Die größte Autofabrik der Welt, das Ford-Werk Rouge in Dearborn, in der Nähe von Detroit.

Aufbruch in Detroit – die amerikanische Pleite-Metropole erfindet sich digital neu

Es ist noch keine 60 Jahre her, da war Detroit die viertgrößte Stadt der USA. Doch von den einst 2,2 Millionen Einwohnern sind gerade mal knapp 700 000 geblieben. Geblieben ist auch eine riesige Stadtfläche, die unzählige Brachen aufweist. Denn auf die Fläche Detroits würden die Städte San Francisco, Boston und Manhattan passen. Wenn man hineinfährt, wirkt die größte Autostadt der Welt wie eine Geisterstadt. Kaum Verkehr in der City, um sieben Uhr abends ist das Geschäftsviertel ausgestorben. Viele Gebäude sind verlassen, das urbane Leben scheint erloschen.

Doch die Fassade täuscht. Bei unseren Begegnungen erleben wir engagierte Journalisten, die über die Wiedergeburt ihrer Stadt berichten. Sie tun es online, on air und on tv. Obwohl die beiden regionalen Titel Detroit News und Detroit Free Press einen gigantischen Niedergang erlebten, die News stürzten von einer Auflage von 1,2 Millionen auf 120 000 für die Sonntagsausgabe, die Free Press schnitt nicht viel besser ab, ist die Medienszene lebhafter denn je. Es sind lokale Blogs wie Deadline Detroit oder Bridge, spezialisierte Anbieter wie Crain’s Detroit Business oder Detroit Technology, gemeinnützige Radiostationen wie WDET oder Online-Fernsehsender wie WXYZ.com. Gemein ist ihnen allen, dass sie sich auf lokale Themen spezialisieren, selbst die Wirtschaftstitel, und dass sie soziale Medien wie Twitter, Facebook oder Instagram intensiv nutzen. Auch die alten regionalen Titel sehen inzwischen aus wie Online-Buden. Bei den Detroit News kann die Redaktion nachverfolgen, welcher Autor gerade die meisten Clicks zieht. Nicht überall bei den Kollegen stößt das auf Zustimmung.

Blick auf Detroit vom Flugzeug. In der Mitte Downtown Detroit direkt am Detroit River.
Blick auf Detroit vom Flugzeug. In der Mitte Downtown Detroit direkt am Detroit River.

Jeder versucht, Plattform zu sein, das Publikum auf sein Netzwerk zu ziehen. Aber das gelingt nur zum Teil. Auch die Finanzierung über Anzeigen oder Bezahlschranken im Netz ist häufig unzureichend. Der Fachverlag Craine lässt seine Nutzer zahlen, aber er liefert offenbar geldwerte Informationen. Mit einigen Diensten erreicht er Gewinnmargen von 30, manchmal sogar 60 Prozent. Dazu zählen aber auch Web-Seminare, Kongresse für ausgewählte Fachleute, Spezialeditionen. Craine lebt vom Industriestandort Detroit. Die „Automotive News“ sind die wichtigste Fachpublikation für die Autoindustrie. Aber auch über die Kunststoffindustrie, über das Bauwesen, über kleine und mittlere Unternehmen berichten die Craine-Medien. Sie haben es mit ihrer ausgefeilten Online-Strategie geschafft, eine Million Besucher für Fachinhalte zu begeistern. „Wir sprechen damit auch ein regionales und industrienahes Publikum an“, meint Daniel Duggan, der Chefredakteur der Fachzeitschriften-Sparte. Denn Detroit und der Staat Michigan sind immer noch das industrielle Herz der Vereinigten Staaten.

Fast hemdsärmelig kommt der digitale Radiosender WDET daher. Aus der Gewerkschaftsbewegung entstanden muss die Station, die ihre Räume von der renommierten Wayne State Universität bekommt, Gelder für Sendung und Online-Betrieb einsammeln. Digital-Spezialistin Courtney Hurrt erklärt uns die digitale Strategie des Senders. WDET nimmt sich großflächig der Probleme der Stadt an. Wer hat Zugang zu welchen Lebensmitteln? Gibt es Mangelernährung in sozialen Brennpunkten? Wie reagieren Nachbarschaften auf große Bauprojekte? Wo entstehen neue urbane Zentren in den Brachwüsten der einstigen Millionenstadt? Hier gibt es zu den Geschichten ein breites Webangebot, Video-Streams, Navigatorhilfen. Begleitet wird es von Vor-Ort-Reportagen. „Wir leben mit unserer Hörerschaft“, unterstreicht Travis Wright, Kulturchef des Senders, das ehrgeizige Programm. Der Sender setzt auf die Stärken der Stadt, die aufkommende Kreativwirtschaft, die einzigartige Musik-Szene, aber auch die alten Industrielandschaften, den fehlenden Nahverkehr. „Detroit ist wie Berlin nach dem Mauerfall“, findet Wright. Die Stadt sei gespalten in prosperierende und zerfallende Viertel. 87 Prozent der Stadtbevölkerung sind schwarz. Die Weißen wohnen vornehmlich in den unzähligen Vorstädten. Selbst die Zentralen der Autoindustrie – mit Ausnahme von General Motors – sind dahin verschwunden.

