Newsroom der Annenberg-Journalistenschule an der University of Southern California in Los Angeles. Foto: Martin Kessler.

Buzzfeed und Co. – die neue Revolution im Journalismus

Der Journalismus ist tot – es lebe der Journalismus. Die digitale Revolution stellt ihn nur auf den Kopf. Oder vom Kopf auf die Füße, wenn man möchte. Das wird klar, wenn man in Los Angeles die berühmte Journalistenschule Annenberg in der University of Southern California (USC) besucht. Dort hat die Stifterin der Schule für 65 Millionen Dollar oder umgerechnet 57 Millionen Euro einen Newsroom der Superlative eingerichtet. Studenten können sich in sozialen Netzwerken tummeln, Videos produzieren, Radio-Podcasts aufnehmen und die Webseiten der Universität füllen. Am vergangenen Mittwoch waren Lokalwahlen in der zweitgrößten Stadt der USA, da sind Sonderschichten angesagt. Journalistik-Professor Marc Cooper, der an der Annenberg School unterrichtet, verlangt von seinen Studenten vor allem eines: Initiative. „Nur die Innovativen werden überleben“, meint das journalistische Urgestein, der für alle großen Publikationen der USA gearbeitet hat, unzählige Preise sein Eigen nennt und im Gründungsboard der Huffington Post saß. Der 65-Jährige, der einst den chilenischen Links-Präsidenten Salvador Allende beraten hatte, gehört zwar der alten Schule an, ist aber längst im digitalen Zeitalter angekommen. „Die größte Innovation im Journalismus ist Buzzfeed. Die werden die Welt der Medien verändern“, ist Cooper überzeugt. Fast 400 Redakteure, Reporter und Blogger arbeiten bei der Online-Publikation. Sie hat eine Milliarde Clicks im Monat. „Buzzfeed hat inzwischen mehr Einfluss als die New York Times“, glaubt der Presse-Veteran, der demnächst in den Ruhestand gehen will mit Ziel Mallorca oder Toskana.

Buzzfeed ist eine Mischung aus Klatsch und Tratsch und seriösem Journalismus. Debatten über Penis-Längen finden dort genauso ihr Publikum wie die Rede des israelischen Premierministers Bibi Netanjahu vor dem US-Kongress. Die Seite ist ganz den Gepflogenheiten im Netz angepasst. Emoticons spielen die gleiche Rolle wie Nutzerkommentare. „Die Sprache ist die Sprache, wie wir sie sprechen, nicht das abgehobene Reporter-Englisch“, meint Reporter-Legende Cooper. Und ganz wichtig: Es gibt keine Regeln. Was interessant ist, kommt auf die Seite, egal ob Politik oder die neuesten Trends bei Tattoos. Dabei kann es sich Buzzfeed leisten, die Top-Reporter gut zu bezahlen – Gehälter von 100 000 Dollar und mehr (umgerechnet 90 000 Euro) sind keine Seltenheit. „Bei US-Zeitungen gibt es solche Gehälter fast nicht mehr“, meint Cooper.

Es gibt eine ganze Reihe von solchen neuen Portalen, die gerade Mediengeschichte schreiben. Das bekannteste – die Huffington Post – ist rund 400 Millionen Dollar wert, während Amazon-Gründer Jeff Bezos für die angesehene Washington Post gerade mal 250 Millionen zahlte. So verschieben sich die Verhältnisse. Aber auch Seiten wie Gawker oder Jezebel machen in den USA Furore. Das Reporter-Portal Jezebel bringt Reportagen, die von Autoren ins Netz gestellt werden. Es gibt kein Webseiten-Design, alles ist blau auf weiß. Die am meisten geklickte Geschichte erscheint ganz oben, dann geht es nach der Beliebtheit beim Nutzer nach unten. „Es geht darum, Fähigkeiten zu teilen“, erklärt Cooper das Prinzip der Webseite, bei der auch seine Tochter Natasha Vargas-Cooper arbeitet.

US-Reporterlegende Marc Cooper (65), der unter anderem die Krisengebiete Ägypten, Libanon, Südafrika sowie in Lateinamerika besuchte und darüber u. a. für den Christian Science Monitor, die TV-Sender PBS Frontline und CBS sowie für die Los Angeles Time, The Nation und The Atlantic schrieb. Im Jahr 2000 war er Journalist des Jahres. Foto: Martin Kessler.
US-Reporterlegende Marc Cooper (65), der unter anderem die Krisengebiete Ägypten, Libanon, Südafrika sowie in Lateinamerika besuchte und darüber u. a. für den Christian Science Monitor, die TV-Sender PBS Frontline und CBS sowie für die Los Angeles Time, The Nation und The Atlantic schrieb. Im Jahr 2000 war er Journalist des Jahres. Foto: Martin Kessler.

Diesem Journalismus gehöre die Zukunft, ist der Medienexperte aus Los Angeles überzeugt. Denn das Netz stelle den traditionellen Berufszweig des Journalisten in Frage. „Wer ist Journalist heute?“ fragt Cooper. Der, der zufällig den Todesschuss eines Polizisten auf einen Obdachlosen in Downtown Los Angeles mit seinem Smartphone filmt und dafür zwei Millionen Mal in Facebook geklickt wird? Oder der, der im Netz den ungewöhnlichen Tourismus von schwangeren Chinesinnen beschreibt, die ihre Kinder unbedingt in den USA zur Welt bringen wollen, weil sie da automatisch mit der Geburt die Staatsbürgerschaft erwerben?

Mehr als früher geht es im Journalismus um Kommunikation, nicht um Belehrung. Zugleich gibt es durch das Netz die optimalen Werkzeuge, diese Kommunikation zu verfolgen. Ob das einer der Erfinder des Internets, wie der Elektronik-Professor Leonard Kleinrock vorhergesehen hat, der noch immer an der University of California Los Angeles (UCLA) unterrichtet? „Uns war klar, dass seit der ersten Internet-Verbindung alle angeschlossenen Computer die gleiche Information teilen können. Das heißt, alles ist zeitgleich an allen Orten der Welt verfügbar.“ Die Revolution des Internets kam für Kleinrock deshalb nicht unerwartet. Im Oktober des Jahres 1969 gelang wenigstens bruchstückartig die erste Verbindung – von der UCLA zur Stanford University. Kleinrock war mit einer kleinen Gruppe von Ingenieuren und Wissenschaftlern von Anfang an dabei. Noch nicht einmal 50 Jahre später ist klar, dass das Internet die größte Erfindung der Menschheit seit Erfindung des Buchdrucks ist. Und der veränderte damals auch die Welt.

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