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Optimismus jenseits der 140 Zeichen

Twitter Deutschland hat sein neues Büro in Berlin eröffnet. Die Mitarbeiter versprühen Euphorie und Aufbruch. Im März wird das Unternehmen zehn Jahre alt. Der harte Kern der Nutzer macht sich allerdings seit einiger Zeit Sorgen um die Zukunft ihres sozialen Netzwerks. Twitter will jetzt ein neues Kapitel aufschlagen. Ein Ortsbesuch.

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Kürzlich habe ich bei einem Mittagessen mit zwei Bekannten, die beide Digitalstrategien für Unternehmen ausarbeiten, über Twitter diskutiert. Ein spannendes Gespräch. Die Frage nach der Zukunft von Twitter wird in letzter Zeit deutlich ernsthafter geführt. Seit drei Monaten ist Gründer Jack Dorsey wieder CEO, im Herbst mussten acht Prozent der Mitarbeiter entlassen werden und letzte Woche befand sich die Aktie auf ihrem eigenen Tiefpunkt. Und dann sind da noch die empfindlichen Nutzer. Das wurde beispielsweise vor wenigen Tagen deutlich, als die Idee durch die Öffentlichkeit geisterte, künftig mehr Text mit einem Tweet abschicken zu können. Die Nutzer nörgeln besonders dann, wenn Twitter den Anschein macht, noch ein bisschen mehr wie Facebook werden zu wollen.

Womit wir schon beim Kernproblem von Twitter sind: Das Hauptbüro in San Francisco ist nur ein paar dutzende Kilometer von Facebooks Hauptquartier entfernt – und von den meisten anderen US-Interneterfolgen. Das Biotop Silicon Valley, in dessen Nachbarschaft sich Twitter seit zehn Jahren entwickelt, erkennt nur wenige Faktoren für den Erfolg an: Die Nummer Eins sein und viel Wachstum. Börse und Investoren geben den Takt vor. Vielleicht sind das genau die falschen Messgrößen für Twitter. Warum kann die Plattform nicht einfach gut in dem sein, was sie tut und dabei ihre Gewinne erwirtschaften, aber das reicht dann auch? Das Problem: Wer das Spiel nicht mitspielt, scheitert. Ich bin mir dennoch sicher: Ein Abgesang auf Twitter ist verfrüht.

Ein Blick in das neue Büro von Twitter in Berlin gibt eine etwas andere Perspektive. Zunächst ein paar Schnappschüsse, die ich bei meinem Besuch am Freitagabend mitgebracht habe.

Das neue Twitter-Büro in Berlin befindet sich an einem historischen Ort.  Das hipstermäßig umgebaute Startup-Hort „Factory“ hat eine Wand, die Teil der Berliner Mauer war. Neben Uber, 6Wunderkinder oder Soundcloud hat jetzt Twitter größere Räumlichkeiten in der „Factory“ bezogen. Derzeit arbeiten dort 12 Mitarbeiter. Der Bereich Sales ist weiterhin in Hamburg untergebracht, sodass es derzeit rund 30 Mitarbeiter bei Twitter Deutschland gibt.  Natürlich ist alles sehr spielerisch eingerichtet. Ein vernetzter Kickertisch, der die Ergebnisse twittert (@kickerberlin), eine Jukebox welche via Tweet an @tweetthebeat („Interpret – Titel“) ferngesteuert werden kann, ein Studio für Aktionen mit Promis (#Blueroom) und natürlich Arbeitsplätze oder Besprechungsräume die nach Vogelarten benannt sind.  Auf einem Motivationspostkarten in der Küche steht: 1. Simplify 2. Reach every person on the planet 3. Ship it.

Trotz negativer Schlagzeilen und berechtigten Diskussionen rund um Twitter nehme ich nach meinem Besuch eine Portion Optimismus mit.  Nicht weil Twitter auf einmal Liebling des Valleys werden wird, oder weil es auf einmal auf wundersamer Weise sämtliche Erwartungen erfüllen wird. Auch nicht weil die Mitarbeiter optimistisch sind – für sie muss die derzeitige Innen- und Außenwahrnehmung sehr weit auseinander klaffen.  Es sind die wahrnehmbaren Zwischentöne die mir gefallen. Twitter scheint gerade seine Rolle zu finden. Hier ist, was ich beobachte:

  1. Twitter hört wieder stärker auf seine Community: Die Idee, auch langen Text neben den 140-Zeichen-Tweets verschicken zu können, hat eine Kontroverse ausgelöst. Aber für mich zeigt das Thema: Schon heute verschicken viele Nutzer Bilder mit langen Texten. Wenn die XXL-Tweets kommen, hört Twitter auf die Nutzer und bietet neue Features, die sich an der tatsächlichen Nutzung der Plattform orientieren. Darüber hatte ich vor ein paar Tagen schon in meinem privaten Blog geschrieben.
  2. Twitter grenzt sich von anderen Netzwerken ab:  Vielleicht hat Twitter eingesehen, kein zweites Facebook sein zu können. Vielleicht wollte es dies auch nie werden. Auf jeden Fall betont das Netzwerk in letzter Zeit stärker, ein öffentliches Nachrichtensystem zu sein.  Und damit hebt es sich von sämtlichen Instant Messengern, aber auch von anderen sozialen Netzwerken ab.
  3. Twitter besinnt sich auf seine Stärken: Was ist die große Stärke von Twitter? Live! Es ist das Echtzeit-Medium. Facebook aggregiert nach Interessen, aber Twitters Stärke liegt in der Echtzeit. Wenn irgendwo etwas passiert, dann rufen viele Nutzer erst Twitter auf, bevor sie sich woanders informieren. Damit das so bleibt, setzt Twitter auch in diesem Jahr intensiv auf Persicope. Seit ein paar Tagen werden die Live-Videos direkt in der Timeline angezeigt.
  4. Twitter öffnet sich den passiven Nutzern: Wer sehr aktiv auf Twitter ist, kann sich vielleicht noch daran erinnern, dass der eigenen Einstieg nicht einfach war. Wer sich mit viel Mühe eine gute Timeline zusammengeschraubt hat, vergisst aber vielleicht auch, dass passive Nutzer erst einmal vor einer leeren Timeline stehen, wenn sie sich dazu entschließen etwas aktiver zu werden. In den USA hat Twitter deswegen „Moments“ eingeführt. Eine Kollektion an Tweets, die vor allem seltene Gäste einen Zugang zum Netzwerk schaffen sollen. Ich denke, diese Anstrengungen werden in diesem Jahr verstärkt.
  5. Twitter hat viel vor: Wie das bei diesen Internet-Heinis immer so ist – sie verraten nie, was sie konkret planen. Aber ich entnehme einfach mal der Stimmung, dass in diesem Jahr besonders viel geplant ist. Und wenn das alles zu der Rolle passt, die Twitter gerade für sich findet, dann ist das gut.

Den Elan von Twitter möchte ich nicht stoppen. Denn zum Zehnjährigen muss sich Twitter beweisen.  Ob Twitter erfolgreich sein wird, werden wir in einigen Monaten sehen. Dann, wenn die Nutzer die Plattform weiterhin aktiv nutzen.

Noch nicht überzeugt? 2015 ist die Zahl der Tatort-Tweets übrigens um 34% gestiegen. Wer will denn da noch in den Abgesang einstimmen. Wir bleiben optimistisch .

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