dinge ausprobieren

Vier Pitches vier verschiedener Startups – etwa audioguideMe oder untold – haben zum Schluss des #vid15 den anwesenden Journalistinnen und Journalisten nicht nur gezeigt, was man bei der Präsentation des eigenen Projekt alles richtig und falsch machen kann. Es wurde vor allem deutlich: An Kreativität mangelt es der deutschen Medienlandschaft nicht. Foto: Pia Kleine Wieskamp Ideen haben wir im Alltag viele, doch wie viele von ihnen werden wirklich umgesetzt? Wie viele von ihnen werden einem Praxistest unterzogen? Und wie viele bleiben in der Schublade liegen? Der VOCER Innovation Day 2015 hat Lust darauf gemacht, mehr Ideen umzusetzen und mutiger zu werden. Die Werkzeuge für guten Journalismus der Gegenwart liegen direkt vor uns. Wir müssen sie nur richtig verwenden.

Den gesamten VOCER Innovation Day 2015 (Hauptbühne) gibt es auch online noch einmal im Livestream zum kostenlosen Abruf.

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Die Fotos in diesem Artikel wurden mit freundlicher Genehmigung von Pia Kleine Wieskamp eingebunden.

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