Apple Watch; Bild: dpa, htf tba
Journalisten testen im Apple Store in Berlin am 09.03.2015 die neue Computeruhr des Herstellers, die sogenannte Apple Watch. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Wie sieht guter Journalismus auf der Smartwatch aus?

Seit wenigen Tagen erst ist die Apple Watch auf dem Markt. Es ist die erste Smartwatch, die zumindest das Potenzial hat, einen Massenmarkt zu erreichen. Sicher, wir können nicht vorhersagen, welchen Markt Smartwatches wirklich finden werden. Doch den Kopf in den Sand zu stecken, und zu hoffen, dass diese neumodischen Uhren ohnehin niemand nutzen wird, hat, wie Christian Meier ganz richtig schreibt, schon beim Verhältnis der Zeitungen zum Internet nicht funktioniert. Es ist also die Zeit, nach neuen Lösungen und Darstellungsformen im Journalismus zu suchen, die zum Ökosystem einer Smartwatch passen.

Rahmenbedingungen: Klein und persönlich

Kein Wort wäre in diesem Falle treffender, als „Rahmen“. Gerade einmal 4,2 Zentimeter lang ist das größere Modell der Apple Watch. Die Inhalte, die auf ihrem Display angezeigt werden können, müssen entsprechend reduziert sein. Kein Schnickschnack. Ein Bild. Ein paar Wörter. Fertig.

Ebenso zu den Rahmenbedingungen zählt aber das Thema Nähe. Nie war Information persönlicher und näher, als am eigenen Handgelenk. Nicht einmal die Zeitung aus Papier ist damit zu vergleichen. Diese nehmen wir morgens in die Hand, begreifen somit zwar auch den Inhalt, danach legen wir sie aber häufig wieder weg.

Eine Smartwatch tragen wir dagegen den ganzen Tag mit uns herum. Alles, was auf ihr passiert, bemerken wir sofort und erwarten, dass es uns betrifft. Noch mehr, als die Inhalte auf einem Smartphone, das in der Tasche vibriert.

Erste Gehversuche: Der Trugschluss der Eilmeldung

Wenn etwas auf der Welt oder in meinem Ort passiert, will ich es wissen. So schnell wie möglich. Mit diesem Gefühl laden viele Nutzer Nachrichtenapps auf ihr Smartphone. Die Eilmeldung ist dabei das Salz in der Suppe: Natürlich will ich, dass mich mein Smartphone in bestimmten Situationen darauf aufmerksam macht, wenn etwas passiert. Doch gilt das gleichermaßen auch für die Smartwatch?

Einerseits ja. Schließlich ist das Gerät eine Verlängerung meines Smartphones, und gerade kurze Schlagzeilen passen sehr gut zum beschriebenen engen Rahmen, den eine Smartwatch uns Journalisten aufzwingt. Es überrascht also nicht, dass von BILD bis zur FAZ alle deutschen Medien, die bereits auf der Apple Watch vertreten sind, Eilmeldungen anbieten. Doch schon auf dem Smartphone können Eilmeldungen auch nerven: „Was, dafür bekomme ich eine Benachrichtigung?“

Umso mehr müssen sich Medienmacher bei der Bespielung von Smartwatches Gedanken darum machen, was eigentlich eine Eilmeldung ist, und was nicht. Schließlich ist eine vibrierende Uhr der maximale Eingriff in das Leben der Nutzer. Nerven die vielen Eilmeldungen, wird die App gelöscht.

Auch deshalb wird aber am Ende wohl vor allem die Personalisierung von Meldungen sein – mal wieder.

„Wir bieten dir jeden Tag die wichtigsten Meldungen für dich!“

Der durchschnittliche Bauarbeiter interessiert sich nicht fürs Stricken und die durchschnittliche Bankerin nicht für Fußball. Diese Klischees sind zwar Klischees. Ein kleiner Kern an Wahrheit steckt aber doch darin, nämlich: Die Lebenswelten der Medienkonsumenten unterscheiden sich massiv. Die Pluralisierung der Gesellschaft beschleunigt diesen Effekt sogar noch.

Medienmacher sollten deshalb den Ausspielweg der Smartwatch nicht als Beschränkung sondern als Chance begreifen. Endlich haben sie so keine Beschränkungen einer einheitlichen Zeitungen oder einer einförmigen App mehr. Stattdessen können auf einer Smartwatch – die richtige Technologie im Hintergrund vorausgesetzt – Geschichten anhand des Standorts oder der Uhrzeit passend angeboten werden. Das Stichwort: Lebenswelt abbilden.

Der Nutzer ist morgens regelmäßig längere Zeit in der Nähe einer KiTa? Dann ist abends, wenn er zuhause ist, womöglich der richtige Zeitpunkt, um ihm auf der Watch einen Hinweis auf die ausführliche Geschichte zu den Schulanmeldezahlen zu geben, die er dann auf seinem Tablet lesen kann. Wir wissen, dass eine Nutzerin häufiger samstags in Dortmund im Stadion ist? Dann sollten wir ihr die Spieler-Personalie mittags wohl definitiv als Eilmeldung direkt auf der Watch ausspielen. In eine ähnliche Richtung gehen bereits die Angebote vom Guardian und der New York Times.

Natürlich müssen alle diese Möglichkeiten der Personalisierung freiwillig sein, schon allein um dem deutschen Datenschutz zu entsprechen. Dann jedoch besteht die echte Chance, Teil der Lebenswelt der Menschen zu werden – ohne zu nerven und zu sehr einzugreifen. Einfach, indem wir Geschichten dann anbieten, wenn sie passen. Und wenn es das Bild des Tages ist, das abends zum Schlafen gehen auf der Smartwatch angezeigt wird.

Journalismus ist dann gut, wenn er die Geschichten erzählt, die die Menschen bewegen. Und sie so erzählt, dass sie betreffen. Die Devise lautet deshalb auf der Smartwatch umso mehr: Nutzerdenken statt Macherdenken.

Und jetzt: Her mit den Apps!

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