Sascha Lobo bei der re:publica: The Power of Trotzdem

Es hat ohne Zweifel was Präsidentielles, wenn der Mann mit dem berühmtesten Iro der Republik ans Rednerpult tritt. Nein, anders: Es hat was Präsidentielles, wenn er an dieses Rednerpult tritt. Es spricht Sascha Lobo, Deutschlands womöglich schlauester, definitiv aber eloquentester Internet-Experte – auf der Hauptbühne der re:publica in Berlin.

Vergangenes Jahr hat Lobo seine traditionelle Ansprache auf Deutschlands wichtigster Digitalmesse medienwirksam ausfallen lassen, auch aus Selbstfindungsgründen, wie er sagt: Wer bin ich eigentlich? Und wer seid ihr?

Jetzt ist er also wieder da, und sein Auftritt am Montagabend strudelt den sonst mit Club-Mate-Schlürfern vollgepackten Kontakthof der re:publica leer wie ablaufendes Badewasser. Stickig ist es im riesigen Zuschauerraum vor Bühne 1, hinten quetschen sich Menschen auf Tribünenstufen, auf dem Parkett sitzen sich Dutzende das Hinterteil platt, die Stuhlreihen sind längst besetzt. Lobo kommt!

„Ich halte jedes Jahr 60 bis 80 absurd hoch bezahle Vorträge“, beginnt der Mann im schwarzen Sakko nach langer Kunstpause seine Rede, „und dieser hier ist der einzige, vor dem ich Angst habe.“

Das ist mutmaßlich gelogen, Lobo ist ein hinreißender Redner, und natürlich weiß er das. Sein Publikum nennt er die „Digitally Lost Generation“, jene 30- bis 54-Jährigen mit grauen Schläfen also, die heute was mit Internet machen und „Snapchat früher als alle anderen nicht verstanden haben“.

Mitgebracht hat der Blogger, Buchautor und Kolumnist ausdrücklich keine Rede zur Lage der Nation, dafür eine über das „Age of Trotzdem“: Zum digitalen gesellschaftlichen Optimismus ruft er darin auf, ungeachtet einer lausigen Gesamtlage. Massenüberwachung, digitaler Cargo-Kult, mangelhafte Glasfaserversorgung, bigotte Politiker, Nazis in sozialen Netzen – jedem dieser Missstände lässt Lobo sein Publikum ein „Trotzdem!“ entgegenschreien, was bei Licht besehen genauso absurd ist, wie es klingt.

Richtig schlüssig wirkt er nicht immer, dieser einstündige Galopp durch alle möglichen Beobachtungen zur Lage der Nation (denn darum geht’s am Ende natürlich doch). Aber es ist enorm unterhaltsam, Lobo zuzuhören. Wie er mühelos von Todernst zu Saukomisch wechselt und zurück, von Publikumsbeschimpfung zum Ruf nach einem neuen, einem ökonomischen Aktivismus.

Folgende Unternehmen seien bitteschön zu gründen, um gesellschaftlichen Fortschritt herbeizuführen, postuliert Lobo zum Ende, und das sei jetzt wirklich echt ernst gemeint.

Erstens also: Eine Suchmaschine. Zweitens: Ein Snapchat für Erwachsene. Drittens: Ein funktionierender Ersatz für Itunes. Weil die real existierende Apple-Software zur Verwaltung von Musik, Apps und Videos so furchtbar nervt. Tosender Applaus. Der Präsident der Republik ist durch – lustig war’s. Lobo out.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.