Ich Tarzan, du CNN — zu Besuch beim Herrn des Dschungels

Wer ist Casey Neistat? Immerhin was Casey Neistat ist, kann man ahnen, wenn man sich die Warteschlange ansieht, die kreuz und quer durch das Austin Convention Center kriecht. Das Messegebäude in der texanischen Hauptstadt ist gewaltig, und der Menschen-Lindwurm reicht über mehrere Stockwerke, durch Treppenhäuser und über Außenterassen, bitte ganz links halten, mahnen die Ordner, Fluchtwege freilassen.

Jeder will ihn sehen, den Mann mit der markanten Nase und der Ray Ban auf dem Lockenschopf. Ihn, der seinen internationalen Durchbruch hatte mit einem Video über ein Knöllchen, das er in New York bekommen hatte, weil er als Radfahrer nicht auf dem Radweg unterwegs war (und in dessen Folge er absichtlich in allerlei Hindernisse auf dem Radweg reinrasselt, darunter in einen Streifenwagen). Vorhang auf also für einen der größten Stars der YouTube-Welt. Sein Vortrag: ein Highlight bei der Digitalkonferenz South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas.

Bemerkenswert ist Neistat dabei nicht mal in erster Linie, weil sein YouTube-Kanal fast 7 Millionen Abonnenten hat. Oder weil er kürzlich seine App Beme an CNN verkaufte und jetzt eine neue Medienmarke für den Nachrichtengiganten entwickeln soll. Bemerkenswert ist vielmehr, wie Neistat das alles erreicht hat.

Der Mann stammt aus einfachsten Verhältnissen, lebte im Trailer Park in Connecticut, schuftete buchstäblich als Tellerwäscher und Fahrradbote und verdingte sich mit der Produktion von Geburtstagsvideos, bevor sich sowas wie Erfolg einstellte.

Neistat verfolgt in seinem Leben konsequent das, was er die „Tarzan-Methode“ nennt: Springen und einfach immer nach der nächsten Liane greifen, auch wenn man nicht genau weiß, wohin die eigentlich schwingt.

Aus ersten eigenen Videos wurde eine kleine Serie beim US-Kabelsender HBO, aus der Entscheidung, was mit diesem Internet zu machen, ein erfolgreicher YouTube-Kanal, der schließlich in teure Werbevideos für Kunden wie Nike mündete.

„Risiken einzugehen ist für mich der einzige Weg, der zuverlässig zum Erfolg führt“, sagt Neistat, und er meint das nicht wie irgendein Jungunternehmer mit hochgeklapptem Polo-Kragen, sondern wörtlich: „Immer wenn ich mich für die sichere Variante entscheide, geht es schief.“

Unter dem Slogan #makeitcount hat Neistat 2012 einen Werbeclip für Nike gedreht, abgesprochen waren ein Budget und ein Skript. Statt sich dran zu halten, setzte sich der heute 35-Jährige zum Entsetzen seines Werbekunden eine andere Idee in den Kopf: Einfach ins Flugzeug steigen und von Land zu Land jetten, einmal um die Welt, so lange, bis das Geld alle  ist. Das Video, das dabei entstand, ist ihm zufolge der erfolgreichste Nike-Clip aller Zeiten, öfter geklickt als die Videos von diesem einen gutaussehenden Fußballtyp, wie heißt er noch? Cristiano Ronaldo, genau. Jeder Moment zählt, mach was aus deinem Leben, Stillstand ist der Tod. Tarzan-Prinzip.

Ein Tech-Unternehmen müsste man gründen, setzt sich Neistat nach einem Gastaufenthalt am MIT in Cambridge in den Kopf, „dabei habe ich in meinem Leben noch keine einzige Zeile Code geschrieben“. Die nächste Liane. Mit einem Geschäftspartner entwickelt er die Social-Media-App Beme und begleitet das Projekt mit einem täglichen Video-Tagebuch. Die Kombination aus Gründergeist und YouTuber-Fame wird ein Erfolg, CNN übernimmt die Firma – und der Herr des Dschungels schwingt sich weiter, während die Welt auf das große Millennial-Mediending wartet, an dem er da gerade bastelt.

Ziemlich weit gekommen ist Neistat mit diesem Volles-Risiko-Prinzip. Gerne wüsste man, ob er wirklich so tickt; ob das sein Leben ist. Ob es, wie er selber sagt, als Strategie einfach wahnsinnig gut für ihn funktioniert. Oder ob es doch nur eine schlaue Inszenierung ist für seine Bewunderer und seine Kunden.

Sein Handy, sagt Neistat, hat er immer auf Stumm. Es bimmelt nicht, wenn jemand anruft oder smst. Seine Mails checkt er nur einmal am Tag. „I fucking hate distractions“, sagt er.

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