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Meerkat

Meerkat – diese App ist das nächste große Ding im Internet

„Wir werden Social-Media neu erfinden.“ Mit diesen markigen Worten hat ein Gründer beim NewTech Meetup in Seattle am Dienstagabend auf sein Projekt aufmerksam gemacht. Eine App, mit der Nutzer live Video-Streams austauschen können. “ Das verändert die Art, wie wir im Netz in Echtzeit kommunizieren.“ Dieser Gründer glaubt, dass Livevideo zu einer neuen Form von Social-Media werden kann. Damit ist er nicht allein. Auch die Macher der Plattform YouNow oder von Apps wie Meerkat glauben an diese Idee.

Besonders die App Meerkat löst seit einigen Tagen einen Hype unter Medienmachern aus. In der kommenden Woche könnte sich auf der South by Southwest Interactive gar entscheiden, ob die App das Potential hat, in die erste Liga der App-Welt aufzusteigen.

Hier sind fünf Gründe, warum Meerkat das nächste große Ding im Internet werden kann — die Tatsache, dass es nach einem süßen Erdmännchen benannt ist und im Logo trägt, gehört noch nicht einmal dazu.

1. Meerkat ist eine intuitive und simple Video-App

Meerkat nutzt elegant das Twitter-Biotop. Wer einen Livestream schauen möchte, braucht nur in seiner Twitter-Timeline auf einen Tweet wie diesen zu achten:

Gary Vaynerchuck lässt sich filmen, wie er die Fragen zu #AskGaryVee beantwortet
Gary Vaynerchuck lässt sich filmen, wie er die Fragen zu #AskGaryVee beantwortet

Ein Klick auf den Link, ein Login mit dem eigenen Twitter-Account und schon wird das Live-Video angezeigt. Auf dem Desktop, auf dem Tablet oder auf dem Smartphone.

Wer senden möchte, braucht nur die iPhone-App zu laden. Zur Begrüßung kann der Nutzer einen Stream direkt starten oder für die Zukunft planen. Wer senden möchte, gibt kurz ein Thema an, das direkt mit dem Einladungslink getwittert wird. Die Zuschauerschaft ergibt sich aus den eigenen Twitter-Followern. Wer sendet, sieht nicht nur die Anzahl der Zuschauer, sondern auch die Icons der zuschauenden Twitter-Nutzer. Ein Klick auf das Gesicht zeigt die Namen der Zuschauer und die Twitter-Biographie an. Das ergibt eine ganz neue Form der Anrede-Möglichkeit. Im Bildschirm wird zudem ein Textchat mit den Zuschauern eingeblendet.

Jede Chat-Nachricht ist in Wirklichkeit ein Tweet. So werden auch andere Twitter-Follower auf die Dialoge und im nächsten Schritt auf den Stream aufmerksam. Das ist sehr geschickt.

Meerkat hat einen noch sehr rudimentären Funktionsumfang: Andere mobile Betriebssysteme werden noch nicht unterstützt. Es gibt kein Archiv. Die Videos können nachträglich nicht eingebunden werden. Das interne Score-System ist noch nicht fertig und funktioniert nur halb. Das kann alles noch kommen, muss aber auch nicht.

2. Meerkat fasziniert die richtigen Leute

App-Erfinder Ben Rubin lässt sich in diesem Meerkat-Stream befragen.
App-Erfinder Ben Rubin lässt sich in diesem Meerkat-Stream befragen.

Es gibt einige Stimmen die leichtfertig sagen, dass sie noch keinen sinnvollen Meerkat-Stream gesehen hätten. Aber gilt das nicht für jeden neuen Internet-Dienst? Twitter und Facebook nutzen wir heute auch ganz anders, als zu ihren frühen Phasen.

Bei meinen Sende-Tests haben sich gleich viele Journalisten eingeklingt. Vor allem Social-Media-Redakteure von anderen großen Nachrichtenwebseiten oder Zeitungsverlagen waren unter den Zuschauern. Wir scheinen zu ahnen: In Meerkat liegt ein Zauber. Worin dieser genau besteht, müssen wir noch ergründen.

