Ein Blick in die Entwickler-Küche — Audience Engagement bei der Washington Post

„Kann Technik Leser-Engagement voran treiben?“ Diese Frage versuchten Martin Baron (Exec Editor) und Shailesh Prakash (CIO & VP of Technology) der Washington Post (WP) zu beantworten. Sie stellten ihr Projekt Loxodo vor. Die WP baut derzeit eine vorhersagende Analyse-Plattform auf, um mehr Nutzer zu erreichen.

Als es los ging, hatte die Washington Post 76 Millionen Unique Visitors. Investiert wurde vor allem in den Newsroom (Personal) und in Technologie. Zwischenergebnis nach 12 Monaten: 27% mehr Minuten pro Besuch. 97% mehr PageViews als im vorigen Jahr.
In der Nacht gibt es bei der WP ein Beobachtungsteam, welches auch das Social-Web genau unter die Lupe nimmt, und nach Geschichten suche, über die gesprochen wird. Daraus entstehen dann am Tag neue Geschichten. Baron und Prakash zeigten verschiedene Scroll- und 360-Grad-Video-Formate, die wir allerdings auch aus Deutschland kennen. Spannend wird es, wenn man genauer auf die Technik schaut. Sie entwickeln eigene Produkte in den verschiedensten Bereichen, die auch von anderen Medienunternehmen eingesetzt werden können:
1. Virtual Reality. „Wir wollen Virtual Reality demokratisieren und für alle ermöglichen“, erklärte Prakash. Die Washington Post will künftig das WordPress für Virtual Reality anbieten. Ein Tool, mit dem man ohne Umstände direkt Virtual Reality erstellen und an die Nutzer ausspielen kann. Was WordPress für Blogger geleistet hat, soll das Tool der WP für alle Newsroom bieten, um Virtual Reality anbieten zu können.
2. Analytics. Loxodo ist eine Analytics-Software die alle Analyse-Metriken zusammenträgt. Es ist egal ob ein Newsroom mit Chartbeat oder einer anderen Software die Zahlen sammelt. Das Ziel: Eine Oberfläche, auf der alle relevanten Zahlen zusammengetragen werden. So gibt es „Lead-Measures“. Wenn man die erreicht, dann werden sich die „Hard-Measures“ (Visits, TimeSpend, PageViews …) langfristig verbessern. Ein „Lead-Measure“ ist zum Beispiel ein „Breaking-News-Alert“-Ranking unter Konkurrenten. Pluspunkte gibt es für die Schnelligkeit und die Qualität der Berichterstattung. Einen Minuspunkt gibt es für Spam.
3. Leseranalyse. Eine weitere Metrik ist die „Würden Sie das lesen?“-Umfrage. Die Postler nehmen sich die Schlagzeile, das Bild und den Teaser von Artikeln großer Webseiten und fragen jeden Monat 500 Nutzer, ob sie diese Geschichten lesen würden, oder nicht. Sie wissen dabei nicht, von welcher Seite der Inhalt kommt. Die WP lernt, welche demographische Gruppe welche Inhalte mag. Daraus lassen sich dann wichtige Entscheidungen ableiten.
4. Deadline-Roboter. Es gibt auch ein Workflowtool um die zeitlichen Abläufe zu optimieren. Viele Deadlines für Geschichten sind nun auf eine frühere Zeit am Tag verlegt worden. Das ist gut für den Traffic. Dazu gehört auch „Martybot“. Das ist ein Roboter, der die Reporter daran erinnert, dass ihre Deadline in Kürze ansteht. Viele Redakteure scheuen die Konfrontation, um die Kollegen zu erinnern. Also übernimmt das ein Roboter. Es gibt auch eine errechnete Deadline-Quote für jeden Redakteur. In der nächsten Version soll es automatische Stromschläge am Stuhl des Redakteurs geben (kleiner Scherz).
5. A/B-Tests. Die WP bezeichnet ihr A/B-Test-Tool als Bandito. „Es geht nicht darum Clickbaiting zu betreiben“, vesicherte Baron. „Aber bei jedem Teaser für eine Geschichte haben wir unterschiedliche Annahmen, dass die Geschichte läuft. Der Test gibt uns Gewissheit.“
6. Newsletter. Paloma ist ein eigenes Newslettersystem. Newsletter sind weiterhin ein sehr gutes Werkzeug, um die Nutzerschaft zu aktivieren. Prakash verlor auch ein paar Worte zu den Messenger-Experimenten, wie bei der kürzlich hier beschriebenen Quartz-App: „Nutzen Sie die App überhaupt noch? Ich habe im Gefühl, dass viele Nutzer zunächst begeistert sind, aber dann schnell das Interesse verlieren. Noch sind die Apps zu umständlich.“
Diese Entwicklungen sind schon alleine deswegen spannend, da die Washington Post seit einiger Zeit dem Amazon-Gründer Jeff Bezos gehört, der mit Datenanalyse den Handel revolutionierte. Wie viel steht er mit der Washington Post in Kontakt? Alle zwei Wochen gibt es eine Telefonkonferenz, die eine Stunde dauert. Ansonsten gibt es zwei Mal im Jahr ein Treffen in Bezos Heimatstadt Seattle.
Es gibt ein kostenloses Lizenz-Modell für die Entwicklungen der Washington Post. Allerdings muss für den Traffic bezahlt werden. Die WP arbeitet kostendeckend und muss auch derzeit nicht unbedingt großen Gewinn einfahren. Ziel ist es aber, die Kosten fürs Scheitern möglichst gering zu halten.

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