Instant Gratification auf der SXSW oder: Warum wir alle zu viel liken, aber zu wenig lieben

Das “Marshmallow Experiment” ist ein berühmter psychologischer Test aus den 60er Jahren mit kleinen Kindern. Lässt man Vier- oder Fünfjährige jeweils einzeln mit einem Marshmallow auf einem Teller für wenige Minuten allein in einem Raum, dann fangen einige Kinder sofort an zu naschen. Selbst dann, wenn sie wissen, dass nachher als Belohnung zwei Marshmallows winken, falls sie den ersten zunächst nicht anrühren. Doch manche Kinder können ihre unmittelbaren Bedürfnisse viel besser beherrschen und kommen laut einer Langzeitstudie auch als Erwachsene besser im Leben zurecht.

Heute stehen nicht nur die Jüngsten vor dieser schwierigen Herausforderung, sondern wir alle. Jeden Tag. Von morgens bis abends. Das Marshmallow auf dem Teller ist unser Smartphone in der Hosentasche. Und obwohl wir erwachsen sind, denken wir meistens noch nicht einmal darüber nach, ob wir lieber unser Facebook updaten und checken, ob unser cooles Foto von gestern noch 20 Likes mehr bekommen hat oder wir in der gleichen Zeit etwas tun, das im Moment zwar weniger Spaß macht, uns langfristig aber weiter bringt.

Mit diesem Phänomen befasste sich heute morgen auf der South by Southwest ein spannendes Panel mit dem Titel “Tech My Mind: The Age of Instant Gratification”. Das lässt sich ungefähr übersetzen mit “Entschlüssel‘ mein Hirn: Das Zeitalter der Sofortbelohnung”.

IMG_2013Wenn wir den Marshmallows widerstehen, aus Facebook ausgeloggt bleiben oder das vibrierende Handy in der Hosentasche stecken lassen, dann müssen wir gegen einen mächtigen chemischen Gegner ankämpfen, erklärte Andrew Yee. Nämlich den Botenstoff Dopamin, auch bekannt als innerer Schweinehund. Yee ist Administrator des Online-Lernprogramms an der kalifornischen Biola Universität. Er ist mit dafür verantwortlich, die Lernsoftware so anzulegen, dass der innere Schweinehund der Studenten überlistet wird mit vielen kleinen Belohnungen. Das nennt sich Gamification, weil auch Lernstoffe wie Games funktionieren und mit neuen Levels und Challenges unsere Dopamine befeuern können.

Sofortbelohnungen, aber auch ständige Selbstbestätigung können süchtig machen, weiß Yee. Deshalb vergewissern wir uns andauernd, ob wir noch hoch genug im Kurs stehen, gemessen an der Zahl unserer Likes, Faves und Retweets. Und wenn das nicht der Fall ist, dann müssen wir nachlegen mit neuen lustigen Fotos und geistreichen Tweets. “Und deshalb neigen wir dazu, uns mit den Leuten digital anzufreunden, die unser Weltbild bestätigen”, sagte Erika Gronek, die an der Arizona State University das New Media Programm leitet.

IMG_2016Das ist allerdings ein Punkt, den ich nicht teile. Wir haben uns nämlich bei der Wahl unserer Freunde, egal, ob wir sie aus der Schule, vom Arbeitsplatz oder aus dem Internet kennen, immer schon lieber mit Leuten umgeben, mit denen uns möglichst viel verbindet. Im Social Media Zeitalter heißt dieses alte Phänomen auf einmal “Filterblase” und gilt als neuer Trend. Natürlich sollten wir alle versuchen, unser Weltbild nicht zu weit zu verengen. Aber sich mit Nein-Sagern zu umgeben und mit Leuten, die alles ausdiskutieren wollen, ist auch anstrengend.

Ein, wie ich finde, größeres Problem sprachen Yee und die Lebensberaterin Julie Barrios an. Sie hilft gestressten Programmierern und Tech-Gründern statt kurzfristiger Ziele (Mehr Klicks! Mehr Hype! Mehr Umsatz!) auch ihren langfristigen Sinn des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren.

Auch Medien, sagte Barrios, fördern eher die oberflächliche Zerstreuung als dass sie ihren Nutzern helfen, sich auf einen Inhalt wirklich zu konzentrieren. Wahrscheinlich hatte sie dabei noch nicht einmal eine typisch deutsche Zeitungs-Website im Sinn. Ihr wisst, was ich meine: Klick-auch-mal-hier-Banner, Like-uns-bei-Facebook-Buttons, Das-könnte-Dich-auch-noch-interessieren-Listen und Zerstückelung von Beiträgen in möglichst lange Klickstrecken. Alles dies sorgt dafür, dass wir ganz viel klicken und liken und unseren kurzfristigen Dopaminhunger befriedigen. Und dabei gar nicht merken, um wieviel befriedigender es ist, völlig konzentriert und bis zum Ende in ein Thema einzutauchen und es wirklich zu lieben anstatt es nur zu liken.

IMG_2017Dieser letzte Satz stammt übrigens nicht von mir. Während des Panels heute Morgen musste ich an einen schon etwas älteren und wunderschön gestalteten Essay von Robin Sloan zu diesem Thema denken. Er heißt “Fish” und steht als kostenlose App hier zum Download. Ich habe diesen Essay bestimmt schon zehnmal mit Genuss in Gänze gelesen. Ich bin mir sicher: Einige von Euch werden “Fish” lieben, nicht nur liken.

One comment

  1. Hm…also Gamification hat im Grunde nichts mit Gratification zu tun. Auch wenn der Bgeriff dafür leider sehr oft missbraucht wird. Den Spaß im Spiel erleben wir ja auch nicht weil wir belohnt werden sondern weil wir dort Herausforderungen besten und Fortschritt erleben. Hier wird Gamification völlig fälschlicherweise immer komplett reduziert auf Punkte und Badges.

    Ein weiteres Missverständnis ist, dass Dopamin und viele weitere Neurotransmiiter vor allem durch Belohnungen ausgeschüttet wird. Aber auch dies ist falsch. So hat z.b. Prof. Sapolvski schon herausgefunden, dass Dopamin eher in Vorfreude auf ein mögliches ‚Achievement‘ ausgeschüttet wird. Unser Gehirn ist sehr stark anticipativ. Im Moment der aktuellen Belohnung kann kaum ein höheres Level an Dopamin im Gehirn nachgewiesen werden.

    Der Versuch Studenten durch Points & Badges zu motivieren kann kurzfristig funktionieren weil es evtl. was Neues ist, aber langfristig klappt das nicht da hier die simple Pointification völlig überschätzt wird.

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