Das Top-Moderatoren-Team des Detroiter Fernsehkanals WXYZ.com mit der Gruppe der deutschen Journalistengruppe, Martin Kessler rechts neben dem Moderator.
Das Top-Moderatoren-Team des Detroiter Fernsehkanals WXYZ.com mit der Gruppe der deutschen Journalistengruppe, Martin Kessler rechts neben dem Moderator.

Ein gewinnorientiertes Prinzip verfolgt der Digital-Sender WXYZ.com. Er hat technisch gewaltig aufgerüstet, um an allen Brennpunkten der Stadt und der Region präsent zu sein. Mit anderen Sendern teilt er sich einen Helikopter. Für Live-Schalten aus Krankenhäusern oder Privatwohnungen nutzen die Fernsehmacher aber auch schon mal Skype. „Das spart Ressourcen“, erklärt Colleen Clement, die Produktionschefin des Senders. Die Fernsehstation ist tief in den sozialen Netzwerken verankert. Moderatoren twittern zwischen den Auftritten, bewerten ihre Interviewpartner, kommentieren Inhalte. Auch hier verfolgt der Sender ein Plattform-Prinzip, versucht eine Fangemeinde an sich zu ziehen. Zur Kasse gebeten wird das Publikum aber nicht. Als Fernsehsender finanziert sich WXYZ, das zum TV-Imperium ABC News gehört, ausschließlich über Anzeigen. „Dieses Geschäft beherrschen wir“, meint Clement.

Im Internet-Geschäft werden die sozialen Medien immer wichtiger, die Website verliert an Bedeutung. Twitter wird das zentrale Mitteilungsorgan, Facebook dient zur emotionalen Versorgung der Gemeinde. Die Programmmacher bauen die sozialen Medien in ihre Berichterstattung zentral ein. Eine Geschichte, die etwa bei WXYZ.com exklusiv ist, wird erst über Twitter angekündigt, dann schon mal mit TV-Teasern im Fernsehen angerissen, bevor sie dann über das Fernsehen, aber auch über die Website erzählt wird – mit jeder Menge Hintergrund. Bekommt die Geschichte einen neuen Spin, geht das Spiel von vorne los. Themen gibt es genug in Detroit: ein gestürzter Bürgermeister, der sich bereichert und Kontakte zur Unterwelt hatte und inzwischen im Gefängnis in Texas einsitzt, eine Stadt, die Insolvenz angemeldet hat, die Verwerfungen in der Autoindustrie, die gigantische Kriminalität, der die Polizei allerdings energisch zu Leibe rückt. „Detroit strahlt Energie aus“, meint WDET-Radiomann Wright. Die Bewohner lassen trotz aller Katastrophen den Mut nicht sinken, sondern wollen ihre Stadt verändern. Wo Dinge und Häuser verfallen, entstehen an anderer Stelle neue. Wo ein Club schließt, macht ein anderer ein paar hundert Meter weiter wieder auf. Wo Betriebe aufgeben, gründen junge Menschen in alten Fabriken neue. Selbst das Big Business kehrt zum Teil wieder zurück. Für viele ist es sogar schick, in die verfallene Innenstadt zu ziehen und die berühmten Häuser der Auto-Dynastien wieder in neuem Glanz auferstehen zu lassen. So entsteht eine einzigartige Mischung aus Aufbau und Verfall, Technologie und Rückschritt, neuem Reichtum und alter Armut. Ein Labor für die amerikanische Gesellschaft.

2 comments

  1. Kai Blum says:

    Ja, in Detroit geht es aufwärts, das ist gut beschrieben. Eine Anmerkung habe ich aber: WXYZ ist kein Online-Fernsehsender, sondern ein ganz normaler Fernsehsender, der lediglich ein gut ausgebautes Online-Angebot hat. Die nationalen Fernsehsender (ABC, NBC, Fox) haben in jeder Stadt bzw. Region sogenannte „Local Affiliates“, wie z.B. WXYZ , die die lokale Nachrichten- und Sportberichterstattung übernehmen und ansonsten das Programm des Muttersenders ausstrahlen.

  2. Karsten says:

    Ein sehr interessanter Blick hinter die glamourösen Kulissen der Vereinigten Staaten. Spannend zu sehen, wie sich Umbrüche gestalten und mit welcher Geisteshaltung an solche Situationen gegangen wird. Freue mich auf weitere Einblicke!

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