Fernseher. Foto: vita khorzhevska / Shutterstock.com
Foto: vita khorzhevska / Shutterstock.com

Die durchtrennte Nabelschnur

Mindestens einmal in der Woche bekomme ich Post von meinem Internetanbieter mit immer neuen sagenhaft günstigen Angeboten für einen Kabelfernsehanschluss. Das Festnetztelefon gibt es dann fast geschenkt. Natürlich nur, solange man das Kleingedruckte nicht liest, denn es gibt immer einen Haken. Ein halbes Dutzend amerikanischer Großkonzerne hat, ähnlich wie in Deutschland, den Telekommunikationsmarkt unter sich aufgeteilt und sorgt für saftige Preise. Für meinen Internetanschluss bezahle ich mit 70 Dollar (63 Euro) bei einer Durchleitungsgeschwindigkeit von rund 25 Megabits pro Sekunde ohnehin schon genug. Dazu noch Kabelfernsehen ist mir zu teuer, und ein Festnetztelefon, auf dem ohnehin fast nur lästige Werbeanrufe eingehen würden, will ich gar nicht haben. Smartphone und Internet, um Filme zu streamen, reichen mir völlig.

Ich bin ein „Cord Cutter“ – eine Mediennutzerin, die ihre Nabelschnur zum Fernsehen und zum Telefon gekappt haben. Mit diesem Nutzungsverhalten befinde ich mich in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft. Vor zehn Jahren noch hatten nahezu alle amerikanischen Haushalte klassisches Fernsehen und Telefon. Inzwischen sinken die Anschluss- und Nutzungsraten immer schneller. Im Durchschnitt saßen die Amerikaner 2014 rund zehn Prozent weniger vor ihren Fernsehern als 2013. Im Jahr zuvor ging der Fernsehkonsum nur um drei Prozent zurück, der Sinkflug wird also steiler.

Zwar laufen die amerikanischen TV-Geräte mit knapp fünf Stunden pro Tag immer noch reichlich lange, wenn auch oft nur als Geräuschkulisse, aber in immer mehr Haushalten laufen sie gar nicht mehr. Nur die über 60-Jährigen halten noch überwiegend an ihren Fernsehgewohnheiten fest. Streamingdienste wachsen dagegen rasant. Mehr als ein Drittel der US-Haushalte hat ein Netflix-Abo, jeder achte Amerikaner streamt Filme per Amazon Instant Video. Für diejenigen, die sich noch nicht trauen, die elektronische Nabelschnur zu durchtrennen, leisten Youtube-Anleitungen Hilfestellung.

Den TV-Sendern bleibt nichts anderes als mitzumachen. Denn immer mehr Amerikaner machen es wie ich. Wenn ich die neueste Staffel von „Homeland“ oder „The Walking Dead“ zum Sendestart nicht sehen kann, weil sie im Kabelfernsehen läuft, warte ich, bis sie bei Netflix oder Amazon verfügbar ist. HBO ist der erste Ex-Kabelsender, dessen Programm man jetzt auch ohne Kabelanschluss empfangen kann. „True Detective“ läuft bei mir auf der Playstation meiner Kinder.

Ulrike Langer ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin einen Kommentar unter diesem Beitrag oder eine E-Mail an kolumne@rheinische-post.de. Oder folgen Sie ihr auf Twitter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.