In der Zwischenzeit gab es auf meinem Handy viele Benachrichtigungen, wer sich alles angemeldet hat: John Gruber vom legendären Blog Daring Fireball . Oder Leo Laporte von This Week in Tech.  Mit großer Spannung habe ich aber die Experimente von Online-Weinhändler und Mr. Selbstvermarkter Gary Vaynerchuck verfolgt. Zunächst hat er aus dem Flugzeug gestreamt und einfach etwas rumgespielt. Am nächsten Tag hat er sein Smartphone einem Mitarbeiter in die Hand gedrückt und gezeigt, wie er die Fragen seiner Twitter-Freunde im Rahmen der Aktion #AskGaryVee beantwortet. Mit dieser Form von Social-Media können seine Follower noch direkter dabei sein. In einem weiteren Stream, hat er seine Follower schon einmal auf seinen Vortrag bei der South-by am Wochenende neugierig gemacht. In diesen Spielereien sehen wir erst die Spitze des Eisbergs, was mit Meerkat möglich sein wird.

3. Es gibt einen Bedarf bei Internet-Nutzern

So sieht die Meerkat-App aus.
So sieht die Meerkat-App aus.

Vergangene Woche habe ich YouNow-CEO Adi Sideman in seinem New Yorker Büro besucht. Er glaubt an die gleiche Idee wie Meerkat-Gründer Ben Rubin. Live-Video als neue Form von Social-Media.

„Polizisten nutzen unseren Dienst während ihrer Schicht. Wir haben einen Verkäufer, der in einem Deli arbeitet und zeigt, wie er seine Kunden bedient. Hinterher spricht zu den Zuschauern über seine Kunden. Es gibt auch Hip-Hop-Inhalte“, so Sideman. „Es ist eine neue Medien-Form. Es ist interaktives Video.“ Sideman glaubt, dass Videos eine immer wichtigere Rolle in unserem Leben und in Social-Media spielen werden. Es ist nicht mehr das Video, wie wir es vom Fernsehen kennen. „Diese Form ist unmittelbar, eine Unterhaltung, zu der wirklich jeder etwas beitragen kann und eine Form, die von der Zuschauerschaft zusammengestellt und verbreitet wird.“ Sideman sieht in dieser neuen Form eine Chance auf echtes Social-Television. Die gleichen Mechanismen wie YouNow bedient auch Meerkat.

Der Unterschied: YouNow hat sich Jugendliche als Zielgruppe ausgesucht und wird jetzt (vor allem in Deutschland) gedisst. Meerkat hat sich Twitter als Partner gesucht und wird jetzt gehyped.  Kein Wunder: Sind doch die Early-Adaptor und First-Mover der öffentlichen Wahrnehmung auf Twitter zu finden — und nicht in den Kinderzimmern.

4. Es gibt einen Bedarf bei Journalisten

Ein US-Fernsehmacher zeigt den Regierraum und gibt seinen Zuschauern so einen Blick hinter die Kulissen.
Ein US-Fernsehmacher zeigt den Regierraum und gibt seinen Zuschauern so einen Blick hinter die Kulissen.

Meerkat möchte auch den Journalismus verändern, wie ein Interview mit dem Firmenchef Ben Rubin mit dem geschätzten Kollegen Jörgen Camrath bei Kress.de zeigt.

Journalisten profitieren auf zwei Arten. 1.) Sie haben Zugriff auf die Meerkat-Streams der Nutzer und können sich einen besseren Überblick über ein Thema verschaffen. 2.) Sie haben ein weiteres Werkzeug für die eigene Berichterstattung. Schon bei den Vine-Videos hat sich gezeigt, dass diese Artikel anreichern können. Wenn Reporter vor Ort sind, können sie Eindrücke live senden oder auch Gespräche und Interviews direkt mit den eigenen Twitter-Followern teilen.

Ein Nachteil: Meerkat bietet derzeit nur Hochkantvideos. Eigentlich ein No-Go für Smartphone-Journalisten. Aber seit der „Ice Bucket Challenge“ sind diese hoffähig geworden. Robb Montgomery (Gründer der Smart Film School) erklärt in diesem YouTube-Video, wie Filmemacher mehr Qualität aus Meerkat herausholen können:

Kleiner Service für Journalisten in Deutschland: Wer spontan einen Stream startet, braucht noch keine Rundfunklizenz von einer Landesmedienanstalt. Bevor die nötig wird, müssen noch andere Voraussetzungen erfüllt werden. Doch das führt an dieser Stelle zu weit.

5. Das Timing passt dank „Ice Bucket Challenge“

Die Ideen von Meerkat, YouNow & Co. sind nicht neu.  Dienste wie BlogTV, Justin.tv oder UStream haben es schon vor Jahren möglich gemacht, dass User live streamen. Doch dieses Mal stehen die Vorzeichen anders. Die Webcam-Verbreitung ist nicht nur höher, wir leben auch in der Zeit nach der „Ice Bucket Challenge“.

