Bei Hass setzen Facebook, Google & Co.  auf Liebe, nicht auf Technik

Amerikaner lieben die Freiheit, nicht die Regulation. Erst recht gilt das für die tech-affine Generation und die Vertreter der Silicon-Valley-Firmen, die sich in Austin zur Technologiekonferenz SXSW Interactive treffen. Hass und Hetze im Internet wird zwar diskutiert, aber anders als deutsche Politiker sich das wünschen würden. 

In dem Workshop „Wie weit sollten wir gehen, um Hassreden im Netz zu schützen?“ sind sich Vertreter von Google, Facebook und ein renommierter US-Rechtsexperte einig, dass Europas Regulierungswünsche die freie Rede bedrängen. Jeffrey Rosen, Professor für Verfassungsrecht und Journalist, warnt vor einer „Europäisierung des Diskurses.“ Eine Gesellschaft müsse wissen, ob sie sich am Ende für die Privatsphäre, die Würde des Menschen oder die freie Rede entscheide, sagt er. Wo seine Priorität liegt, ist klar. 

Die US-Verfassung räumt der Meinungsfreiheit eine besondere Stellung ein. Sie steht in Artikel 1 der Verfassung („first amendment“) und sie wird in den USA bei jeder Gelegenheit als Kern einer freien Zivilisation hochgehalten. Ausnahmen sieht die US-Rechtsprechung nur bei Obszönität, Kinderpornografie und bei der Ankündigung einer „imminent lawless action“, also einer konkreten gesetzeswidrigen Tat, vor. Die Meinungsfreiheit sei in den USA rechtlich so geschützt wie in keinem anderen Land der Welt, sagt Rosen.

Dass Unternehmen wie Google und Facebook sich also überhaupt die Mühe machten, Hasskommentare zu löschen, sei „mehr als man erwarten kann“, sagt Rosen. Außerdem käme es auf die Nutzer selbst an, Widerstand zu zeigen. „Die Gegenrede der Millionen Nutzer ist viel besser als das Löschen von Inhalten.“

Da kann Monika Blickert, so etwas wie die Ethik-Chefin von Facebook und für die Kommunikationsregeln auf der Plattform zuständig, nur eifrig nicken. „Wir wollen Respekt und ein gutes Miteinander“, sagt sie. „Das Beste ist, wenn die Nutzer sich gegen den Hass stemmen und gegenhalten.“ Liebe statt Hetze. Respekt statt Beschimpfungen. So stellt sich das Facebook vor. 

Eine Überwachung der Facebook-Kommunikation wäre anspruchsvoll. 1,6 Milliarden Menschen nutzen das Netzwerk inzwischen täglich. Mehr als 80 Prozent der Nutzer leben allerdings außerhalb der USA. „Eine einheitliche Definition für Hassreden ist gar nicht möglich“, sagt Blickert. Man müsse sich darauf verlassen, dass Nutzer problematische Inhalte melden. Inhalte, die persönliche Angriffe auf Menschen, etwa wegen ihres kulturellen Hintergrunds beinhalten, würden gelöscht. Wie viele Mitarbeiter die eine Million Beschwerden, die angeblich täglich weltweit eingehen, bewerten, will Monika Blickert aber nicht sagen. 

Nur: Müsste Facebook im Kampf gegen Hass und Hetze etwa in europäischen Ländern nicht trotzdem aktiver werden, statt nur zu reagieren und auf Beschwerden zu warten? Immerhin will der Silicon-Valley-Konzern in diesen Ländern ja auch Geld verdienen. Facebook arbeitet derzeit an einer Technologie, die automatisch Slang und Dialekt in Millionen Kommentaren erkennen soll, um daraus eine Art „Dialekt“-Duden zu kreieren. Eine hübsche Idee. Aber warum ist das Unternehmen nicht in der Lage Hassreden per Algorithmus aufzuspüren? „Weil der oft nur kontextbezogen verstanden werden kann“, rechtfertigt sich Blickert. Wenn ein Nutzer scherzhaft den Satz poste, „Ich bringe dich um, wenn du nicht zu meiner Party kommst“, sei das ja auch nicht gleich ein Mordaufruf. Ironie könnten Algorithmen nicht erkennen. Ob eines der großen technologischen Vorzeige-Unternehmen tatsächlich keine  automatisierte Methode entwickeln könnte, um Hass im sozialen Netzwerk aufzuspüren, bezweifeln Experten allerdings. 

Der Internet-Sender YouTube hat es da leichter. Ein Gewaltvideo lässt sich kaum anders deuten alsein Gewaltvideo. Solche Videso werden automatisch gelöscht, bis zu 13 Millionen täglich, sagt Juniper Downs, Policy-Chefin bei YouTube. Aber auch sie setzt auf die Selbstreinigungskräfte der Nutzer. „Wir brauchen die Hilfe der Nutzer.“

Facebook-Managerin Bickert hat sich einen Satz zurechtgelegt, der das Unternehmen quasi freispricht von Regulierung und Überwachung. „Das Problem ist nicht der hasserfüllte Post, sondern der zugrundeliegende Hass“, sagt sie. Mit anderen Worten: Hassreden im Netz sind ein gesellschaftliches Problem. 

Ein bisschen argumentieren die Plattformanbieter wie der Inhaber einer Disco, der nicht dafür verantwortlich gemacht werden will, wenn auf der Tanzfläche geprügelt und an der Bar Drogen gereicht werden. Zumindest in einem hat der US-Juraprofessor Rosen wohl recht. „Wenn wir über Meinungsfreiheit reden, haben Facebook, Google und Twitter mehr Macht als Könige, Präsidenten und das Verfassungsgericht.“

Hassrede und Privatsphäre waren auch Thema bei anderen Veranstaltungen an diesem Samstag. Lesen Sie auch den Text „Wie Amerika über Privatsphäre spricht„.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.