Die Zentrale des Newsrooms der Washington Post in der 15ten Straße. Dort wurde auch der Film über die beiden Investigativjournalisten Bernstein und Woodward gedreht. Foto: Martin Kessler

Der mühsame Wiederaufstieg der Washington Post

Wer zum ersten Mal den Nachrichtenraum der Washington Post betritt, kann sich einer gewissen Ehrfurcht nicht erwehren. Die große Uhr über einem der Reporter-Desks erinnert sofort an den Film „Die Unbestechlichen“ mit Dustin Hoffman und Robert Redford, die die beiden berühmtesten Investigativjournalisten in der Pressegeschichte, Bob Woodward und Carl Bernstein, spielten. Doch von solchen Zeiten kann die heutige Washington Post nur träumen. Auch wenn sie noch immer regelmäßig Journalistenpreise einsackt.

Das einstige Flaggschiff des US-Journalismus sucht derzeit mühsam nach einer Strategie, im digitalen Zeitalter zu überleben. Nachrichten-Chef Scott Vance sieht schon einige Erfolge. „Wir unterscheiden nicht mehr nach Online und Print, wir weiten unsere Leserschaft mit allen Mitteln aus und sehen uns weiter als die wichtigste Zeitung, die aus Washington für die Welt berichtet.“ Das klingt, obwohl bescheiden vorgetragen, wie eine trotzige Willenserklärung. Tatsächlich hat die Post, wie sie als eine der großen Drei des US-Journalismus (die anderen sind die New York Times und das Wallstreet Journal) kurz und respektvoll genannt wird, einen gewaltigen Aderlass hinter sich. Die Auflage schrumpfte auf weniger als die Hälfte, die Anzeigen brachen noch stärker ein. Und wäre nicht Jeff Bezos, der Gründer des Internet-Riesen Amazon, beim Blatt eingestiegen, hätte die Zeitung Insolvenz anmelden müssen.

Auf den großen Investor richten sich folglich alle Hoffnungen. „Er investiert und lässt uns machen“, fasst Vance das Engagement des Post-Enthusiasten zusammen. Andere sprechen vom subventioniertem Qualitätsjournalismus. Tatsächlich hat die Post 100 neue Journalisten eingestellt, nachdem zuvor die Mannschaft brutal gelichtet wurde. So arbeiten jetzt noch immer 600 Reporter, Editor, Social-Media-Experten, Site-Manager, Video-Beauftragte und viele andere mehr im ehrwürdigen Gebäude in der 15ten Straße. „Wir ziehen sogar in ein neues Gebäude“, verbreitet Vance Zuversicht.

Einige Erfolge kann die Nummer eins der wichtigsten Hauptstadt der Welt sogar vorweisen. 42 Millionen Leser besuchen regelmäßig die Webseite der Post. Vor einem Jahr waren es noch 30 Millionen. Es gibt dort Nachrichten, Analysen, Blogs, Videos, Bilder rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche. Die modernsten Techniken kommen zum Einsatz, die Website ist auf Google  optimiert, die Papierausgabe spielt noch immer eine wichtige Rolle.

Aber es ist merkwürdig. Eine richtige Begeisterung für die neuen Zeiten will nicht aufkommen. „Wir stehen mit allen im Wettbewerb, nicht nur mit den beiden anderen der großen Drei im Zeitungswesen“, meint Vance fast etwas bedauernd. Ob die Post diesen Wettbewerb besteht, ist offen. Zahlen kann Vance jedenfalls nicht nennen – weder die Projektionen, noch den Umsatz, das Anzeigenaufkommen oder ob die Zeitung überhaupt Gewinn macht. „Die ist jetzt kein Aktienunternehmen mehr, sondern gehört einem Privatinvestor“, sagt der Zeitungsmann.

Die Post wirkt damit nicht moderner als andere Versuche, aus der guten alten Zeitung ein schnittiges Internet-Unternehmen zu machen. Die Videos sind bieder, die Schlagzeilen seriös, die Geschichten hintergründig. Sicher alles guter Journalismus, der in Washington weiterhin gefragt ist. Aber aggressivere und auf das Politik-Geschäft spezialisiertere Blogs wie Politico oder Talking Points Memo grasen in den Weidegründen des Oldtimers. Sie sind bei Politikern, Lobbyisten und Think Tanks beliebt. Dort findet mehr und mehr die Debatte statt, nicht mehr wie bisher allein bei den großen Drei des Zeitungswesens.

Ihren Inhalt hält die Washington Post gleichwohl für wertvoll. Und das wohl zu Recht. Ab zehn Artikel muss bezahlt werden. Und viele sind bereit, Abos für das Gesamtpaket Print und Online zu kaufen. Aber eines weiß Scott Vance auch. „Das meiste Geld wird immer noch mit der gedruckten Zeitung gemacht.“ Das erinnert doch sehr an Deutschland.

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