Dieses Internet-Phänomen hat nicht nur das Hochkantvideo hoffähig gemacht, sondern auch alle Teilnehmer zu Videoproduzenten werden lassen, die selbst vor der Kamera standen. Normalerweise stellen die üblichen verdächtigen eigene Videos ins Netz, in denen sie selbst zu sehen sind. Die „Ice Bucket Challenge“ hat eine Zeitenwende eingeführt: Wir haben Videos von Menschen gesehen, von denen wir nie vermutet hätten, dass sie auch einmal ein Webvideo moderieren.

Für viele dürfte die Hemmschwelle sich selbst im Online-Video zu zeigen, gesunken sein. Eine Tatsache, die Meerkat in die Hände spielt.

Bonus:  Die South by Southwest steht an

„If you make it there, you’ll make it everywhere“ — dieser Spruch gilt nicht nur für den Broadway, sondern in der Internet-Welt gilt dieser Spruch auch für das Digital-Festival South by Southwest Interactive. Von Freitag bis Dienstag findet es wieder in Austin (Texas) statt. Alleine zur Interactive kommen rund 30.000 Teilnehmer. 2007 hat Twitter hier seinen Durchbruch geschafft. 2009 kamen Foursquare und Gowalla auf. Seitdem hat es keine App mehr geschafft.

Meerkat hat es hingegen rechtzeitig geschafft, sich bei einem relevanten Kreis ins Gespräch zu bringen. Obwohl die App noch längst nicht fertig ist, wird sie gehyped. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob sie von einem größeren Teil der Tech-Community angenommen wird. Ist dies der Fall, wird Meerkat das nächste große Ding im Internet. Die Vorzeichen stehen gut.

Folgen Sie mir auf Twitter: Ich werde in den kommenden Tagen von der South-by-Southwest Interactive so manchen Meerkat-Stream starten. Seien Sie in Echtzeit dabei.

4 comments

  1. Alle paar Jahre wird die Sau Mobile Video wieder durchs Dorf getrieben, die schon mehrere der – von dir bereits erwähnten – Startups wie Viddy in den Ruin getrieben und dutzende Millionen an Venture Capital vernichtet hat. Also ist Hochkant jetzt der heiße Shice, obwohl eigentlich alle davon abraten, weil es keiner wirklich mag und weil Twitter bereits einen eigenen solchen Dienst inkludiert. Na gut…

    Ich halte es nicht für unmöglich, dass es diesmal klappt. Aber ganz ehrlich? Ein mobiler Hochkant-Video-Dienst – das ist, wofür sich die Startup-Szene im Jahre 2015 feiern lässt? Wofür wieder Millionen verbraten werden? Das Beste, was Silicon Valley zu bieten hat? Ernsthaft?

    Ich glaube eher was Anderes: SXSW und der Startup-Szene bewegen sich in ihrer eigenen Märchenwelt. Es gibt genug Dinge, die anzupacken wären, um den angeschlagenen Planeten zu retten, aber denen fällt schlicht nichts Anderes mehr ein als, wie man Fotos und Videos teilen kann oder seine Designer-Lebensmittel am schnellsten nach Hause bekommt. Das ist doch erbärmlich!

  2. Fritz Iv says:

    Ich würde ja Jürgen Vielmeier Recht geben, in dem Punkt, dass sich Startups vielfach mit Banalitäten befasst. Ob Meerkat dazu gehört, weiß ich nicht. Ähnlich wie bei Twitter selbst entdecken die Nutzer selbst die Anwendungen. Das kann auch weltbewegend sein, weil es das Netz als ein hochgradig dokumentaristisches Medium noch einmal um eine interessante Möglichkeit erweitert, Da gibt es dann triviale Nutzungen – z.B. Entertainment-Kram, Party-Zeug, Urlaubszenen, Tralala of all kind ad inifinitum – aber so ein Instrument ist eben auch eine ziemlich unerwünschte Waffe , weil die Daten schon on air sind, bevor die Staatsgewalt das Aufnahmegerät konfiszieren und die Daten löchen kann. Heute werden ja gerne mal von Polizisten Handies eingezogen, die etwas nicht ganz Sauberes beobachtet haben – künftig hilft das wenig. „Vorsicht, diese Szene wird live übertragen!“
    Ich frage mich allerdings, wie das mit der Bandbreite außerhalb von WLAN gehen soll. Wenn bei Bayern München rundherum tausend Leute streamen (was sich zu einem tollen Poly-Perspektivismus zusammensetzen ließe), kommt live vermutlich nichts mehr an? Wie soll das gehen? So könnte Meerkat tatsächlich das mobile Netz mehr verändern, als uns lieb ist.

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