Mit der Abneigung gegen das Telefonieren lügen sich viele in die eigene Tasche, sagt Daniel Fiene. Foto: AP/Rich Pedroncelli
"Mit der Abneigung gegen das Telefonieren lügen sich viele in die eigene Tasche". Foto: AP/Rich Pedroncelli

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Welcher Telefontyp sind Sie? Hassen Sie es, wenn Sie ein unerwarteter Telefonanruf erreicht? Besonders wenn Sie die Nummer nicht kennen? Oder freuen Sie sich über jeden Anruf, schließlich hat jemand an Sie gedacht? 

Ich erlebe derzeit eine tiefe Spaltung im Netz. Kürzlich fuhr mich nach einer Diskussionsrunde ein junger Chef einer Digitalagentur mit seinem Mietwagen zum Bahnhof. Die ganze Fahrt regte er sich über einen unangekündigten Anruf auf. Er hasse es, wenn Leute ihm die Zeit stehlen. Zum Telefonieren verabrede er sich nur noch. Das ist nicht die Meinung eines Chefs, der sich seine Termine über eine Assistentin regeln lässt, sondern die Haltung vieler Menschen, die ihr soziales Leben über Whatsapp koordinieren oder deren Arbeit von E-Mails bestimmt wird.

In den vergangenen Tagen haben viele auf Facebook und Twitter den Artikel eines französischen Webentwicklers diskutiert. Der Titel: „Warum ich die meisten Anrufe nicht beantworte“. Seine Hauptargumente: Er sei zu beschäftigt, könne sich nichts merken, und man könne die Inhalte nicht automatisch archivieren. Telefonieren sei halt unangenehm. Einige meiner Facebook-Freunde empfinden seine Meinung als arrogant, andere stimmen zu: „Ich hasse direkte Anrufe.“ Eine Freundin mag auch keine Anrufe: „Alle vernünftigen Anfragen kommen per Mail.“

Wir Deutschen telefonieren wirklich weniger – und zwar 30 Milliarden Minuten im Jahr weniger. 2010 hat die Bundesnetzagentur noch 295 Milliarden abgehende Gesprächsminuten in Festnetz und Mobilfunk gemessen. Im vorigen Jahr waren es nur noch 265 Milliarden Minuten. Informatiker und Psychologen der Uni Bonn haben die Smartphone-Nutzung von Studenten untersucht. Das Ergebnis: Die Studenten nehmen im Schnitt das Telefon 80-mal am Tag in die Hand. Mehr als die Hälfte der Zeit wird es zur Kommunikation in sozialen Netzwerken oder für Chat-Dienste genutzt. Aber es wird nur acht Minuten telefoniert.

Ich bin ein Fan von neuen Apps und Kommunikationswegen. Aber mit der Abneigung gegen das Telefonieren lügen sich viele in die eigene Tasche. Statt eine Verabredung per Telefon zu klären, werden endlose Nachrichten ausgetauscht. Gerade wenn mehrere Personen involviert sind, dauert es ewig, auf dem Laufenden zu bleiben. Kürzlich habe ich im Radio gelästert, wie lächerlich es ist, wenn E-Mails ausgetauscht werden müssen, bevor es zum Telefonat kommt, in dem man vielleicht sogar auch nur ein echtes Treffen vorbespricht. Abstruser sei das nur bei Agenturchefs, mit deren Assistenten man außerdem vorher erst telefonieren muss. Raten Sie mal, wer mich nach der Sendung direkt angerufen hat, um sich zu beschweren? Sein Anruf kam natürlich unangekündigt. Ich bin trotzdem drangegangen.

Daniel Fiene ist Redakteur für Social Media & Digitales bei RP ONLINE. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor einen Kommentar unter diesem Beitrag oder eine E-Mail an kolumne@rheinische-post.de. Oder folgen Sie ihm auf Twitter.

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