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Selfie adé – wie die neue Video-App Beme uns wieder menschlicher machen will

Wenn ein Youtube-Star eine eigene Video-App entwickelt, lohnt sich ein Blick auf das Projekt. Wenn dieser Star Casey Neistat (800.000 Abonnenten) ist, und dabei vom ehemaligen Tumblr-Manager Matt Hackett (ehemaliger Vice President of Engineering) unterstützt wird, dann lohnt sich ein noch intensiverer Blick.

Neben Snapchat, Vine, Periscope und Meerkat reiht sich jetzt auch Beme (spricht sich wie das Beamen bei Raumschiff Enterprise) in den Reigen hipper Bewegtbild-Apps ein. Vereint sowohl in dem Glauben an das Format „Video“, als auch in der Tatsache, dass sich diese Apps noch im Mainstream durchsetzen müssen. Doch die Idee hinter Beme ist wirklich vielversprechend.

Wer jetzt ganz schnell wissen möchte, wie Beme funktioniert, der sollte ganz schnell zum Abschnitt „Wer Selfies hasst, wird Beme lieben“ vorscrollen. Wer sich für die Faszination der App interessiert, bleibt besser dran.

Wenn in den letzten Wochen Meldungen von einem „Selfiestick-Verbot“ die Runde machten, dann haftete diesen Meldungen auch immer etwas magisches an. Egal, ob das Verbot in einem Museum, auf der Kirmes oder rund um ein beliebtes Urlaubsziel ausgesprochen wurde. Redakteure brannten auf die Umsetzung, die Leser teilten die Geschichten liebend gerne mit ihren Freunden. Diese Meldungen sind Gesprächsthema in der Büroküche oder beim Glas Alt nach Feierabend. Da spielte es auch keine Rolle, dass die Verbote an sich meist überhaupt nichts mit dem Selfiestick zu tun hatten. Oder dass es bescheuert aussieht, wenn wir sie benutzen. Wahrscheinlich liegt die Magie der Verbotsmeldungen in dem Wunsch, das ungewohnte Nutzen der Selfiesticks abzustrafen. In Wirklichkeit haben die Verbote andere logische Hintergründe: So müssen auf einer Achterbahn alle sperrigen und losen Objekte weggesperrt werden. Natürlich hängt ein Kirmesbetreiber in diesem Jahr ein Selfiestick-Verbotsschild auf. Das gibt Presse.

Jetzt kommt Beme ins Spiel. Die App löst das Problem, welches ein Selfiestick in unserem Unterbewusstsein auslöst. Das Smartphone steht zwischen mir und der realen Welt. Fotos oder Selfies sind stets inszeniert. Beme nimmt durch einen überdachten Aufnahmemechanismus die Perspektive des Menschen ein. Das lässt keinen Raum für Selbstdarstellung, aber viel Platz für menschliche Momente. Aus diesem Grund ist Beme interessant.

„Etwas aufzunehmen, ohne gezwungen zu werden auf mein Smartphone zu schauen, ist die befreiendste Interaktion, seitdem ich dieses Gerät besitze“ — Casey Neistat

Es gibt noch einen weiteren Grund: Beme will die Fassade einreißen, die Nutzer von Twitter, Facebook, Instagram und Co. aufbauen! Es gibt keine Filter, keine Editiermöglichkeit. Alles wird direkt hochgeladen.

Ein dritter Grund, der für Beme spricht: Uns nervt es an, dass theoretisch jeder Moment unseres Lebens im Netz landen kann. Während Europa mit Urteilen und Gesetzen dem Wunsch nach Vergessen nachkommt, hat sich in den USA ein Youtuber hingesetzt und ein eigenes Produkt entwickelt, welches dieses Problem löst.

Wer Selfies hasst, wird Beme lieben

Casey Neistat hat über ein Jahr an diesem neuen Mechanismus getüftelt. Bewusst hat er sich dafür entschieden, dass die Inhalte einmal gesehen werden und dann verschwinden. Auch hier geht Neistat auf ein Bedürfnis der Nutzer ein.

Jetzt ist die App fertig. Seit Freitag ist sie publik – in der Nacht habe ich von einem anderen Nutzer einen Einladungscode erhalten. So stellt Neistat sie seinen Zuschauern vor:

Auf diese Funktionen verzichtet Beme:

  • Wer ein Video aufnimmt, muss nicht auf sein Smartphone schauen.
  • Videos können nicht geliked, geherzt oder weitergeleitet werden.
  • Wer sich anmeldet, bekommt nicht automatisch alle seine Freunde von Facebook, Twitter & Co. vorgeschlagen.
  • Es gibt kein schickes Design.
  • Nutzer können keine klassischen Selfies von sich posten.
  • Es gibt keine Filter.
  • Es werden keine Hashtags eingesetzt.
  • Es werden keine Mentions genutzt.

Auf diese Funktionen setzt Beme:

  • Es gibt nur Hochkantvideos.
  • In einer Liste werden einem Beme-Nutzer angezeigt. Man kann ihnen folgen oder ihre Bemes anschauen. Eine Beschreibung zur Person gibt es aber nicht.
  • Es gibt bisher nur eine Version für das iPhone.
  • Wer eine Szene mag, kann ein Reaktionsselfie von sich machen.
  • Wer Bemes hochgeladen hat, kann sich die Reaktionsselfies der Zuschauer anschauen.
  • Ein Design wie bei einem alten Computerterminal.
  • Von einer nervigen Angelegenheit hat sich Beam nicht verabschiedet: Es gibt weiter Invite-Codes. Wer die App startet muss entweder mehrere Stunden warten, bis er freigeschaltet wird, oder bekommt einen Code von bestehenden Nutzern.

Hier ein kleiner Rundgang:

Laut Casey Neistat ist „Social Media“ stets eine Interpretation der Realität. Beme soll sich hingegen auf Augenhöhe bewegen.

So soll es nicht sein: Dass das Smartphone zwischen seinem Blick und dem Objekt des Aufzeichnens ist.

So soll es sein: Das Smartphone wird auf das Herz gedrückt und zeichnet das auf, was man selbst sieht.

So sieht die Oberfläche der App aus. Es werden einem Freunde, interessante Nutzer oder Nutzer in der Nähe angezeigt.

Wer sich ein Beme anschaut (Finger gedrückt lassen), kann durch einen weiteren Tippser auf das Video ein Reaktionsselfie von sich machen. Die gesammelten Reaktioneselfies landen dann beim Videoproduzenten:

Und? Wie geht es mit Beme weiter?

Beme hat einen großen Nachteil: Ich muss Menschen bereits kennen, um zu wissen, was ich von ihnen erwarten kann. Es gibt weder Profilbeschreibungen noch Vorschauen auf die Filme. Interessante Nutzer kann ich eher zufällig entdecken. Das kann frustrierend sein. Meiner Meinung nach funktioniert der Zugang zu neuen Inhalten im derzeitigen Konzept noch nicht.

Wir werden von der App in den kommenden Wochen viel hören. Auch wenn sie nicht zur Mainstream-App wird, leistet sie einen wertvollen Beitrag zu den Debatten um den Verbleib von Inhalten im Netz und um Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken.

Hier geht es zur Beme-App im App-Store.

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