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Foto: Mathias Vietmeier
Foto: Mathias Vietmeier

„Programmierer sind die Rockstars des 21. Jahrhunderts“

Warum Snapchat der Nachfolger vom Live-Ticker geworden ist und warum programmierende Journalisten mehr Geld verdienen, erklärt Blogger und RP-Kolumnist Richard Gutjahr in diesem Gespräch über die Trends der SXSW.

Welche Trends diskutiert die Digital-Szene?

Gutjahr Die SXSW ist pragmatischer geworden. Statt um Grundsatzdebatten, ging es um die konkrete Umsetzung. Wie können Daten genutzt werden, um mehr über Leser und Kunden zu erfahren und dann für sie bessere Produkte zu bieten. Virtual Reality und künstliche Intelligenz sind weitere große Trends. Dazu gehört auch, wie Journalismus mit der Unterstützung von intelligenten Sortiermöglichkeiten die Inhalte besser an die Nutzer ausliefern kann. Echtzeit ein auch großes Thema. Snapchat löst Youtube ab, weil es nahezu in Echtzeit abläuft. Es is näher und authentischer als die inszenierten Bewegtbilder bei Youtube oder im Fernsehen.

Alle fünf Minuten schauen Menschen auf ihr Smartphone. Was bedeutet dies für die Inhalte im Netz?

Gutjahr Wir Menschen besitzen nur noch die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Wenn nicht alle zehn Sekunden ein neuer Reiz kommt, driften wir ab. Die Abstände, in der wir eine neue Info erwarten, werden geringer. Das haben wir schon bei den Live-Tickern erlebt. Dort sind die Neuigkeiten per Text ausgeliefert worden. Heute erwarten die Nutzer aber auch Audio und Video und alle anderen Formen der Kommunikation. Es ist heute sehr leicht mit Snapchat einen Moment als Video festzuhalten und diesen dann zu teilen. Die Reise geht dorthin, dass die Nutzer keine Konserve mehr wollen, sondern sie wollen wissen, was gerade passiert ist. Sie wollen sehen, was sich seit der letzten Aktualisierung der Geschichte vor 20 Minuten verändert hat. Die ständige Aktualisierung von Ereignissen, alles parallel und nebeneinander, das wird immer mehr in den Nachrichten- und Medienkonsum einfließen.

Wie lautete Ihr größter Aha-Moment auf der SXSW?

Gutjahr Nachdem wir erlebt haben, wie ganze Institutionen, Sender, Verlage aber auch die Werbewirtschaft gelernt haben, sich neu aufzustellen, erleben wir das jetzt auch bei den einzelnen Journalisten. Jeder Journalist muss sich überlegen, wie er in diesem neuen Umfeld mit Facebook, Instagram, Twitter oder jetzt auch Snapchat seine Botschaft und seine Recherche auf den unterschiedlichen Wegen kommuniziert. Es reicht nicht mehr, eine gute Geschichte zu haben und sich dann hinzulegen. Jeder einzelner Journalist ist künftig sein eigener Newsroom.

Emoji sind kleine Symbolgraphiken, die in keiner Kommunikations-App fehlen dürfen. Was überrascht Sie beim Blick auf die weltweite Nutzung?

Gutjahr Bisher ging man davon aus, dass Emoji zur Entschriftlichung führen. Sprich: Dass die Symbole Worte ersetzen. Sprachwissenschaftler haben Milliarden Emoji analysiert und sagen: Die Schrift bleibt, Emoji und GIFs liefern eine zusätzliche Meta-Ebene der Kommunikation. Es ist so, als ob man seinem Gesprächspartner in das Gesicht schaut und anhand seiner Mundwinkel Details wie Ironie erkennt.

Welche Rolle spielen Programmierer künftig?

Gutjahr Programmierer sind die Rockstars des 21. Jahrhunderts. Nicht nur Technik-Firmen brauchen sie, sondern alle Branchen. Nehmen wir den Journalismus: Besonders die Kollegen sind gefragt, die auch programmieren können. Wenn ich heute noch mal Journalist werden wollen würde, wäre es Pflicht noch mal ein Jahr dran zu hängen, um Programmieren zu lernen. Weil das die Art und Weise ist, wie wir uns in einer digitalen Welt Informationen suchen, analysieren und organisieren. Dann können wir unsere Welt erst verstehen. Programmierer können heute richtig viel Geld verdienen. Ich habe den Eindruck, dass die Programmierer hier in den USA mittlerweile zu den Topverdienern gehören.

Neben Präsident Obama waren auch Schauspieler und Produzenten hier.  Schauspielerin Kerry Washington („Scandal“), die Crew der Hacker-Serie Mr. Robot oder Regisseur J.J. Abrams. Sie alle haben vom Einfluss von Social-Media auf ihre Arbeit gesprochen. Was können wir da lernen?

Gutjahr Die Stars haben angefangen, sich sehr professionell mit Social-Media auseinanderzusetzen. Einige nutzen eine Agentur, aber viele lassen es sich auch nicht aus der Hand nehmen, twittern selbst oder laden ihre Inhalte selbst bei Youtube, Snapchat oder Instagram hoch. Sie haben erkannt, dass diese Arbeit Teil ihrer Marke und ihrer Identität ist. Ich habe J.J. Abrams mit seinem Finger auf meinem Smartphone unterschreiben lassen — also direkt auf dem Bildschirm und nicht mehr auf Papier. Das fand er ganz lustig. Heute geben die Stars eigentlich keine Autogramme mehr, sondern Selfies. Die gehen auch mit der Zeit und merken, dass sie sich selber anders in der digitalen Sphäre bewegen müssen. Nach dem Motto: Picture, or it didn’t happen. Wenn du kein Foto von dem hast, was du mir da erzählst, dann hat es nicht stattgefunden. Das ist eine Wirklichkeit, die nicht mal von den Stars, egal, wie viel sie verdienen, halt macht.

Richard Gutjahr bloggt auf gutjahr.biz, moderiert im Bayerischen Fernsehen und schreibt monatlich für die RP seine Kolumne „Total Digital“. Foto von Gutjahr: Mathias Vietmeier.

One comment

  1. d says:

    „Programmierer sind die Rockstars des 21. Jahrhunderts“ kann nur jemand schreiben, der selbst gerne Rockstar wäre. Aber die braucht eben niemand.

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